Bischof Georg Bätzing bei einer Pressekonferenz
DBK-Vorsitzender spricht sich für solidarischere Zukunft aus

Bätzing: Leistungen in Pandemie nicht nur symbolisch würdigen

Corona beeinträchtigt das Leben der Menschen – es trifft vor allem die, die vorher schon nicht viel hatten. Bischof Georg Bätzing fordert deshalb mehr Anerkennung für Leistungen während der Pandemie – und entschiedenere Hilfen.

Bonn - 07.04.2021

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), der Limburger Bischof Georg Bätzing, hat zu einer größeren Würdigung von Leistungen in der Corona-Pandemie aufgerufen. Es sei klar, dass herausragende Leistungen etwa von Pflegekräften oder Mitarbeitenden im Einzelhandel "nicht nur symbolisch zu würdigen sind", so Bätzing in der "Zeit"-Beilage "Christ & Welt" am Mittwoch. Es werde entscheidend sein, ob "zukunftsfähige Reformen in der Pflegeversicherung und Tarifbindungen in den Branchen und Regionen" umgesetzt werden könnten, "um die Anerkennung und Wertschätzung der vielen Beschäftigten dauerhaft festzuschreiben". Momentan kämen etwa Reinigungs-, Hauswirtschafts- oder Sicherheitspersonal sowie 450-Euro-Jobber noch zu kurz.

Der Limburger Bischof forderte Maßnahmen der Bundesregierung: "Die Auszahlung staatlicher Hilfen geht aufgrund bürokratischer Hürden viel zu langsam voran", schrieb Bätzing mit Blick etwa auf den innerstädtischen Einzelhandel sowie Kulturbetriebe. Diese seien nicht nur Orte des Konsums und des Zeitvertreibs, sondern auch des sozialen Lebens. "Fördergelder, Direktzuschüsse und Kredite können dabei helfen, die Fixkosten bei Miete und Versicherung trotz Einnahmeverlusten zu decken." Da müsse die Bundesregierung "dringend nachsteuern".

Gefahr der Überschuldung

"Wo Einkommen einbrechen oder ganz entfallen, droht die Pandemie gerade Menschen mit schon zuvor niedrigem Einkommen in die Überschuldung zu treiben", schreibt Bätzing. Besonders Geringverdiener, Soloselbstständige und Kleinunternehmer seien davon betroffen. "Die Stundung von Mieten hilft im Augenblick. Es ist aber keine nachhaltige, gemeinschaftliche Lösung", so Bätzing. Wenn etwa die Fristen für den Zahlungsaufschub ausliefen, verschärfe das unter Umständen die finanziellen Notlagen einiger Menschen und damit gesellschaftliche Spaltung. "Auch private Immobilieneigentümer, die womöglich auf die Einnahmen aus den Objekten angewiesen sind, stehen vor wirtschaftlichen Nöten." Deshalb ruft er kirchliche Vermieter dazu auf, die soziale Situation ihrer Mieter genau im Auge zu behalten.

Bätzing weist vor allem auf die besondere Last der Familien in der Pandemie hin: "Die Schließung von Kitas, Horten und Schulen und damit der Ausfall einer verlässlichen kontinuierlichen Betreuung und Beschulung belastet den Alltag von Familien, insbesondere Alleinerziehenden, und erschwert es den Erwachsenen, ihre beruflichen Herausforderungen zu meistern." Die Doppelbelastung aus Arbeit und Kindererziehung zu Hause betreffe vor allem Frauen. "Noch einmal kommt deutlich zum Vorschein, wie weit unsere Gesellschaft noch von einer Gleichberechtigung der Geschlechter entfernt ist. Sorgearbeit wird eben nicht 'nebenbei' erledigt", betont der DBK-Vorsitzende.

Noch einmal kommt deutlich zum Vorschein, wie weit unsere Gesellschaft noch von einer Gleichberechtigung der Geschlechter entfernt ist.

Zitat: Bischof Georg Bätzing

Corona werde das Leben langfristig und global ändern, so Bätzing, vor allem die Beziehungen zwischen Menschen. Deshalb sei die Pandemie auch ein Thema für Christen. Sie "regt uns alle dazu an, über unser Zusammenleben neu nachzudenken. Wir sind verletzlich. Wir sind aufeinander angewiesen." Ein einfaches Zurück zum früheren "Normalzustand" werde es nicht geben. Deshalb sollte Solidarität als kollektive Aufgabe der Gesellschaft verstanden und politische Maßnahmen für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt eingeleitet werden. Dies könne "einer weiteren Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken".

Solidarität auch global

An die Solidarität appelliert der Limburger Oberhirte auch im globalen Kontext, denn die Menschen in vielen Entwicklungs- und Schwellenländer seien von der Pandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen stärker betroffen als Europa. "Eine faire Verteilung von Impfstoffen auch für weniger zahlungsfähige Länder sollte für ein christlich geprägtes Europa selbstverständlich sein." Die Kosten für Ankauf und Verteilung der Vakzine könnten afrikanische Länder nicht alleine aufbringen. "Ich appelliere an die EU, dieses Problem in den Blick zu nehmen."

Die Nähe zu den Menschen an den Rändern der Gesellschaft und Appelle an die Politik könne die Kirche Solidarität stiften und Gemeinschaft lebendig halten. "Gemeinsam mit den anderen abrahamitischen Religionen begreifen wir Christen alle Menschen als Kinder Gottes und damit als Geschwister – als Menschen, die aufeinander angewiesen sind und denen ein gutes Leben nur gemeinsam und in sensibler Aufmerksamkeit füreinander gelingen kann. Nur gemeinsam können wir die Folgen der Krise bewältigen." Abstand halten und Maske tragen seien ein "Akt der Nächstenliebe". Verantwortungsvolles Handeln bedeutet, die Schwachen zu schützen - auch politisch: Stärkere Schultern sollten bei der Finanzierung der Hilfsmaßnahmen stärker belastet werden. "Nur so kann aus der Krise heraus, aus dieser gewaltigen Umbruchzeit, eine solidarische Zukunft erwachsen." (cph)