Anna Maria, gespielt vonMaria Hofstätter, sitzt mit den Mitgliedern ihrer Sekte um einen Tisch und betet.

Eine Frage der Macht

Nachdem Ulrich Seidl im ersten Teil seiner "Paradies"-Trilogie die Protagonistin Teresa auf der Suche nach Liebe, Würde und Selbstbewusstsein in ein Ferienressort nach Kenia begleitete, bleibt er im zweiten Teil "Paradies: Glaube" bei Teresas Schwester Anna Maria in Wien.

- 07.01.2015

Die arbeitet in der Röntgenabteilung eines Krankenhauses und geht in ihrer Freizeit mit einer Wandermuttergottes missionieren: als katholische Fundamentalistin, die die Liebe zu Jesus etwas zu wörtlich nimmt, sich schmerzhaften Bußübungen hingibt und deren fromme Betgruppe sich als "Sturmtruppe des Katholizismus" empfindet. Wenn sich so eine Fanatikerin hingebungsvoll gestrandeter Agnostiker und Andersgläubiger annimmt, dann sorgt das für eine unangenehme Portion Fremdscham, was an ältere Filme von Seidl wie "Tierische Liebe" oder "Hundstage" erinnert.

Doch Seidl denunziert die Gläubige so wenig wie die Sextouristin in "Paradies: Liebe". Im Gegenteil: Nachdem er Anna Maria eine Weile bei ihrer Glaubensmission durch die Wiener Migranten-Bezirke begleitet hat, erhöht er unvermittelt die Schmerzgrenze der Figur. Plötzlich sitzt deren Mann Nabil in der Wohnung: ein querschnittgelähmter Ägypter, der insistierend seine Rechte als Ehemann einfordert und eifersüchtig reagiert, als er merkt, dass es Anna Maria mit der Leugnung alles Fleischlichen ernst ist. Nun beginnt ein erbitterter Glaubenskrieg, der zunächst um religiöse Symbole kreist.

Die "Paradies"-Trilogie

In seinen Filmen dringt der Regisseur Ulrich Seidl mit Vorliebe in die "Randzonen des Sozialen" vor, so auch in seiner neuen "Paradies"-Trilogie. Im ersten Film "Paradies: Liebe" begleitet Seidl eine österreichische Sextouristin nach Kenia. Die Protagonistin Teresa ist auf der Flucht vor ihrem tristen Alltag und auf der Suche nach Liebe und Abenteuer. Letztendlich muss sie jedoch erkennen, dass jegliche Zuneigung, die sie dort findet, nur eine Illusion ist. "Paradies Glaube" erzählt die Geschichte von Anna Maria, der Schwester der Protagonistin des ersten Films. Als fanatische Katholikin verbringt sie ihre Freizeit damit, eine Muttergottesstatue von Haus zu Haus zu tragen um "Ungläubige" zu bekehren. Eines Tages kehrt ihr querschnittsgelähmter Mann Nabil aus Ägypten zurück und es beginnt ein fanatischer Psychokrieg. Der letzte Teil der Reihe, "Paradies Hoffnung" greift das Schicksal von Teresas Tochter Melanie auf. Das junge Mädchen verbringt ihre Ferien in einem Diät-Camp und verliebt sich dabei in einen vierzig Jahre älteren Arzt. Ein Film über Teenager-Energie und Frustration, Schönheitskult und erste Liebe. Der Titel der Trilogie "Paradies" ist bewusst gewählt, enthält er doch sowohl touristische als auch religiöse Motive. Das 4,6 Millionen Euro teure Projekt war zunächst als Einzelfilm geplant, in dem die Schicksale der drei Protagonistinnen parallel erzählt werden sollten, was sich aber letzten Endes aufgrund der hohen Komplexität der Geschichten als nicht realisierbar erwies. Auch bei Kritikern haben Seidls Filme bereits für Furore gesorgt. Auf dem Filmfestival von Venedig erhielt "Paradies: Glaube" den Spezialpreis der Jury.

Den Charakteren geht es weniger um Religion als um Macht

Letztlich geht es beiden Antagonisten aber nicht um Religion, sondern um Macht. Anna Maria bedient sich der Religion, um sich von ihrem tyrannischen Ehemann zu emanzipieren. Dessen Rückkehr wird zu einer Herausforderung ihrer Gottgefälligkeit, die ohnedies nicht von Barmherzigkeit und der Achtung der Kreatur geprägt ist.

An ihrem Arbeitsplatz, wo sie mit Kranken und Hilflosen konfrontiert ist, gibt sich Anna Maria kühl und professionell – und auch die in Pflege genommene Katze hätte etwas mehr Fürsorge brauchen können. Es passt ins Bild, wenn Anna Maria ihrem gelähmten Gegner den Rollstuhl fortnimmt und die Türen verschließt. Wie in einer Groteske der Verzweiflung sieht man in einem der betont artifiziell stilisierten Tableaus Nabil am Boden durch die Wohnung kriechen, schimpfend und zeternd.

Es ist aber nicht so, dass Anna Maria in ihrer forcierten Form des Glaubens Erlösung fände; es ist vielmehr so, dass sie ihre Liebe zu Jesus nicht erwidert findet. Dieses Erleben eines permanenten Scheiterns und Verfehlens der eigenen Sehnsüchte ähnelt auf fatale Weise demjenigen ihrer Schwester Teresa beim Ausflug nach Afrika. Aus der fundamentalen Einsamkeit führt keine Abkürzung heraus, solange die Machtfragen nicht geklärt sind. So wie die Sehnsucht nach Liebe unter den herrschenden Bedingungen zum Sextourismus führt, so wandelt sich die Sehnsucht nach Gnade zur gottlosen Bigotterie.

von Ulrich Kriest

FILM-DIENST

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