Eine ältere Frau sitzt alleine in der Kirchenbank
Bild: © KNA
Neues Buch nimmt Kirche unter die Lupe

Diagnose Glaubenskrise

Buch - Viele Menschen treten aus der Kirche aus, immer weniger Männer werden Priester. Kreuze in Schulen und Gerichten werden abgehängt, christliche Feiertage wie Weihnachten und Ostern sind für viele Deutsche bloß noch Einkaufsanlässe. Dazu die Missbrauchsdebatte der vergangenen Jahre - ganz klar, die katholische Kirche steckt in einer Krise. So lässt sich jedenfalls in Kurzform die Diagnose in Rudolf Bauers neuem Buch "Was ist los mit den Christen?" zusammenfassen.

Bonn - 08.08.2013

Der gläubige Katholik war mehr als 25 Jahre Leiter des Bereichs Innenpolitik und Kirchenfachmann bei der "Rheinischen Post". Jetzt legt er die Kirche im einstmals christlichen Abendland quasi auf den OP-Tisch. Sein Urteil: Dem Patienten fehlt es am rechten Glauben.

Diese Diagnose ist auch nach mehr als 2.000 Jahren Christentum neu. In ihrer Geschichte hat die Kirche viele Krisen überstanden, von den Streitigkeiten der Jünger in Jerusalem über Kirchenspaltungen mit mehreren Päpsten bis hin zur Reformation. Aber fehlender Glaube war selten das Problem.

Missionsgebiet Deutschland

Bauer kritisiert, dass viele Katholiken heute kaum noch über ihren Glauben Bescheid wüssten: "Wir erleben keine kämpferische Auseinandersetzung zwischen Christen und Atheisten, sondern eher Desinteresse und Belanglosigkeit." Deutschland sei zum Missionsgebiet geworden. Als Symptome sieht er Kirchenaustritte und Priestermangel, aber auch neue Kirchenlieder, die "kraftlos klingen wie dünne Limonade". Dabei sei das Christsein doch «keine Sache von Softies».

Eine Erneuerung der Kirche kann nicht von heute auf morgen funktionieren, glaubt Bauer, denn der Weg zu einem glaubensintensiven Leben sei schwierig: "Wenn ich sagen könnte, wie die Kirche aus der Krise kommt, wäre ich Berater des Papstes."

Einige Ideen hat der Katholik und Kirchenexperte aber schon: Zum Beispiel müsse die Kirche den Glauben anders vorleben. Statt Papiere und Beschlussvorlagen zu produzieren, müsse sie "den Menschen endlich wieder den Glauben näher bringen".

Wenn ich sagen könnte, wie die Kirche aus der Krise kommt, wäre ich Berater des Papstes

Zitat: Rudolf Bauer

Für Bauer spielt dabei eine Besinnung auf alte Werte eine wichtige Rolle. Kirche müsse zwar zeitgemäß sein, aber nicht modisch. Auch der Gottesdienst ist für ihn "keine Party", sondern die Liturgie müsse die Würde wahren, die dem Anlass angemessen sei.

Bauer schlägt in seinem Buch aber auch neue Wege vor: Priester sind überfordert, weil sie zunehmend Manager statt Seelsorger sind? "Dann stellt mehr Verwaltungsfachleute ein!", so Bauer. Priester sind einsam? "Dann gründet WGs für Priester, damit die armen Kerle nicht alleine in einem großen Pfarrhaus sitzen!" Klöster müssen schließen? "Dann bietet mehr 'Urlaub auf Zeit' im Kloster an!"

Lob für Franziskus

Solche und ähnliche Vorschläge sieht der Kirchenexperte als Anfänge im Kleinen. Im Großen setzt er seine Hoffnung vor allem auf Papst Franziskus - wie viele andere Katholiken. Nicht ohne Grund trauten viele dem demütig und bescheiden auftretenden Kirchenmann zu, für neuen Schwung in der Kirche zu sorgen und die Glaubenskrise zu beenden oder zumindest abzumildern.

Der Weltjugendtag in Rio, bei dem Franziskus frenetisch gefeiert wurde, kommt in dem Buch noch nicht vor. Bauer betrachtet solche Großveranstaltungen zwar skeptisch, da sie für viele "einfach nur ein Event" seien, doch Franziskus habe seine Sache gut gemacht, urteilt der Autor auf Nachfrage gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur: "Der Papst ist auf einem guten Weg, zu zeigen, wo Christsein sich bewährt. Wir waren an Floskeln der Frömmigkeit gewöhnt, das ist heute anders."

Wie viel sich durch solche Auftritte tatsächlich ändern wird, wagt Bauer nicht vorherzusagen. In seinem Buch nimmt er die Stellung der katholischen Kirche in Europa kritisch unter die Lupe. Er benennt Ursachen und Symptome der Glaubenskrise aus seiner Sicht.

Musterlösungen bietet er aber nicht an, für die Therapie seien andere verantwortlich. Das Buch soll eine "Momentaufnahme" sein - nicht mehr und nicht weniger.

Von Tjalke Weber (KNA)

Rudolf Bauer: "Was ist los mit den Christen?", Verlag Kilomedia, 120 Seiten, 14,80 Euro.

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