Frage: Pater Sievernich, Sie haben nach der Generalaudienz am Mittwoch Papst Franziskus persönlich getroffen. Wie haben Sie diese Begegnung erlebt?
Sievernich: Für mich war es eine sehr herzliche Begegnung nach langer Zeit. Ich hatte ihn zuletzt 1986 in Frankfurt getroffen und mit ihm Gespräche geführt. Daran konnte er sich ganz genau erinnern. Ich war ganz überrascht, denn er wusste noch Details unserer Begegnung, etwa über welche Themen wir gesprochen haben und wo das war – nämlich in der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt. Es war ein sehr erfreuliches und auch humorvolles Gespräch auf Spanisch.
Frage: Hat sich Franziskus seit Ihrer damaligen Begegnung verändert?
Sievernich: Beide sind wir älter geworden, wie das der Lauf der Dinge ist. Aber er ist immer noch so, wie ich ihn damals kennengelernt habe: ein einfacher, bescheidener, humorvoller und sehr präsenter Mitbruder, mit dem ich sofort wieder im Gespräch war. Das zeichnet ihn ja gerade aus, dass er einen völlig unkomplizierten Zugang zu den Menschen hat, sich ihnen zuwenden kann. Und wenn er sich ihnen zuwendet, ist er voll da, als ob es nichts anderes gäbe auf der Welt.
Frage: Papst Franziskus hat vielen Menschen in den letzten Monaten Hoffnung gemacht. Glauben Sie, dass er diese auch erfüllen kann?
Sievernich: Ich glaube schon. Der Petersplatz bei dieser Generalaudienz war bis zum letzten Platz besetzt. Es hat ein unglaublicher Zustrom nach Rom eingesetzt und ich glaube, dass der Papst das erfüllt, was er durch seine symbolischen Gesten zeigt. Auch was die spirituelle Erneuerung angeht und die Reform der Kurie. Einen Punkt dürfen wir aber nicht übersehen: Eine Reform der Kirche ist nicht nur die Aufgabe des Papstes, sondern eines jeden Mitglieds der Kirche. Das heißt, jeder muss sich fragen: Wo fängt bei mir die Reform an? Und wenn der Papst diesen Prozess initiieren kann, dann hat er alle im Boot. Sein gerade erschienenes Büchlein "Über die Selbstanklage" könnte dabei helfen.
Das Interview führte Janina Mogendorf