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Standpunkt

In der Corona-Politik sind jetzt die Kinder dran

Die Infektionszahlen mit dem Coronavirus sind weiterhin hoch – darunter leiden vor allem die Kinder, beklagt Dominik Blum. Einerseits fehle der Kontakt zu anderen, andererseits entstehe eine doppelte Exklusion sozial benachteiligter Kinder.

Von Dominik Blum |  Bonn - 21.04.2021

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Fehlende Nähe und Zuneigung in der Pandemie verwunden die Seele. Bischof Bätzing erinnerte daran beim ökumenischen Gedenkgottesdienst für die Coronatoten am vergangenen Wochenende in Berlin. Dieses Problem betrifft aber nicht nur alte Menschen, die unbegleitet sterben müssen. Im Moment leiden vor allem die Kinder am fehlenden Kontakt zu Kindern. Weil ihre Schulen zu sind.

Nicht wenige Kinder und Jugendliche in Deutschland waren fast ein halbes Jahr nicht mehr in ihrer Schule oder Kita. Dass die Bildungseinrichtungen während der Pandemie "oberste Priorität" hätten, hat die Süddeutsche Zeitung gerade als "Worthülse der Saison" bezeichnet. Zu Recht. Wie sonst wäre es zu erklären, dass Schulen zu wenig Unterrichtsräume zur Verfügung haben, weil sich die Fenster nach einem ganzen Jahr Pandemie-Bekämpfung immer noch nicht öffnen lassen? Dazu kommt eine steigende Bildungsungleichheit durch die Pandemie, wie Bochumer Schulforscher zeigen: Besonders oft müssen Kinder und Jugendliche in den Distanzunterricht, deren prekäres soziales Umfeld dafür besonders ungeeignet ist. So bewirkt Corona eine doppelte Exklusion sozial benachteiligter Kinder in Bildungsfragen.

Auch der unselige Streit um den Inzidenzwert, ab dem Schulen geschlossen werden sollen, lässt keine klare Lobby für die Kinder erkennen. Auf die Inzidenz 165 statt wie ursprünglich geplant 200 hat man sich in der aktuellen Fassung der "Bundesnotbremse" geeinigt. Die Länder können natürlich wie bisher auch bei Inzidenzen darunter die Schüler:innen weiter im Homeschooling belassen, in Niedersachsen schon ab einer Inzidenz von 100. Damit ist zu befürchten, dass bis zu den Sommerferien allenfalls Grundschulkinder und Jugendliche in den Abschlussklassen ihre Schule von innen sehen. Alle anderen haben vor allem Bildschirm-Kontakt zu Freundinnen und Kameraden. Hier müsste die seelische Gesundheit der Kinder (und ihrer oft verzweifelten Eltern) aber mindestens ebenso im Blick sein wie der Infektionsschutz. Oder noch deutlicher: Den Gesundheitsschutz der Kinder und Jugendlichen staatlich zu garantieren bedeutet jetzt, ihnen physische Bildungsteilhabe zu ermöglichen.

Kinder brauchen Kinder zum Leben und Lernen. Wir brauchen also eine klare Option für offene Schulen und Präsenzunterricht. Statt Probleme zu beschreiben, warum das nicht geht, müssen Lösungen her: Geld für Luftfilter, Tests, zusätzliche Lernorte – und wenn’s hilft, auch Gartenmöbel für den Unterricht draußen. Erst wenn die Politik genauso ernsthaft über die Öffnung der Schulen debattiert wie über Restaurants und Einzelhandel, haben Kinder die oberste Priorität, die sie verdienen.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.