Böhnke: Papstbrief an Marx blendet systemische Missbrauchsursachen aus
"Braut Christi" und "schamlose Hure" keine hinreichenden Beschreibungen von Kirche

Böhnke: Papstbrief an Marx blendet systemische Missbrauchsursachen aus

Besteht die Zukunft der Kirche darin, Gott um Scham zu bitten, um nicht zur "schamlosen Dirne" zu werden? Das war ein wichtiger Aspekt im Brief des Papstes an Kardinal Marx. Doch für den Wuppertaler Dogmatiker Michael Böhnke genügt das nicht.

Wuppertal - 15.06.2021

Der Wuppertaler Dogmatiker Michael Böhnke vermisst im Brief von Papst Franziskus an Kardinal Reinhard Marx eine Thematisierung der systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt und ihrer Bewältigung durch Reformen. In einem Beitrag für das Münsteraner Forum für Theologie und Kirche (Dienstag) sieht der Theologe die Gläubigen "auch nach dem Schreiben dem nicht selten männerbündischen Good-Will der Kleriker ausgeliefert". Der Aspekt einer Änderung des Verhaltens von Klerikern sei für eine Erneuerung der Kirche zwar wichtig und notwendig, aber zumindest für die "hochgradig organisierte Kirche in Deutschland" nicht ausreichend: Hier könne die Kirche mit den personalen Kategorien "Braut Christi" oder "schamlose Hure" nicht hinreichend beschrieben werden.

Franziskus hatte in seiner Antwort auf das Rücktrittsgesuchs des Münchener Erzbischofs darauf verwiesen, dass die Kirche den Herrn um Scham bitten müsse, "damit der Herr uns davor bewahrt, die schamlose Dirne aus Ezechiel 16 zu sein". Böhnke betonte dagegen die Notwendigkeit konkreter Reformen für die Kirche: "Sie ist eine mächtige gesellschaftliche Organisation, die ohne Regeln der Machtkontrolle und Gewaltenteilung, der Mitbestimmung, Transparenz und Good-Governance der sexuellen und geistlichen Gewalt nicht Herr werden wird", so der Theologe weiter.

Der Verweis auf das Bild aus dem Prophetenbuch Ezechiel ist auch zuvor schon auf Kritik gestoßen. Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) bezeichnete am Wochenende auf ihrer Facebookseite das Zitat des Papstes als "das größte Ärgernis an dem Brief". Dadurch werde ersichtlich, "dass der Papst die Dimension der Übernahme von institutioneller Verantwortung, die Marx mit seinem Rücktritt intendiert hat, entweder überhaupt nicht verstanden oder nicht für gut befunden hat". Dass Gott in einem Monolog gegenüber der Stadt Jerusalem, die mit der "Hure" identifiziert wird, selbst mit sexualisierter Demütigung drohe, blende der Papst vollkommen aus. "Um an den Kern des Problems zu kommen, hätte er darum bitten müssen, dass die Kirche nicht wie der Gott in Ez 16 wird", so HuK. (fxn)