Die Anglikanische Kirche von England steht vor großen Herausforderungen

Vom Aussterben bedroht?

Aktualisiert am 19.11.2013  –  Lesedauer: 
Großbritannien

London ‐ Die anglikanische Kirche von England will bei ihrer Generalsynode erneut über die Zulassung von Frauen zum Bischofsamt diskutieren. Außerdem soll verstärkt gegen Homosexuellenfeindlichkeit in den eigenen Schulen vorgegangen werden. Der frühere Erzbischof von Canterbury sieht seine Kirche aber trotz aller Bemühungen vom Aussterben bedroht.

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Am Mittwoch begann die Synode in London, auf der erneut über die Zulassung von Frauen zum Bischofsamt gesprochen werden soll. Im Juli hatte sich eine große Mehrheit für eine überarbeitete Neufassung eines entsprechenden Gesetzentwurfs ausgesprochen. Dagegen war im November 2012 ein "Ja" zu Bischöfinnen noch mit knapper Sperrminorität gescheitert. Eine Änderung des Kirchenrechts in diesem Punkt müssen alle drei Abteilungen der Synode - die Bischöfe, die Kleriker und die Laien - jeweils mit Zweidrittelmehrheit billigen.

Mittlerweile ist bereits ein Drittel des anglikanischen Klerus in England weiblich. Die Staatskirche hatte sich Anfang der Neunziger Jahre mit hauchdünner Mehrheit für eine Zulassung von Frauen zum Priesteramt entschieden. Seitdem spaltet die Frage den liberalen und den konservativen Kirchenflügel. Immer mehr der 38 Nationalkirchen weltweit lassen Bischöfinnen zu. Allein seit September folgten Irland, Wales, Südindien und Australien. Die englische Politik und Öffentlichkeit hatten bereits 2012 mehrheitlich Grünes Licht für Bischöfinnen erwartet. Die Ablehnung vor einem Jahr löste Protest und Spott aus.

„Wir sind nur eine Generation vom Erlöschen entfernt.“

—  Zitat: Lord Carey of Clifton, früherer Erzbischof von Canterbury,

Auch im Kampf gegen Anfeindungen von Homosexuellen geht die Anglikanische Kirche ihren Weg. Am Dienstag stellte der Bischof von Oxford, John Pritchard, laut einem Bericht des Senders BBC eine Kooperation mit der Lobbyorganisation Stonewall vor. Mit Informationsveranstaltungen wolle man in kirchlichen Schulen gemeinsam Mobbing vorbeugen. Bereits im Juli hatte der anglikanische Primas, Erzbischof Justin Welby von Canterbury, eine entsprechende Initiative angekündigt. Damals sagte er, die Mehrheit der Bevölkerung lehne homosexuellenfeindliches Verhalten ab. Bei einer Zahl von nahezu einer Million Schülern in ihren Einrichtungen müsse die anglikanische Kirche diese Überzeugung vorleben und Zeichen setzen.

Der frühere Erzbischof von Canterbury, Lord Carey of Clifton, sieht die Zukunft der Anglikanischen Kirche dennoch pessimistisch. Wenn es nicht gelinge, neue Gläubige anzuziehen, werde jede einzelne der 43 Diözesen binnen 25 Jahren verschwunden sein, zitieren britische Zeitungen aus einer Rede Careys in Shrewsbury. "Ich bin überzeugt, dass Kirchen wachsen können, wachsen sollen und wachsen müssen", so Carey. Aber in einer kalten Kirche zu hocken und Leuten auf den Hinterkopf zu gucken, sei vielleicht nicht der spannendste Ort, "um neue Leute kennenzulernen und prophetische Worte zu hören".

Es sei heute einfach nicht mehr "normal" für die Menschen, zur Kirche zu gehen, sagte der frühere Erzbischof. Es gebe heute ein Vorurteil, dass die Menschen "nicht mehr hören wollen, was wir zu sagen haben". Dabei gebe es so viel Gewalt, zu viele getrennte Familien, zu wenig Jobsicherheit, zu viele Jugendliche ohne Ziele. Gerade in solchen Situationen suchten Menschen nach spiritueller Erfüllung. Vor allem müsse die Kirche dringend in junge Menschen investieren, führte Carey aus. "Wir sollten uns schämen", sagte der frühere Primas wörtlich. "Wir sind nur eine Generation vom Erlöschen entfernt. Wenn wir nicht in die Jugend investieren, wird in der Zukunft niemand mehr übrig sein." (KNA/bod)

Anglikanische Kirche

Die anglikanische Kirche entstand zur Zeit der Reformation in England. König Heinrich VIII. brach 1533 mit dem Papst, weil dieser sich weigerte, die Ehe des Königs zu annullieren. Als Oberhaupt einer neuen Staatskirche setzte sich Heinrich VIII. 1534 selbst ein. Weltweit zählt die anglikanische Kirche etwa 77 Millionen Mitglieder. Außerhalb Englands gibt es 38 anglikanische Nationalkirchen in 26 Kirchenprovinzen, darunter in den USA, Australien und - mit wachsender Bedeutung - in mehreren afrikanischen Ländern.