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Missbrauch: Evangelische Kirche wiederholt die Fehler der katholischen

Bei der digitalen EKD-Synode war die Missbrauchsaufarbeitung kaum ein Thema. Dabei erschüttert der Missbrauchsskandal seit zehn Jahren die Kirchen. Eigentlich genug Zeit, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, kommentiert Tilmann Kleinjung.

Von Tilmann Kleinjung |  Bonn - 10.11.2020

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Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat gestern ihre erste digitale Synode hinter sich gebracht. Passend zum außergewöhnlichen Format ging es vor allem um Zukunftsfragen. Das Thema Missbrauch nahm in der Tagesordnung keinen breiteren Raum ein. Die Mitglieder des gerade gegründeten Betroffenenbeirats der EKD waren nicht eingeladen. So war es geplant, sagte die Präses der Synode, Irmgard Schwaetzer: "Im Mittelpunkt steht die Debatte über die Zukunft der evangelischen Kirche."

Ein Blick hinüber zu den katholischen Schwestern und Brüdern hätte ihr zeigen können: Ohne eine intensive Beschäftigung mit der eigenen Missbrauchsgeschichte, wird es keinen guten Aufbruch in die Zukunft geben. Und das wissen natürlich auch die Verantwortlichen in der evangelischen Kirche. Deshalb hat die EKD-Synode ja vor zwei Jahren ihrer Kirche einen Elf-Punkte-Plan gegen sexualisierte Gewalt in den eigenen Reihen verordnet. Damals wurden Präventionsregeln, zentrale Anlaufstellen für Opfer und Studien zur Aufarbeitung auf den Weg gebracht. Die Umsetzung braucht Zeit. In drei Jahren soll eine Studie fertig sein, die Risikofaktoren für Missbrauch in der evangelischen Kirche und Diakonie identifiziert.

Was noch fehlt, ist eine systematische Untersuchung, wie viele Menschen von sexualisierter Gewalt im Kontext der evangelischen Kirche betroffen sind. Auch das gehört zu einem ehrlichen Blick auf die Vergangenheit. Denn bisher gibt es nur die Vermutung, aber keine belastbaren Anhaltspunkte dafür, warum die evangelische Kirche weniger anfällig für Missbrauch sein soll als katholische Einrichtungen. Auch beim Thema Entschädigung tut sich wenig. Manchmal habe ich den Eindruck, die evangelische Kirche will jeden Fehler der katholischen Kirche noch einmal wiederholen. Wer Leistungen beantragt, muss nicht nur seine individuelle Leidensgeschichte erzählen, sondern der Kirche auch "institutionelles Versagen" nachweisen, so steht es in dem Entwurf einer Musterordnung der EKD.

Seit mehr als zehn Jahren erschüttert der Missbrauchsskandal die Kirchen. Eigentlich Zeit genug, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, um sich dann getrost der Zukunft zuzuwenden.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Leiter der Redaktion Religion und Orientierung im Bayerischen Rundfunk (BR).

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