Standpunkt

Bruce Springsteens neues Album – wie ein Brief an den wahren "Boss"

Aktualisiert am 26.10.2020  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Das neue Album von Bruce Springsteen klingt für Dominik Blum wie die Auferstehungsvision eines tief religiösen Menschen. Der "Boss" singe auf "Letter to you" ehrlich, tröstlich und völlig undogmatisch von seiner Spiritualität.

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Zum Ende seiner Broadway-Liveshow hat der "Boss" immer das Vaterunser gesprochen. Mehr als 230 Mal "The Lord's Prayer" vor ausverkauftem Haus, bevor er dann zum Schluss "Born to run" gesungen hat, seine Hymne auf den wilden, unabhängigen und manchmal zerbrochenen amerikanischen Traum. Bruce Springsteen hat aus der tief religiösen Grundierung seiner Weltanschauung nie einen Hehl gemacht, aber auch keinerlei Aufheben. Und er hat das Vaterunser im Walter Kerr Theatre nicht im Stil der oberflächlichen God-bless-you-Floskeln all der Stars und Sternchen aufgesagt, sondern als Teil seiner Lebensgeschichte erzählt, ja gebetet. Das muss man sich erstmal trauen im Showbusiness, das auf religiöse Bekenntnisse sonst mitleidig lächelnd bis allergisch reagiert.

Man sollte also auf Springsteen hören und auf die Botschaft seines neuen, am Wochenende veröffentlichten Albums. Nicht, weil er einer der wenigen Katholiken unter den Superstars im Musikbusiness ist oder gerade aus europäischer Sicht der "liberale Symbolamerikaner" (Joachim Hentschel in der "Süddeutschen Zeitung"). Sondern weil er mit 71 Lebensjahren in "Letter To You" ehrlich, tröstlich und völlig undogmatisch von seiner Spiritualität singt, zu der auch die feste Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod gehört.

Deshalb ist "Letter To You", Springsteens erstes Album mit der "E Street Band" seit elf Jahren, sicher keine "Totenmesse" (Arne Willander in der "Welt"), auch wenn der Boss realisiert, dass er nach dem Tod von George Theiss der Last Man Standing seiner ersten Band "The Castiles" ist. Auferstehungsvision – das trifft es besser, wenn von den "Ghosts" die Rede ist, lichtvoll, geistreich, deren liebevolle Anwesenheit lebendig macht. Oder vom Himmel im "House Of A Thousand Guitars", wo alle guten Seelen als Brüder und Schwestern ihre Lasten und alles Bittere abschütteln und wieder ins Licht treten können.

Springsteens "Letter To You" könnte also – wie gut, dass sich diese Interpretation in den Songtexten des Albums letztlich nicht ganz verifizieren lässt – tatsächlich an den einzigen Boss adressiert sein, den es für viele Rockfans noch über dem Mann aus New Jersey gibt: "In my letter to you, I took all my fears and doubts, All the hard things I found out, All that I found true, And I sent it in my letter to you."

"Kunst ist ein Lebensmittel. Wir brauchen Kunst und Kultur zum Leben, sonst wird es auch nie weitergehen", hat der bekennende Springsteen-Fan und Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken kürzlich in einem Interview betont. So ist es: Woher kommt unser Trost? Aus der Kunst. Und der Religion, besonders, wenn die im Gewand des Rock 'n' Roll daherkommt.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.