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Kolumne: Unterwegs zur Seele

Warum wir wieder mehr Scham empfinden sollten

Schamhaftigkeit ist heute keine Tugend mehr, beobachtet Brigitte Haertel. Dabei gebe es jedoch einen Unterschied zum Empfinden von Scham selbst. Doch auch die Schamlosigkeit nehme immer weiter zu. Dabei hätte es etwas Positives, ab und an zu erröten.

Von Brigitte Haertel |  Bonn - 15.10.2020

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Es ist noch nicht lange her, da gehörte das schamhafte Erröten eines jungen Mädchens zum guten Ton, nicht nur, wenn sich ihr ein Galan näherte. Ein katholisches Mädchen hingegen sog die Schamhaftigkeit schon mit der Säuglingsflasche auf – als würdige Tochter der Urmutter Eva, die auch etwas von Schamhaftigkeit verstand, spätestens, nachdem sie mit Adam vom Baum der Erkenntnis gekostet hatte.

Heute ist Schamhaftigkeit keine Tugend mehr, so wie die Religion ist sie aus der Mode gekommen, hat den Platz geräumt für eine nie dagewesene Schamlosigkeit, zu bestaunen vor allem im sogenannten Reality-TV, für das womöglich der Begriff "Fremdschämen" erfunden wurde.

Scham zu empfinden ist dem Menschen angeboren, Schamhaftigkeit nicht.

Wie definiert man Scham?

Die Publizistin Andrea Köhler hat in einem erhellenden Essay Scham und Schamlosigkeit untersucht und ist zu der Erkenntnis gelangt: "Die Scham besteht in der Reaktion auf das Offenbarwerden eines Mangels, der in der Person selbst liegt."

Kaum eine Empfindung besitze mehr Macht im Alltag und kaum eine sei taburisierter als die Scham. Hinter dem Streben nach Status und Reichtum stecke oft eine vernachlässigte Beschämung. Überdies sei Scham einer der häufigsten Anlässe für Gewalt – nicht nur in tradierten Kulturen, wo verletzte Ehre durch Rache wiederhergestellt wird.

Anbrüllen ohne rot zu werden

"Es ist die Schamhaftigkeit, die das Selbst vor gefährlicher Entblössung bewahrt," schreibt Köhler. Wo diese aber fehlt, können sich zwei wie US-Präsident Trump und auch sein Herausforderer Biden im Fernsehen beschimpfen, anbrüllen und beleidigen – ohne rot zu werden. Wo diese fehlt, können Hochstapler und Finanz-Hazadeure schalten und walten, ohne sich für irgendetwas verantwortlich zu fühlen. Und auch die rücksichtslose Ausbreitung der Privatsphäre in der Handy-Kommunikation, wo sich Autismus und Exibitionismus treffen, beruht auf dem Verlust des Schamgefühls, und im Internet schließlich sind der Entblößung keine Grenzen mehr gesetzt – hier stößt das Drama von Scham und Schamlosigkeit in eine neue Dimension vor.

Bild: © KNA

Beleidigen, ohne rot zu werden: Das können der amtierende US-Präsident Donald Trump und Rivale Joe Biden.

Womöglich weil es so schmerzhaft ist, haben ganze Gesellschaften dem Schamgefühl den Kampf angesagt: Oder auch, weil es die Menschen darin behindert, ihre inzwischen grenzenlose Freiheit hemmungslos auszuleben. Mit der sexuellen Revolution wurde auch das störende körperliche Schamgefühl entsorgt. Psycho-und Lebensratgeber sind eifrig bestrebt, der Menschheit bei der Überwindung des Schamgefühls behilflich zu sein.

Scham ist wichtig

Gehört also das Schamgefühl endgültig auf den Müllberg der Geschichte?

Mitnichten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass es Sinn macht, Schamgefühle in einem positiven Kontext zu sehen, sie als wertvolles Korrektiv zu betrachten und zu akzeptieren. Scham und die erfolgreiche Bewältigung von Schamerlebnissen spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung des Selbstkonzepts, sie schützen bestimmte Ideale und Werte, die sich in den Kulturen unterschiedlich ausprägen. Das maßvolle und dosierte Erleben von Scham ist notwendig, um sich selbst infrage stellen zu können und somit zu lernen. Schamgefühl, wenn es nicht pathologisch wird, darf der Mensch als inneres Signal betrachten, das sensibel reagiert auf die Übertretung von Distanzgrenzen.

Hierzu passt Humboldts rhetorische Frage: Wie kann man jenen trauen, die nicht wissen wie man errötet?

Von Brigitte Haertel

Die Autorin

Brigitte Haertel ist Redaktionsleiterin von "theo – Das Katholische Magazin".

Hinweis: Der Artikel erschien zuerst im "theo"-Magazin.