Von der Fischgräte des Blasius und dem Wundertäter Benedikt

"Legenda aurea": Die Schatzkiste der Heiligen

Aktualisiert am 04.06.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Viele Geschichten werden über die Heiligen erzählt. Nicht alle sind dabei historisch nachvollziehbar. Jacobus de Voragine hat im Mittelalter zahlreiche hagiografische Erzählungen zusammengetragen. Entstanden ist die "Legenda aurea", die wertvolle Episoden über die Heiligen versammelt.

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Die Legende des heiligen Blasius, dessen Gedenktag am 03. Februar begangen wird, ist weithin bekannt: Eine Frau bringt ihren sterbenden Sohn zu Blasius, der Bischof von Sebaste ist. Im Hals des Sohnes hat sich eine Fischgräte verfangen, weshalb dieser zu Ersticken droht. Doch Blasius legt ihm die Hände auf und segnet ihn, wodurch der Sohn der Frau geheilt und der Tod abgewendet wird. Bis heute hat sich deshalb auch der Brauch des Blasius-Segens am Festtag des Heiligen erhalten.

Diese Erzählung über den heiligen Blasius aber noch viele weitere bekannte und berühmte Geschichte über Heilige finden sich in einem Werk zusammengetragen, welches den Titel "Legenda aurea" trägt. Die "goldene Legende" ist die wohl im Mittelalter weit verbreitetste Legendensammlung, die sich in größer Ausführlichkeit mit dem Leben der unterschiedlichsten Heiligen auseinandersetzt. Sie ist daher auch zu einer Quelle für die Volksfrömmigkeit, aber auch für die christliche Kunst und Theologie geworden.

Der Mann hinter den Legenden

Im Mittelalter war die Legenda Aurea weit verbreitet: Sie entstammt wohl der Feder eines Mannes mit Namen Jacobus de Voragine oder Jacobus de Varagine, der ein Angehöriger des Dominikanerordens war. Der Autor wurde wohl vor 1239 geboren und trat im Jahr 1244 in den Orden ein. Zu dieser Zeit war Jacobus wohl um die 15 Jahre alt, weshalb sich das Geburtsjahr ungefähr erschließen lässt. Seine Familie, wenngleich er nichts über sie verlauten lässt, stammt aus der Gegend um Genua und ist in mehreren Urkunden bezeugt. Jacobus selbst nennt Genua seine Heimat.

1244 tritt Jacobus in den Dominikanerorden ein, wo er schon kurze Zeit später als Lektor unterrichtete. Im Jahr 1260 wurde er Subprior und schließlich 1266 Prior in Asti in der heutigen Region Piemont. Jacobus muss während dieser Zeit ein begeisterter Schriftsteller gewesen sein: Neben der Legenda Aurea hat der die "Chronik der Stadt Genua bis zum Jahr 1297", eine Reihe mit Marienpredigten, eine weitere Predigtsammlung sowie die "Legenda sanctorum" verfasst. Bereits 1267 wurde Jacobus zum Provinzialprior erhoben, ein Amt, das er zunächst bis 1277 und dann noch einmal im Zeitraum zwischen 1281 und 1286 ausübte. Dabei war Jacobus für eine Provinz zuständig, die beinahe ganz Norditalien umfasste; seinen Amtssitz hatte er in Bologna.

Bild: ©anghifoto / Fotolia.com

In Bologna hatte Jacobus seinen Amtssitz als Provinzialprior der Dominikaner.

Als der Ordensgeneral Johannes von Vercelli am 30. November 1283 gestorben war, übernahm Jacobus auch dieses Amt und führte es, bis am 13. Mai 1285 ein neuer Ordensgeneral gewählt worden war. Die Wahl fiel auf Muno von Zamora, der unter den Ordensbrüdern allerdings wenig beliebt war, weil er schon kurz nach seinem Amtsantritt zu einem strengen Einhalten der Regeln aufforderte. Jacobus, der als Generalvikar des Ordens fungierte und in dieser Stellung auch der Stellvertreter Zamoras war, zog damit zugleich den Zorn der Ordensbrüder auf sich. Mehrmals wurde er zum Ziel von Anschlägen und von der römischen Kurie wurde er aufgefordert, für eine Absetzung des unbeliebten Ordensgenerals zu sorgen. Doch die Sache ging gehörig schief: Jacobus und einige andere Brüder sprachen Muno von Zamora ihr Vertrauen aus, was nur neue Attacken auf den Ordensgeneral und seine Sympathisanten provozierte.

Als man Jacobus zum Erzbischof von Genua ernennen wollte, lehnte dieser zunächst ab. Doch im Frühjahr 1292 stimmte er schließlich auf Drängen verschiedener Seiten zu, sich zur Wahl zu stellen. Papst Nikolaus IV. ernannte Jacobus zwar zum Erzbischof von Genua und lud ihn ein, die Konsekration in Rom zu empfangen. Als der Weihekandidat jedoch am Palmsonntag 1292 in Rom eintraf verzögert sich das Ganze, da der Papst am Karfreitag noch vor der Weihezeremonie verstarb. Um den Bischofsstuhl von Genau dennoch zügig zu besetzen, wurde Jacobus in der Woche nach Ostern durch einen Kardinal zum Bischof geweiht.

Politische Wirren und heilige Gebeine

Im darauffolgenden Jahr rief der neue Erzbischof eine Provinzialsynode nach Genua ein, wo auch die Reliquien des heiligen Syrus, des dritten Bischofs von Genua, mit großer Feierlichkeit übertragen wurden. In dieser Zeit, als Jacobus in Genua wirkte, wurde er auch verschiedentlich als Schriftsteller tätig. Er verfasste nicht nur einige Gedanken zu den politischen Wirren, die seinerzeit in Genua tobten, er schrieb auch eine "Geschichte über die Reliquien der heiligen Philippus und Jakobus" sowie eine "Geschichte oder Legende der Translatio des seligsten Johannes des Täufers", die davon handelt, wie die Reliquien des Täufers in die Kathedrale San Lorenzo nach Genua gekommen sind. Schließlich stammen noch einige weitere hagiographische Texte aus der Feder des Genueser Erzbischofs.

Jacobus de Voragine starb in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1298 in Genua. Seine sterblichen Überreste wurden in der Klosterkirche San Domenico beigesetzt. Heute ruhen seine Gebeine in der Dominikanerkirche Santa Maria di Castello. Im Jahr 1816 wurde Jacobus von Papst Pius VII. heiliggesprochen.

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Papst Pius VII. sprach Jacobus de Voragine 1816 heilig.

Doch nun zu dem Hauptwerk, das Jacobus berühmt gemacht hat: die Legenda Aurea. Schon der Titel ist irreführend, denn eigentlich war es zur Zeit der Abfassung gar nicht üblich, einem Werk einen Titel zu geben. Buchtitel waren sehr veränderlich und so war es lange üblich, einfach die ersten Worte einer Schrift als Titel anzugeben. Diese Praxis ist ja bis heute bei den päpstlichen Schreiben gang und gäbe. Dennoch ist der Name "Legenda aurea" schon 1290 bezeugt und damit noch zu Lebzeiten des Autors. Jacobus selbst jedoch hat sein Werk nie so genannt; er selbst bezeichnet es als eine "Bearbeitung von Geschichten von Heiligen".

Wichtig für das Verständnis des Werkes ist eine Unterscheidung zwischen Legende und Historizität. Mit anderen Worten: Hagiografie ist keine Geschichtsschreibung. Die Hagiografie greift auf einzelne Elemente der Historie zurück, baut diese aber weiter aus und fügt sie so zu einer Vita eines Heiligen zusammen. So entspringen hagiografische Werke auch nie gänzlich der Fantasie eines Autors, aber es wäre auch falsch, Hagiografie als historischen Tatsachenbericht zu lesen. Das gilt auch für die "Legenda aurea": Verschiedene Erzählungen und Berichte, die es über das Leben der Heiligen gibt, werden von Jacobus aufgenommen und zu einer einzigen Erzählung kompiliert. Jacobus de Voragine ist daher im eigentlichen Sinne auch nicht Autor der Legenda, sondern Redaktor oder Kompilator. Eine Datierung der Legenda aurea ist auch nicht ohne Weiteres möglich. Meist werden als Entstehungszeitraum die 60er Jahre des 13. Jahrhunderts angegeben.

Verborgene Kleinode

Viele lesenswerte Episoden finden sich in der Legenda aurea. Darunter eine Geschichte, die aus dem Leben des heiligen Benedikt von Nursia erzählt: "Ein Mönch hatte ohne Segen das Kloster verlassen, um seine Eltern zu besuchen, und starb an dem Tag, an dem er zu ihnen kam. Als man ihn begrub, die Erde ihn aber ein erstes und ein zweites Mal aus dem Grab warf, kamen seine Eltern zu Benedikt und baten ihn, ihm seinen Segen zu geben. Der nahm den Leib des Herrn und sagte: 'Geht, legt das auf seien Brust und übergebt ihn so zum Begräbnis!' Als man das getan hatte, behielt die Erde den aufgenommenen Leichnam und warf ihn nicht mehr heraus."

So ist die Legenda aurea nicht nur eine schöne Sammlung von berühmten und bekannten Legenden. Sie ist auch eine Hinführung zum Leben der Heiligen und hilft, sich mit ihrem Wirken auseinanderzusetzen. Die Legenda aurea ist somit ein wahre Schatzkiste, in der sich viele wertvolle Geschichten rund um unsere christlichen Heiligen finden. Unter der Ägide von Bruno W. Häuptli ist jüngst eine kartonierte Sonderausgabe im Herder-Verlag erschienen.

Von Fabian Brand