Karnevalswagenbauer Jacques Tilly: Auch die Kirche braucht Kritik
Düsseldorfer Künstler spricht über Humor und Hass

Karnevalswagenbauer Jacques Tilly: Auch die Kirche braucht Kritik

Kirchenkritik gehört zum festen Repertoire des Düsseldorfer Karnevalswagenbauers Jacques Tilly. Über den Humor religiöser Menschen und Hassreaktionen vom rechten Rand spricht er im Interview.

Von Anita Hirschbeck (KNA) |  Düsseldorf - 24.02.2020

Die politisch-satirischen Wagen des Düsseldorfer Karnevalswagenbauers Jacques Tilly erregen jedes Jahr bundesweit Aufmerksamkeit. Auch die katholische Kirche wird von dem Künstler nicht verschont. Im Interview spricht der 56-Jährige über den Humor religiöser Menschen und Hassreaktionen vom rechten Rand spricht er im Interview.

Frage: Herr Tilly, immer wieder kritisieren Kirchenvertreter Ihre Wagen. Haben religiöse Menschen zu wenig Humor?

Tilly: Religiöse Menschen haben wahrscheinlich genau so viel oder wenig Humor wie alle anderen Menschen auch. Viele lachen über die Wagen, die ich baue. Auch über Wagen, die kritisch sind und den Katholizismus angreifen. Viele sagen: Das ist wichtig für uns, denn sonst verändern wir uns nicht. Kritik ist notwendig in einer pluralistischen Streitkultur - und ich glaube, die katholische Kirche weiß das auch.

Frage: Welche Art von Kritik kommt denn von kirchlicher Seite?

Tilly: Es wird immer wieder gesagt, dass religiöse Gefühle verletzt würden. Ich bin der Meinung: Alle menschlichen Gefühle sind gleichermaßen schützenswert. Religiöse Gefühle unter Umständen auch. Ich weiß aber auch, dass religiöse Gefühle ziemlich gefährlich werden können, wenn sie zu Fundamentalismus und Fanatismus führen. Und das muss kritisiert werden.

Frage: Was ist Ihnen heilig?

Tilly: Ich bin Agnostiker. Ich finde es sympathisch, wenn man sagt: Wir haben alle keine Ahnung, wir wissen nicht, was nach dem Tod kommt. Ich sehe mich außerdem als Humanist und bin der Tradition der Aufklärung verpflichtet. Für mich sind die Menschenrechte Kern meines Denkens. Das ist mir vielleicht nicht heilig, aber das ist der Kern meines eigenen Wertekanons.

Der Düsseldorfer Karnevalswagenbauer Jacques Tilly.

Frage: Und auf Ihre Arbeit bezogen? Gibt es Grenzen, die Satire nicht überschreiten darf?

Tilly: Ich bin nicht der Meinung, dass Satire alles darf. Verleumdung und Verletzung von Persönlichkeitsrechten gehen auch für einen Satiriker nicht. Für mich ist die Grenze außerdem da erreicht, wo Spott mit Opfern getrieben wird, zum Beispiel mit den Opfern der "Love Parade"-Katastrophe. Die Täter darf man nicht schonen, aber man darf nicht die Opfer verspotten.

Frage: Sie bauen seit 36 Jahren Karnevalswagen für den Rosenmontagszug in Düsseldorf. Sind die Menschen empfindlicher geworden?

Tilly: Es gibt zwei Entwicklungen. Einerseits ist die Gesellschaft insgesamt liberaler geworden. Die Menschen akzeptieren heute eine härtere Art von Humor als in den Achtzigerjahren. Andererseits kann sich Hass über die sozialen Medien sehr viel stärker austoben. Das ist eine neue Situation. Die Hassreaktionen zum Beispiel am rechten Rand haben einen Grad erreicht, den es vor zehn Jahren noch nicht gab. Auch meine Arbeit steht heute noch stärker im Fokus als früher.

Frage: Beeinflusst Sie die Kritik von rechts?

Tilly: Es sind Morddrohungen dabei, nach dem Motto "Ab ins Gas mit dir". Das ist schon neu. Aber mich beeindruckt das nicht im Geringsten. Ich mache meine Arbeit, wie ich es für richtig halte. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Ein Satiriker, der allen gefallen will, macht seine Arbeit nicht richtig. Man muss polarisieren. Auch bin ich ein großer Anhänger der Streitkultur. Es darf ruhig harte Reaktionen auf meine Wagen geben. Nur: Gewaltandrohungen sind die rote Linie.

Von Anita Hirschbeck (KNA)

Zur Person

Jacques Tilly (*1963) entwirft und baut seit 1984 politisch-satirische Wagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug. Er ist Mitglied des Beirats der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung.