Open-Air-Gottesdienst bei der Heiligtumsfahrt 2014 in Aachen.
Bild: © KNA
Die Aachener Heiligtumsfahrt zieht viele Besucher an

Weihnachten im Sommer

Vor dem entscheidenden Moment erfüllt Stille den Aachener Dom. Dann hallen metallisch klingende Schläge durch die Kathedrale. 31mal schwingt Goldschmied Stefan Bücken den Hammer, bis das Schloss des Marienschreins zerbricht und Domschatzkammer-Leiter Georg Minkenberg die vier jahrhundertealten Tuchreliquien hervorholen kann.

Aachen - 23.06.2014

Die am Freitagabend eröffnete und noch bis Sonntag dauernde Aachener Heiligtumsfahrt kennt feste Rituale und Regeln. Seit 1349 wird sie alle sieben Jahre begangen. Bei der Erhebungsfeier zeigen Mitglieder des Domkapitels die in Seidentücher gehüllten Stoffe der Menge, während Bläsermusik und das Wallfahrtslied erklingt.

Bei der Eröffnung sowie beim ZDF-Fernsehgottesdienst am Sonntag unterstreicht Ortsbischof Heinrich Mussinghoff die Bedeutung der Tuchreliquien: nach der Überlieferung das Kleid Mariens aus der Heiligen Nacht, Windeln Jesu, das bei der Kreuzigung getragene Lendentuch sowie das Enthauptungstuch Johannes des Täufers. Der Bischof weiß darum, dass die Echtheit infrage gestellt wird und auch nicht nachzuweisen ist. Entscheidend für ihn ist aber der symbolische Gehalt der Tücher. Der "Glaubensstoff" weise auf die Botschaft Christi hin und ermögliche, "mit all unseren Sinnen und Emotionen auf Tuchfühlung mit Jesus, Maria und Johannes" zu gehen.

Reliquien als "Zeichen der Menschwerdung Gottes"

Für den Bischof sind die Aachener Reliquien Zeichen der Menschwerdung Gottes. Vor allem das Kleid der Muttergottes und die Windeln verweisen auf die Geburt Jesu. Mussinghoff hebt dies eigens hervor, lenkt den Blick besonders auf die heilige Familie, die von Herodes verfolgt wurde und wie viele Menschen heute vor Gewalt fliehen musste. Zu diesem Gedanken passt, wenn zu Beginn eines jeden Gottesdienstes die Windeln hochgehalten werden und die Aachener Pilger das für diese Jahreszeit ungewohnte Lied "Zu Bethlehem geboren..." anstimmen. Weihnachtliche Momente im Sommer - aber ohne Tannenbaum und Lametta.

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aus Aachen

Dafür aber mit den Reliquien. Zu ihrem Schutz werden die Tücher nicht entfaltet, ausgenommen das Kleid Mariens. Vor dem Dom bildet sich eine Schlange von Besuchern mit den typischen grünen Pilger-Halstüchern. Sie wollen sich die Stoffe aus der Nähe ansehen, die außer zu den Gottesdienstzeiten in der Chorhalle in vier Glasvitrinen hängen. Viele Pilger nehmen das Wort des Bischofs von der "Tuchfühlung" sehr wörtlich. Immer wieder bekommt ein Aufseher Halsketten, Ringe oder Rosenkränze in die Hand gedrückt, um die Gegenstände über das Seidentuch zu streichen, in das sonst das Marienkleid eingeschlagen ist. "Das bringt Glück und Gesundheit, Kraft und Stärke", meint eine Frau, die eine Schutzengel-Figur für ihr Patenkind und einen Rosenkranz für sich wieder entgegennimmt.

In einer ersten Zwischenbilanz zeigt sich das Bistum sehr zufrieden mit der Resonanz der Heiligtumsfahrt unter dem Motto "Glaube in Bewegung". Bistumsvertreter sprechen von 29.000 Teilnehmern, weit mehr als geplant. Während der zehn Tage werden insgesamt rund 100.000 Besucher in der Stadt Karls des Großen erwartet, dessen 1.200 Todestag in diesem Jahr ebenfalls begangen wird. Der Frankenherrscher hatte die Reliquien 799 aus Jerusalem, Konstantinopel oder Rom erhalten und die Heiligtumsfahrt begründet.

Radpilger und Schützen im Mittelpunkt

An diesem Wochenende stehen besonders die Radpilger, Feuerwehrleute und Schützen im Mittelpunkt. In den nächsten Tagen richten sich eigene Angebote an Familien, Jugendliche oder Biker. Überdies stehen kulturelle Veranstaltungen auf dem Programm, darunter die von Bundespräsident Joachim Gauck bereits am Donnerstag eröffnete Ausstellung "Karl der Große. Macht. Kunst. Schätze".

Auch andere Konfessionen beteiligen sich an der Heiligtumsfahrt, obwohl die Protestanten Reliquien mit Skepsis betrachten. Dennoch hat der rheinische Präses Manfred Rekowski seine Teilnahme für eine Taufgedächtnisfeier mit dem Ökumeneminister des Papstes, Kardinal Kurt Koch, zugesagt.

Von Andreas Otto (KNA)