Bisher unbekannte Tagebücher Kardinal Martinis aufgetaucht
34 Notizbücher geben Einblick in seine Spiritualität

Bisher unbekannte Tagebücher Kardinal Martinis aufgetaucht

Er galt lange als aussichtsreicher Papstkandidat und war international als weltoffener und dialogbereiter Theologe geschätzt. Nun sind bisher unbekannte Tagebücher aufgetaucht, die einen Einblick in die Spiritualität von Kardinal Carlo Maria Martini geben.

Mailand/Rom - 21.02.2021

In Italien sind bislang unbekannte persönliche Tagebücher von Kardinal Carlo Maria Martini aufgetaucht. Die Zeitung "La Repubblica" veröffentlichte am Sonntag erste Auszüge aus den insgesamt 34 Notizbüchern, in denen der 2012 verstorbene ehemalige Erzbischof von Mailand seinen Glauben reflektiert. Zu den Texten gehören persönliche, spirituelle, Studien-, Arbeits-, Reise- und Büronotizen, Reflexionen über die Evangelien und biblische Figuren, sowie Eindrücke über Begegnungen und aktuelle Ereignisse.

Laut der Zeitung wussten bisher sehr wenige Menschen von der Existenz der Tagebücher; Martini selbst habe nicht über sie gesprochen. Der spätere Kardinal sei 1955 bei einem Aufenthalt in England von den geistlichen Tagebüchern des Trappisten Thomas Merton inspiriert worden. "Auch ich würde gerne ein Tagebuch schreiben, das mich wirklich offenbart, das mir hilft, mich selbst zu entdecken. Ich möchte, dass es mich näher zu Gott bringt, aber ich habe Angst, dass es zu einem Instrument der Selbstverherrlichung wird", so Martini in einem Eintrag vom 5. September 1955. Die von "Repubblica" veröffentlichten Ausschnitte zeichnen die spirituelle Suche und Motivation des jungen Priesters nach. "Auf der einen Seite fühle ich mich gefesselt und klein, auf der anderen Seite habe ich das Gefühl, etwas Großes tun zu können", so Martini weiter: "Ich möchte, dass alles nur für Gott ist, um den Preis, dass ich alles andere an mir zerstöre. Lass es so sein, oh mein Gott!" In den Tagebüchern werde außerdem Martinis Auseinandersetzung mit anderen Religionen, insbesondere mit dem buddhistischen Mönchtum, deutlich.

Benediktinerinnen kümmern sich um schwierige Restaurierung

Der Jesuit Martini hatte seinen Nachlass seinem Orden überlassen. Gegenüber "Repubblica" teilte der Präsident der Carlo-Maria-Martini-Stiftung, der italienische Jesuiten-Provinzial Carlo Casalone, mit, dass Teile der nachgelassenen Schriften zunächst nicht veröffentlicht wurden. Die spontane und persönliche Natur der Tagebücher erfordere eine sorgfältige Bearbeitung und Kontextualisierung. Aufgefunden wurden die bislang unbekannten Aufzeichnungen in Gallarate, wo Martini nach seiner Emeritierung seinen Lebensabend verbracht hatte, vom Testamentsvollstrecker des Kardinals, dem heutigen Bischof von Asti Luigi Testore, und dem ehemaligen persönlichen Sekretär Martinis Paolo Cortesi. Die Unterlagen werden derzeit in der Werkstatt der Benediktinerinnen von Viboldone restauriert und konserviert. Aufgrund der enthaltenen Notizzettel, Zeitungsausschnitte, Bilder und Briefe sei die Restaurierung anspruchsvoll, so die Zeitung.

Der 1927 geborene Martini war von 1979 bis zu seiner Emeritierung 2002 Erzbischof von Mailand. 1983 erhob Papst Johannes Paul II. den Jesuiten zum Kardinal. Martini galt selbst jahrelang als möglicher Papstkandidat. Als Teilnehmer des Konklaves im Jahr 2005 soll er aufgrund seiner fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankung zugunsten von Kardinal Joseph Ratzinger zurückgezogen haben. Martini galt als progressiv und weltoffen. Mit seinem Gesprächsband "Jerusalemer Nachtgespräche" und dem gemeinsam mit Umberto Eco verfassten Buch "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" wurde er auch international einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. (fxn)