Von Liebesbekundungen, Reinheitsritualen und geheimnisvollen Einheitsgesten

Merkwürdige Riten in der Eucharistiefeier

Aktualisiert am 19.02.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Ein genauer Blick auf den Messablauf kann auch routinierte Kirchgänger ratlos zurücklassen: Warum küsst der Priester den Altar? Was murmelt er bei der Händewaschung? Und hat er das Stück Hostie gerade absichtlich in den Weinkelch gegeben? Katholisch.de gibt Antworten.

  • Teilen:

Der Altarkuss

Im Messbuch heißt es unter der Rubrik "Verehrung des Altars", die am Anfang der Eucharistiefeier erfolgt: "Der Priester verehrt gemeinsam mit seiner Begleitung den Altar und küsst ihn." Und nach der Entlassung schreibt das Messbuch: "Wie zu Beginn des Gottesdienstes küsst der Priester den Altar."

Es ist schon ein besonderes Bild, wenn der Priester (und manchmal auch der Diakon) gemeinsam den Altar zu Beginn und am Ende des Gottesdienstes mit einem Kuss verehren. In der Westkirche ist das Küssen nicht unbedingt in der Liturgie verbreitet. Ganz anders in den Ostkirchen: Dort sind es vor allem die Ikonen, welche von den Gläubigen verehrt werden, indem man sie küsst. Freilich gilt die Verehrung nicht der Ikone, sondern dem, auf den sie verweist: also zum Beispiel Christus oder einem Heiligen.

Auch der Altarkuss am Beginn und am Ende des Gottesdienstes ist ein solches Zeichen der Verehrung. Der Altar symbolisiert Christus und der Kuss auf die Altarplatte ist demnach ein Ausdruck dieser wertschätzenden Haltung Christus gegenüber. Der Kuss, der eine Verehrung symbolisiert, ist ja auch im alltäglichen Leben relativ geläufig: Nicht nur der Partner oder die Partnerin werden geküsst, sondern auch Freunde oder Verwandte. Früher war auch der Handkuss als Zeichen der Wertschätzung verbreitet. Und von Papst Johannes Paul II. hat man noch gut die Geste in Erinnerung, bei den Auslandsreisen den Boden eines Landes zu küssen.

Die Händewaschung

Dass sich Menschen im Zuge von kultischen Ritualen die Hände waschen, ist eine sehr alte Tradition. Sie findet sich zum Beispiel schon sehr ausgeprägt im Judentum, wo es schon immer auch Reinigungsrituale gab, die mit Wasser vollzogen wurden. Mit den Mikwaot hatte man sogar eigene Bäder, in denen man durch das Untertauchen im Wasser die kultische Reinheit erlangen konnte.

Im Christentum ist die Händewaschung im Zuge der Eucharistiefeier schon sehr früh, nämlich bei Cyrill von Jerusalem im 4. Jahrhundert bezeugt. Wahrscheinlich hat man sich an der jüdischen Praxis orientiert und die Händewaschung als kultisches Reinigungsritual gedeutet. In den mittelalterlichen Liturgien hat es wohl mehrere Zeitpunkte bei der Feier der Eucharistie gegeben, bei denen sich der Zelebrant die Hände wusch. Wahrscheinlich stand dahinter ein sehr ausgeprägtes Reinheitsverständnis: Wenn man z.B. die Opfergaben berührte, sollte man ganz rein sein. Diese Reinheit für den Kult konnte eben durch die Händewaschung mit Wasser erlangt werden. Es war von entscheidender Bedeutung ganz rein zu sein, um das Messopfer in rechter Weise darbringen zu können. Ein Verständnis, das sicher an die Kultgesetze des Alten Testaments anknüpfen konnte, das aber im Zuge des christlichen Gottesdienstes noch einmal eine enorme Verselbstständigung erfuhr.

Bild: ©picture alliance / robertharding / Godong

Der römische Ritus schreibt die Händewaschung am Ende der Gabenbereitung vor.

Infolge des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde über die Händewaschung und die entsprechenden Begleitgebete heftig diskutiert. Letztendlich ist in der heutigen ordentlichen Form des römischen Ritus die Händewaschung am Ende der Gabenbereitung vorgeschrieben. Sie ist "an der Seite des Altars" zu vollziehen, wie die Rubriken bestimmen. Dabei soll folgendes Gebet gesprochen werden: "Herr, wasche ab meine Schuld, von meinen Sünden mach mich rein." Damit klingt der Bußpsalm 51 an, der eben auf die Erlangung einer inneren Reinheit abzielt, um Gott in der rechten Weise begegnen zu können. Wird Weihrauch verwendet, erfolgt die Händewaschung nach der Inzens von Gaben und Altar. Diese Reihenfolge stammt wohl noch aus alter Zeit und hatte früher den Zweck, die durch die Inzens verunreinigten Hände zu säubern.

Die Brotbrechung

Während die Gemeinde das "Lamm Gottes" betet oder singt, bricht der Priester die große Hostie über der Schale in mehrere Stücke. Die Brotbrechung hat eigentlich einen ganz praktischen Grund: Die Eucharistie ist die Feier, in der die Einheit der Kirche dargestellt wird. Und dies kommt dann augenscheinlich zum Ausdruck, wenn alle Gemeindemitglieder von einem Brot essen und aus dem einen Kelch trinken. In früheren Zeiten hatte man tatsächlich nur ein Brot, das dann eben geteilt werden musste, damit alle Gottesdienstbesucher davon essen konnten. Heutzutage ist dieses wichtige Zeichen fast beinahe verschwunden: Es gibt sogenannte "Laienhostien" und eine "Priesterhostie"; die große Hostie wird manchmal nur in zwei Stücke gebrochen, die nicht selten vom Priester allein kommuniziert werden.

„Dabei fällt aber etwas sehr Wichtiges unter den Tisch: Das Essen von dem einen Brot zeigt gerade an, dass es unter allen Gemeindemitgliedern eine Einheit gibt, die in Christus begründet wird.“

Dabei fällt aber etwas sehr Wichtiges unter den Tisch: Das Essen von dem einen Brot zeigt gerade an, dass es unter allen Gemeindemitgliedern eine Einheit gibt, die in Christus begründet wird. Paulus weist sehr dezidiert darauf hin, dass alle Standesunterschiede in der Feier der Eucharistie aufgehoben sind. Wenn alle ein Stück vom gleichen Brot bekommen und alle aus demselben Kelch trinken dürfen, wird dieser Gedanke sehr konkret greifbar. Wenn allerdings nur der Priester die große Hostie isst und alle übrigen Gottesdienstteilnehmer eine eigene, kleine Hostie bekommen, ist nicht mehr ersichtlich, dass die Feier der Eucharistie ein Zeichen der Einheit ist.

Die Brotbrechung ist also mehr als ein beiläufiges Ritual: Sie ist ein sprechendes Zeichen, dass alle Getauften in Christus geeint sind in der einen Kirche. So heißt es auch in einem unserer Kirchenlieder: "Aus vielen Körnern ist ein Brot geworden: So führ auch uns, o Herr, aus allen Orten zu einer Kirche durch dein Wort zusammen in Jesu Namen" (GL 484, 4. Strophe). Es sollte zumindest eine Überlegung wert sein, ob man nicht dort, wo die Gottesdienstbesucher überschaubar sind, dieses Zeichen wieder neu belebt, indem man sie an dem einen Brot teilhaben lässt, das in viele Stücke gebrochen wird.

Ein Stück Hostie im Wein

Es gibt bei der Brotbrechung noch einen Ritus, der gar nicht so offensichtlich wahrnehmbar ist. Die Rubriken des Messbuches schreiben dazu: "Ein kleines Fragment der Hostie senkt der Priester in den Kelch". Dabei ist gar nicht so klar, was es mit diesem Ritual auf sich hat. Wahrscheinlich ist es ein Zeichen für die Einheit von Leib und Blut Christi: Brot und Wein bezeichnen den einen Christus, der in den beiden Gestalten sakramental gegenwärtig ist. Das Messbuch jedenfalls deutet diese Vermischung nicht eigens.

Ein Priester feiert die Heilige Messe
Bild: ©KNA

Gehören in der Eucharistiefeier untrennbar zusammen: die Gaben von Brot und Wein.

Es haben sich vor allem zwei Erklärungsmöglichkeiten zur Entstehung dieses Ritus herausgebildet: Aus Syrien stammt die Deutung, das Hinabsenken eines Hostienpartikels in den Kelch würde den Tod und die Auferstehung Christi symbolisieren. Eine andere Erklärung findet sich in Rom, wo es schon sehr früh üblich war, Partikel einer Hostie, die vom Papst konsekriert worden war, an verschiedene Gemeinden der Stadt zu schicken. Damit sollte ­die Einheit der Kirche zum Ausdruck gebracht werden. Diese kleine Gabe war somit ein Zeichen der Verbundenheit aller Gemeinden, welche durch die Eucharistie in Christus geeint sind.

Heutzutage ist dieser Ritus eben eher ein Zeichen dafür, dass Brot und Wein nicht zwei getrennte Dinge bezeichnen, sondern dass beide Gaben untrennbar zusammengehören.

Von Fabian Brand