"Selig seid ihr, wenn ..."

Die Seligpreisungen – Eine liturgische Wiederentdeckung

Aktualisiert am 15.05.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Seligpreisungen zählen zu den bekanntesten Herrenworten und gelten als "Evangelium in Kurzform". Doch während sie in der Liturgie des Ostens weit verbreitet waren, spielten sie im Westen kaum eine Rolle. Katholisch.de erklärt, wie es dazu kommen konnte – und wie moderne Komponisten das ändern.

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Die acht Seligpreisungen aus der Bergpredigt des Matthäusevangeliums (5,3–12) gehören wohl zu den bekanntesten Texten des Neuen Testaments. Jesus preist Menschen selig, die am Rand der Gesellschaft stehen, die nichts zu lachen haben, denen es schlecht geht. Die Logik Jesu, die er in der Bergpredigt entfaltet, ist eine andere als rein menschliche Berechnung: Im Gottesreich haben nicht die das Sagen, die hier auf Erden schon über Menschen herrschen, die unterdrücken und drangsalieren. Das Gottesreich ist vielmehr eine Verheißung für diejenigen, die hoffnungslos durch das Leben irren und die in den vielfachen Verwicklungen dieser Zeit keine Perspektive mehr haben. Diese Menschen werden von Jesus seliggepriesen, und zwar nicht deshalb, weil es ihnen in dieser Zeit schlecht geht, sondern weil sie darauf hoffen dürfen, dass ihr Leid im Gottesreich in unsagbare Freude gewandelt wird. Aufgrund ihrer Prägnanz und ihrer Aussagekraft sind die Seligpreisungen schon früh in den Gebetsschatz der Kirche eingegangen.

Vor allem in den Liturgien des Ostens waren die Seligpreisungen sehr bald ein fester Bestandteil unterschiedlicher Gebetszeiten. Der Liturgiewissenschaftler Balthasar Fischer bemerkt, dass die Seligpreisungen "bereits im 1. Jahrtausend im Stundengebet des christlichen Ostens die Rolle eines neutestamentlichen Canticums gespielt" haben. Mit anderen Worten: In sehr frühen Zeugnissen des Stundengebets, die Fischer untersucht hat, finden sich neben dem Benedictus (dem Lobgesang des Zacharias) und dem Magnificat (dem Lobgesang Mariens) auch die Seligpreisungen als Element des Offiziums.

Eine uralte christliche Tradition überdauert – im Osten

Auch im heutigen monastischen Stundengebet des byzantinischen Ostens haben sich die Seligpreisungen erhalten. Allerdings bilden sie dort nur mehr einen Zusatz zur Sext und nehmen damit einen weit weniger wichtigen Platz ein als sie ihn in früheren Zeiten besaßen. Dennoch sind die Seligpreisungen in den Liturgien des Ostens nicht ganz in Vergessenheit geraten: Am Gründonnerstagabend, wenn des heiligen Leidens Jesu gedacht wird, haben sie sich eine feste Gebetszeit bewahrt.

Der Blick in die Westkirche fällt hingegen weit spärlicher aus: Bei Ambrosius von Mailand begegnet der Hinweis, dass auch im Westen die Seligpreisungen im Morgenoffizium eine Rolle spielten. Möglicherweise wurde hier der Brauch aus dem Osten übernommen. Jedenfalls liegt es nahe, dass dieser wertschätzende Umgang mit den Seligpreisungen im Stundengebet auch in die Westkirche ausgestrahlt hat. Trotzdem verliert sich diese Spur schon relativ bald. Warum die Seligpreisungen in der Liturgie der Westkirche schon bald nur noch eine marginale Rolle spielte, lässt sich nur vermuten. Vielleicht lag es am Einfluss der Regula Benedicti, die sich ab der Mitte des sechsten Jahrhunderts weit verbreitete. Der heilige Benedikt von Nursia hatte dort eine sehr detaillierte Beschreibung des monastischen Stundengebetes vorgelegt. Zwar benennt Benedikt welche Psalmen zu welchen Horen zu singen sind und verweist dabei auch auf unterschiedliche Cantica aus dem Neuen Testament. Eine ausdrückliche Anleitung, dass auch die Seligpreisungen im Offizium zu singen wären, unterbleibt allerdings bei Benedikt.

Es ist durchaus interessant, dass die Seligpreisungen in den Liturgien der Westkirche nur episodischen Charakter besessen haben. Das hat sich bis heute nicht verändert. Zwar wird der Abschnitt aus dem Matthäusevangelium prominent am Allerheiligentag im Wortgottesdienst der Eucharistiefeier gelesen, dennoch haben die Seligpreisungen im Offizium der Tagzeitenliturgie keinerlei Bedeutung.

Bild: ©Fotolia.com/Halfpoint

Aus der Liturgie der Westkirche sind die Seligpreisungen praktisch verschwunden – doch dem Privatgebet der Gläubigen wurden sie weiter empfohlen.

Das eine ist die offizielle Liturgie, das andere ist der Umgang mit den Texten in der Privatfrömmigkeit der Gläubigen. Hierbei macht Balthasar Fischer auf den Katechismus von Petrus Canisius aufmerksam, der im Jahr 1564 publiziert wurde. Canisius legt den Gläubigen das auswendige Zitieren bestimmter Bibeltexte als fromme geistliche Übung nahe. So wird zum Beispiel für den Advent das häufige Sprechen des Benedictus empfohlen. Und für die Zeit zwischen dem Dreifaltigkeitssonntag und dem ersten Advent sollen fromme Christen häufig oder täglich die acht Seligkeiten aufsagen. Hier klingen die Seligpreisungen als Privatgebet weiter, hier sind sie zumindest nicht ganz aus dem Gebetsleben der Westkirche verschwunden. Inwieweit diese Praxis freilich verbreitet war oder geübt wurde, bleibt offen. Aber es zeigt doch sehr deutlich an, dass die Seligpreisungen als wichtiger und wertvoller Text weiterhin geachtet und geschätzt wurden. Auch wenn sie in der Liturgie nur noch randständig behandelt wurden.

Umso schöner ist es, dass im neuen Gotteslob hat ein Lied Eingang gefunden hat, in dem die Seligpreisungen nachklingen. Es findet sich unter den Nummer 458 und 459. Der Text stammt ursprünglich aus der Feder von Friedrich Karl Barth und Peter Horst, die Melodie von dem bekannten NGL-Komponisten Peter Janssens. Das Lied ist anlässlich des Evangelischen Kirchentags im Jahr 1979 entstanden. Dort wurde das Singspiel "Uns allen blüht das Leben: ein Fest für die Lebenden" aufgeführt, zu dem die beiden evangelischen Pfarrer Barth und Horst das Textbuch erstellt hatten. Im vierten Akt erklang erstmals das Lied "Selig, seid ihr". Wie viele andere Lieder, die aus der Feder von Peter Janssens stammen, verbreitet sich auch dieser Gesang relativ schnell. Schon 1982 wurde er auf dem Katholikentag in Düsseldorf gesungen, zu dem Raymund Weber einen Alternativtext geschrieben hatte. Dieser fand auch Eingang in das neue Gotteslob. Schon in den Diözesananhängen des alten Gotteslob war das Lied weit verbreitet; auch im Evangelischen Gesangbuch ist es zu finden.

Ein Bibeltext – verschiedene Liedtexte

Vergleicht man den Liedtext von Barth/Horst mit den Seligpreisungen aus Mt 5,3–12, so lassen sich ansatzweise Übereinstimmungen feststellen. Das wiederkehrende "Selig, seid ihr" lässt unweigerlich die Seligpreisungen anklingen. Außerdem greift der Liedtext die Motive auf, die bei Matthäus genannt werden: Armut im Geiste wird bei Barth/Horst zu einem einfachen Leben, das Stiften des Friedens zum Friedenmachen oder die Verfolgung um der Gerechtigkeit willen zum Spüren von Unrecht. So lässt sich festhalten, dass das Lied von Barth/Horst eine relative freie Nachdichtung der matthäischen Seligpreisungen ist, wobei die Grundmotive in GL 458 deutlich aufgenommen werden.

Anders beim Alternativtext von Raymund Weber, der sehr allgemein auf einen menschwürdigeren Umgang miteinander ausgelegt ist. Man könnte sagen, dass hier der Grundtenor der gesamten Bergpredigt durchklingt, nämlich die Sorge für den Nächsten in seiner Bedrängnis und in seiner vielgestaltigen Not. Damit führt der Text von Weber jene Themen weiter, die bei Jesus in den Seligpreisungen anklingen. Oder anders gesagt: Weber konkretisiert die Seligpreisungen auf unterschiedliche Weise, indem er deutlich macht, wie das, was Jesus in der Bergpredigt den Menschen ans Herz legt, im Umgang miteinander konkret werden kann.

Wenn heute das Lied aus dem Gotteslob in der Liturgie gesungen wird, dann klingt damit eine uralte Praxis an: Hier wird einem Text aus dem Neuen Testament Wertschätzung erbracht, dem vor allem in den Ostkirchen große Bedeutung beigemessen wurde. Der allerdings im Westen im Lauf der Jahrhunderte etwas in Vergessenheit geraten ist. Dabei sind die Seligpreisungen eigentlich das ganze Evangelium in Kurzform: Sie fassen prägnant eine Hoffnung zusammen, die über dieses Leben hinausweist und die hilft, manche Wechselfälle des Lebens leichter und gelassener zu ertragen. Denn würdig für das Reich Gottes sind in den Augen Jesu nicht diejenigen, die schon hier und heute alles haben, können und besitzen. Selig sind die armen im Geiste, die Trauernden, die Sanftmütigen. Selig sind die Menschen, die nach anderen Maßstäben urteilen und trotz kritischer Anfragen von außen nicht müde werden, das Evangelium zu verkünden.

Von Fabian Brand