Kirche distanziert sich von theologischem Gutachter in Latzel-Prozess
Nach umstrittenen Aussagen über Homosexualität

Kirche distanziert sich von theologischem Gutachter in Latzel-Prozess

Der Gutachter im Verfahren gegen den Bremer Pastor Olaf Latzel hatte "ausgelebte Homosexualität" unter Berufung auf die Evangelisch-methodistische Kirche als "Sünde" bezeichnet. Doch die Kirche hat dieser Aussage nun deutlich widersprochen.

Frankfurt am Main/Kassel - 05.09.2021

Die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) in Deutschland hat sich von Äußerungen des theologischen Gutachters im Berufungsverfahren gegen den Bremer Pastor Olaf Latzel distanziert. Die Aussagen des Gießener Theologieprofessors Christoph Raedel über praktizierte Homosexualität seien "hinsichtlich der Gesamtbewertung der Fragen und Auseinandersetzung zum Thema Homosexualität innerhalb der EmK" unvollständig, heißt es in einer Erklärung der Kirche, die katholisch.de vorliegt. Raedels Aussagen seien nicht als offizielle Stellungnahme "namens und im Auftrag der EmK" anzusehen.

Raedel, der auf Vorschlag von Latzels Verteidiger vom Bremer Landgericht als Gutachter für das Berufungsverfahren bestellt wurde, hatte "ausgelebte Homosexualität" am Freitag gegenüber dem Evangelischen Pressedienst (epd) als "Sünde" bezeichnet und sich dabei auf die Haltung der EmK berufen, der er selbst angehört. "Die weltweite Evangelisch-methodistische Kirche kann die praktizierte Homosexualität nicht gutheißen und betrachtet diese Handlungsweise als unvereinbar mit der christlichen Lehre", so Raedel wörtlich. Seiner Ansicht nach sei "Homosexualität ein Symptom für den gefallenen Zustand der Welt, der die Entfremdung des Menschen von Gott beschreibt". Darum müsse ausgelebte Homosexualität als Sünde bezeichnet werden.

Gutachter soll Latzel-Aussagen theologisch-wissenschaftlich bewerten

Diese Aussagen sind vor allem deshalb brisant, weil Raedel in dem Berufungsverfahren Latzels Aussagen über Homosexualität und Geschlechtergerechtigkeit theologisch-wissenschaftlich bewerten soll. Das bei Raedel in Auftrag gegebene Gutachten solle nicht nur klären, was die Bibel zu Homosexualität und zur Gender-Theorie sage, sondern auch, was für die Arbeit eines Pastors daraus folge, erklärte ein Sprecher des Amtsgerichts.

Olaf Latzel

Olaf Latzel während seines Prozesses am Amtsgericht Bremen im November 2020.

Latzel war als Pastor der Bremer St.-Martini-Gemeinde im November vergangenen Jahres wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe von 8.100 Euro verurteilt worden. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, weil er Berufung eingelegt hat. Nach Auffassung des Gerichts hatte der Theologe, der Pastor der Bremischen Evangelischen Kirche ist, in einem Eheseminar zum Hass gegen Homosexuelle aufgestachelt. Im Verlauf des Seminars warnte er unter anderem, Homosexualität sei eine "Degenerationsform von Gesellschaft" und "überall laufen die Verbrecher rum vom Christopher Street Day".

EkM: Diskriminierung hat keinen Platz in der Kirche

Die EmK betont in ihrer Stellungnahme, dass Raedels Darstellung, wonach praktizierte Homosexualität nicht gutheißen werden könne und als unvereinbar mit der christlichen Lehre betrachtet werde, mit Blick auf das englischsprachige Original der Kirchenordnung der EmK richtig sei. In der deutschen Übersetzung werde diese Auffassung aber "schon seit Jahren" in einer Weise kommentiert, die der unterschiedlichen Sicht in der EmK Rechnung trage. In der deutschen Übersetzung heißt es wörtlich: "Eine Mehrheit in der Kirche interpretiert die Bibel so, dass sie die Ausübung der Homosexualität nicht gutheißen kann." Zugleich wird dort betont, dass Gottes Gnade allen Menschen gelte. Die EmK bringe in ihrer Ordnung deutlich zum Ausdruck, dass Ablehnung und Diskriminierung lesbischer und schwuler Menschen in der Kirche keinen Platz hätten, so die Kirche, die Raedel vorwirft, gegenüber dem epd nicht "auch auf diese methodistische Grundhaltung" hingewiesen zu haben.

Darüber hinaus lasse Raedels Aussage völlig den Hinweis darauf vermissen, dass die weltweite EmK seit rund fünf Jahrzehnten erbittert über die Frage des richtigen Umgangs mit Homosexualität ringe. Der Kirchenvorstand der EmK in Deutschland habe zudem im November vergangenen Jahres die Passagen der Kirchenordnung mit negativen Aussagen zum Thema Homosexualität vorläufig außer Kraft gesetzt. Dies, so die EkM, gebe Gemeinden und Konferenzen der Kirche in Deutschland die Möglichkeit, "sich für die Belange von Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen stärker zu öffnen". Raedels "scheinbar eindeutiges Zitat" gegenüber dem epd gebe also weder die internationale Wirklichkeit der EmK korrekt wieder "und schon gar nicht den vom deutschen Teil der Kirche eingeschlagenen Weg". (stz)