Heiner Wilmer, seit 2018 Bischof von Hildesheim
Nach Rekord-Austrittszahlen in 2019

Bischof Wilmer rechnet mit noch mehr Kirchenaustritten

2019 erreichten die Kirchenaustrittszahlen einen Höchstwert – doch laut Bischof Heiner Wilmer könnte es 2020 noch schlimmer kommen. Missbrauchsfälle oder Kirchensteuer seien nur vordergründige Ursachen für diese Entwicklung.

Osnabrück/Hildesheim - 01.07.2020

Die Corona-Krise führt nach Einschätzung von Hildesheims Bischof Heiner Wilmer zu einem weiteren Mitgliederschwund in der katholischen Kirche. Mit Blick auf die aktuellen Austrittszahlen fürchte er, dass es "einen Corona-Effekt" geben werde, sagte er den Zeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse (Sonntag) in Osnabrück. "Ich gehe davon aus, wenn die Abstandsregelungen und Vorsichtsmaßnahmen fallen, werden wir noch mal einen drastischen Einbruch an Kirchenbesuchern haben", so Wilmer.

Insgesamt machten ihn die steigenden Kirchenaustrittszahlen zwar nicht depressiv. "Aber es beunruhigt mich sehr." Phänomene wie die Missbrauchsfälle, die Struktur der Kirche und die Kirchensteuer seien nur vordergründige Ursachen für die Entwicklung. Es gehe zunehmend auch um die Frage der Relevanz. "Wir als katholische Kirche verlieren an Bedeutung, um das Leben der Menschen zu deuten", so Wilmer. Die katholische Kirche sei nur eine Anbieterin neben vielen sinnstiftenden Alternativen in der Gesellschaft.

"Ich will die klassische Pfarrei nicht kleinreden. Aber..."

Statt klassischer Pfarrgemeinden mit Absolutheitsanspruch braucht es laut dem Bischof in der Kirche mehr "Kraftzentren", die eine Ausstrahlung haben und statt von Priestern von engagierten Christen geleitet werden. Das könne etwa eine Hochschulgemeinde, eine Gruppe oder eine Hausgemeinschaft sein. Wilmer betonte: "Ich will die klassische Pfarrei nicht kleinreden. Aber wir brauchen Alternativen in der Verkündigung."

Die Christen müssten lernen, wie sie die Frohe Botschaft leben und auch verkündigen könnten und sich nicht in den virtuellen Raum verflüchtigen, forderte der Ordensmann. "Es geht darum, beieinander zu sein, Schulter an Schulter durchs Leben zu gehen, einander gegenüberzusitzen am Küchentisch, am Arbeitsplatz, wo Menschen älter werden, wo sie krank und zerbrechlich sind, Auge in Auge, miteinander zu lachen, zu weinen und wirklich körperlich präsent zu sein."

Wie alle deutschen Diözesen verzeichnet das Bistum Hildesheim für 2019 einen Anstieg bei den Kirchenaustritten. 8.048 Menschen kehrten hier der Kirche den Rücken, 1.030 mehr als im Jahr zuvor. Die Gesamtzahl der Mitglieder ging im Bistum laut der am vergangenen Freitag veröffentlichten Statistik auf 581.460 (2018: 593.360) zurück.

Die Gesamt-Austrittszahlen bei der katholischen Kirche in Deutschland waren 2019 so hoch wie nie zuvor. Insgesamt traten im vergangenen Jahr 272.771 Menschen aus der Kirche aus, wie aus der am Freitag veröffentlichten Kirchenstatistik der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) hervorgeht. Insgesamt ist die Zahl der Katholiken in Deutschland demnach sogar um über 400.000 Menschen gesunken. Die Anzahl der Katholiken 2019 betrug 22.600.371 (2018: 23.002.128). Der Katholikenanteil an der Bevölkerung Deutschlands ging auf 27,2 Prozent zurück. 2018 waren noch 27,7 Prozent katholisch. (tmg/KNA)