Pater Klaus Mertes im Porträt
Jesuit warnt vor langfristigen Folgen für die Betroffenen

Corona: Mertes kritisiert Umgang mit Kindern und Jugendlichen

Mit deutlichen Worten hat der Jesuit Klaus Mertes die Politik für ihren Umgang mit Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie kritisiert. Die Betroffenen seien allein gelassen worden und hätten Schäden erlitten.

Berlin/Frankfurt - 29.07.2021

Der Jesuit Klaus Mertes hat die Politik für ihren Umgang mit Kindern und Jugendlichen während der Corona-Pandemie kritisiert und vor langfristigen Folgen gewarnt. Durch die Kita- und Schulschließungen, den Ausnahmebetrieb an den Schulen mit Wechsel- und Digitalunterricht, die Impfdebatten sowie die Schließung von Sportvereinen und Ferienfreizeiten hätten Kinder und Jugendliche in der Corona-Zeit Schäden erlitten, schreibt Mertes in einem Beitrag für die Monatszeitschrift "Stimmen der Zeit" (August). Zwar brauche es für die Bekämpfung einer Pandemie "für eine überschaubare Zeit ein flächendeckendes Distanz-Reglement". Ein Zeitraum von einem Jahr sei für Kinder allerdings "zu viel".

Kinder und Eltern mit "ethischem Dilemma" allein gelassen

Konkret bemängelt Mertes, dass Kinder und Jugendliche einer "überfordernden Komplexität von Urteilen" ausgesetzt gewesen seien. "Ihr Wunsch, die Freunde in der Schule wiedersehen zu können, sowie ihr Recht auf Bildung konkurrierten mit ihrem Verantwortungsgefühl dafür, das Erziehungs- und Lehrpersonal in den Schulen nicht zu gefährden oder nicht als 'Pandemietreiber' zu wirken", so der Jesuit und langjährige Schulleiter. Kinder und Eltern seien mit diesem "ethischen Dilemma" allein gelassen worden – auch von Gewerkschaften und Lehrerverbänden. Diese hätten ihr Selbstverständnis zeitweise völlig auf die Interessensvertretung der Lehrkräfte und deren Schutz vor Infektionen reduziert.

Hinzu komme, dass die Wissenschaft zwar beteuert habe, dass Corona kein Killervirus sei, diese Botschaft bei den Kindern und Jugendlichen aber nicht angekommen sei. "Für sie wurde Corona faktisch zum Killervirus erklärt", so Mertes, der als Beispiel die im Dezember vergangenen Jahres von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ausgesprochene Warnung vor Weihnachtsbesuchen bei den Großeltern anführte. "Man darf sich nicht wundern, wenn Kinder und Jugendliche solche Botschaften sehr ernst nehmen, Waschzwänge oder andere Symptome extremer Schuldgefühle entwickeln, weil sie im Discounter einen alten Menschen aus Versehen angerempelt haben", schreibt der Jesuit.

"Die Schäden liegen tiefer, im Bereich des Vertrauens"

Als mögliche weitere bleibende Wunde der Corona-Zeit nennt der Ordensmann in seinem Text Aggressionen von Kindern und Erwachsenen gegen andere Kinder und Jugendliche, die ihnen – ungeimpft – zu nahe kämen. Darüber hinaus sei bei einer kompletten Öffnung der Kitas und Schulen nach den Sommerferien damit zu rechnen, dass auch dort hochemotionale Debatten darüber anschwellen würden, welche Zwangsmaßnahmen gegen das Virus aufrechterhalten oder sogar verschärft werden sollten.

Das im Mai von der Bundesregierung aufgelegte "Aktionsprogramm Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche" mit einem Umfang von zwei Milliarden Euro begrüßt Mertes in seinem Text zwar. Um die langfristigen Schäden bei Kindern und Familien zu beheben, werde das Programm allerdings nicht reichen. "Die Schäden liegen tiefer, im Bereich des Vertrauens. Da ist das Gefühl, alleingelassen worden zu sein", so Mertes wörtlich. Besonders nachhaltig werde dieses Gefühl bei Kindern zurückbleiben, die in prekären Familienverhältnissen zu Hause seien. So werde es etwa Jahre dauern, bis die Schäden durch familiäre Gewalt während der Pandemie sichtbar würden. (stz)