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Missbrauchsskandal und Austritte: Ist die Kirche noch zu retten?

Ist die stockende Aufarbeitung des Missbrauchsskandals für die aktuell hohen Austrittszahlen verantwortlich? Roland Müller sagt: Für viele Menschen mag sie der Anlass sein – dem Kirchenaustritt gehe aber ein langer Weg der Entfremdung voraus.

Von Roland Müller |  Bonn - 26.02.2021

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Man könnte von der berühmten Ironie der Geschichte sprechen, wäre es nicht ein so schreckliches Thema: Kirchliche Personalverantwortliche und Oberhirten haben in den vergangenen Jahrzehnten systematisch Missbrauch vertuscht und Täter geschützt, um das Wohlergehen der Institution Kirche zu sichern. Damit geben sie heute tausenden Gläubigen einen guten Grund, nicht mehr katholisch sein zu wollen – und beschleunigen so langsam aber sicher das Ende der finanzstarken Volkskirche, die zwar schon lange im Sterben liegt, deren Ende man aber noch in einiger Entfernung wähnte. Dieser Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind die Bischöfe bei ihrer gestern zu Ende gegangenen Frühjahrs-Vollversammlung auf den Grund gegangen. So mancher wird sich dabei wohl die Frage gestellt haben, ob die Kirche noch zu retten ist.

Ein Studientag zu den gestiegenen Kirchenaustrittszahlen führte den Bischöfen vor Augen, warum 2019 die Rekordzahl von 272.771 Gläubigen die Kirche verlassen hat. Der aktuelle Skandal um die stockende Aufarbeitung von Missbrauch im Erzbistum Köln ist für viele Menschen nur ein Anlass, der Kirche den Rücken zu kehren – selbst in anderen Diözesen und sogar in der evangelischen Kirche. Dem letzten Schritt des Kirchenaustritts geht meist ein langer Weg der Entfremdung voraus: Die Kirche wird dabei als Parallelwelt empfunden, zu der man selbst keinen Zugang hat, und in der Regeln gelten, die ohnehin von gestern zu sein scheinen.

Bei ihrer Beschäftigung mit der gegenwärtigen Situation konnten die Bischöfe jedoch auch einen Blick in die Zukunft der Kirche wagen. Dafür mussten sie nicht unbedingt in die Niederlande schauen, wo schon heute mehr als 70 Prozent der Bevölkerung keiner christlichen Konfession mehr angehören. Die ostdeutschen Bischöfe konnten ihren Mitbrüdern aus dem Gebiet der alten Bundesrepublik, deren Bistümer besonders von der aktuellen Austrittswelle betroffen sind, sicher aus erster Hand berichten, wie die Zukunft der Kirche in Deutschland aussehen wird: Als "schöpferische Minderheit" bezeichnete sie der Magdeburger Bischof Gerhard Feige einst.

Doch um schöpferisch zu sein, etwas bewegen zu können, muss auch die Minoritätskirche das Vertrauen der Menschen gewinnen – sowohl ihrer Mitglieder als auch der Fernstehenden. Ein Weg dazu sind sicherlich Reformen, wie sie etwa beim Synodalen Weg diskutiert werden. Aber auch eine Fokussierung auf die Kernkompetenzen der katholischen Kirche ist nötig: eine bessere Begleitung aller Menschen in schwierigen Lebenslagen und an den Feiern der Lebenswenden sowie die Verkündigung des Evangeliums. Doch dabei dürfen die Bischöfe und alle anderen Gläubigen nicht vergessen, dass somit nur die Weichen für eine möglichst fruchtbringende Zukunft der Kirche als Minderheit gestellt werden. Auch Reformen können nichts daran ändern, dass die Kirche, wie wir sie heute noch kennen, nicht mehr zu retten ist.

Von Roland Müller

Der Autor

Roland Müller ist Redakteur bei katholisch.de

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Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.