Architekt Dominikus Böhm
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Vor 100 Jahren wurde die erste Kirche von Dominikus Böhm geweiht

Entfesselungskünstler des modernen Kirchenbaus

In der Weimarer Zeit waren seine Kirchenbauten noch ein Skandal. Erst nach den Zerstörungen des Krieges und dann mit dem Konzil schien Platz für einen neuen Stil, Kirche und Gemeinde zu denken. Dominikus Böhm machte es vor.

Von Alexander Brüggemann (KNA) |  Köln/Offenbach - 20.06.2020

Seine Kirchenbauten gelten mit Recht als die ersten modernen in Deutschland. Er setzte die Liturgische Bewegung um die Benediktiner von Maria Laach und Romano Guardini in Stein um. Der Kölner Kardinal Josef Frings nannte ihn dafür "den bahnbrechenden Meister, der die kirchliche Baukunst aus den Fesseln des Historismus löste". Insofern erinnert der 100. Weihetag der ersten Kirche des Architekten Dominikus Böhm (1880-1955) am 20. Juni auch an einen großen kulturellen und liturgischen Aufbruch in der katholischen Kirche.

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert und verstärkt nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs entwickelte die Liturgische Bewegung bei ihrer geistlichen Sinnsuche neue Konzepte einer Gemeindekirche, die sich um den Altar gruppiert und gemeinsam feiert. Der junge Böhm fasste dies in die Formel "ein Gott, eine Gemeinde, ein Raum!" Was ein halbes Jahrhundert später zum neuen kirchlichen Standard werden sollte, war selbst im kreativen kulturellen Klima der Weimarer Republik noch für die meisten Katholiken ein Schock. Neue Werkstoffe, die zunächst als für Sakralbauten "unwürdig" angesehen wurden, ermöglichten völlig neue Gestaltungsformen.

Ein bekannter Sohn

Seit 1914 hatte Böhm für Offenbach, wo er 1913 sein Architektenbüro eröffnete, an Entwürfen für eine Kirche gefeilt. 1919 erhielt er den Auftrag für eine Notkirche aus Holz, die trotz der Schlichtheit ihrer Ausführung erstes Aufsehen erregte. Die (bereits 1947 wieder abgerissene) Josefskirche wurde am 20. Juni 1920, vor 100 Jahren, geweiht. Sein dritter Sohn Gottfried, später selbst ein epochaler Kirchenbauer, war da gerade fünf Monate alt.

Mit unkonventionellen Gotteshäusern in Dettingen am Main und Neu-Ulm (1922) legte der junge Architekt Dominikus Böhm nach. Der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer berief den gebürtigen Schwaben 1926 als Professor an die neu gegründeten Kölner Werkschulen. "Raum ist Sehnsucht" lautet ein weiteres Credo in Böhms Schaffen. In seinen Kirchenbauten kommt das Licht oft vom Altar her, dem Zentrum der Liturgie. Stimmungsvoll und expressiv, von strenger Monumentalität, modern und mystisch zugleich: Religiöser Raum sollte vor allem Andacht ermöglichen.

Altar, Kirche Maria Königin in Köln-Marienburg
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Dominikus Böhm hat die Kirche Maria Königin in Köln-Marienburg entworfen.

Böhm und seine kongenialen Kollegen wie etwa Rudolf Schwarz (1897-1961) waren dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) um Jahrzehnte voraus. Daher verwundert nicht, dass ihre Bauten selbst die Kirchenleitung spalteten. Der Besuch des Nuntius in Deutschland, Eugenio Pacelli – des späteren Papstes Pius XII. – in Böhms parabelförmiger Beton-Pfarrkirche in Mainz-Bischofsheim im Herbst 1928 war eine Sensation; gleichsam ein Ritterschlag für die neuen Experimente.

Andere hochrangige Vertreter der Hierarchie zeigten sich weniger aufgeschlossen. In seiner Silvesterpredigt 1929 wetterte der Münchener Kardinal Michael Faulhaber gegen den Bau von Kirchen, die auch "eine Sperrfestung im Tessinertal" sein könnten. Ein Seitenhieb gegen Böhms Bischofsheimer Gotteshaus, der den Meister tief kränkte.

Im Visier der NS-Kulturpolitik

Gleichwohl schuf er in den folgenden Jahren zwei seiner Hauptwerke: 1929/31 die gewaltige Kirche St. Josef in der Südstadt von Hindenburg, dem heute polnischen Zabrze, sowie 1930/32 sein wohl kühnstes Projekt, die Pfarrkirche St. Engelbert in Köln-Riehl. Acht parabelförmige Wandelemente aus Backstein zwischen Schalen aus Bimsbeton bilden einen zeltartigen Zentralbau, der im Volksmund bald "Zitronenpresse" genannt wurde.

Nach der Machtergreifung geriet Böhm ins Visier der NS-Kulturpolitik; die Weltwirtschaftskrise kostete ihn lukrative Aufträge, und auch innerkirchlich wehte seit Anfang der 30er Jahre ein kühlerer Wind. Erst nach der Erfahrung der totalen moralischen und materiellen Verstümmelung Deutschlands durch Krieg und Diktatur konnten der Avantgardist Böhm und seine Gesinnungsgenossen zum architektonischen Mainstream werden.

Seinen Siegerentwurf für eine Kathedrale im mittelamerikanischen San Salvador konnte er nicht mehr realisieren. Doch beim letzten Kirchenbau vor seinem Tod wagte Böhm erstmals seit langem auch außen wieder einen "großen Wurf": Die Südfassade der Vorstadtkirche Maria Königin in Köln-Marienburg von 1953/54 bildet ein einziges, in Weiß und Gold schimmerndes Glasfenster.

Von Alexander Brüggemann (KNA)