Der deutsche Orgelbau zwischen Tradition und Moderne

Dienerin der Liturgie

Aktualisiert am 28.07.2013  –  Lesedauer: 
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Musik

Bonn ‐ Sie gilt als Königin unter den Instrumenten: Die Orgel blickt nicht nur auf eine Geschichte von mehr als 2.000 Jahren zurück, sie ist, einmal erbaut, über Jahrhunderte bespielbar. Dabei kommt es neben den Fähigkeiten des Musikers darauf an, dass beim Bau mit größter Sorgfalt gearbeitet wird - eine Kunst, in der Deutschland Marktführer ist.

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Bis heute gibt es in der Bundesrepublik etwa 170 Orgelbauwerkstätten mit rund 2.500 Beschäftigten. Darüber hinaus wurde 1951 in Deutschland die Gesellschaft der Orgelfreunde gegründet. Diese zählt heute rund 5.500 Mitglieder weltweit und trifft sich alljährlich zu einer internationalen Tagung. In diesem Jahr findet die Zusammenkunft von diesem Sonntag bis kommenden Samstag in Köln statt.

"Es geht um den ursprünglichen Klang des Instruments"

Ein Ziel der Gesellschaft sei es, den Bau von qualitativ hochwertigen Pfeifenorgeln zu fördern, sagt der Vorsitzende Matthias Schneider. Darüber hinaus wollten die Orgelfreunde die Restaurierung und Pflege alter Musikinstrumente unterstützen. "Heute geht es nicht nur darum, die Originalform wiederherzustellen, sondern auch den ursprünglichen Klang des Instruments", sagt Schneider, der Professor für Kirchenmusik und Orgel in Greifswald ist. Seit es die Tradition von Orgeln in Kirchen gebe, werde Kirchenmusikern die einmalige Möglichkeit gegeben, einen ganzen Raum allein mit Klang zu füllen.

Im Vergleich zu den Anfangszeiten des klassischen Kirchenmusikers nach dem Zweiten Weltkrieg, habe sich das Bild des Organistenberufs jedoch stark gewandelt. "Heute muss ein Kirchenmusiker ein Allrounder sein", so Schneider. Er solle den Gottesdienst auf der Orgel begleiten, den Chor leiten, Konzerte geben und vieles mehr. "Die Erwartungen sind sehr hoch", gibt der Organist zu bedenken. Dabei nehme die Zahl der festen Stellen bei Kirchengemeinden weiter ab.

Ein Orgelbauer repariert eine Orgel.
Bild: ©dpa/Jens Wolf

Ein Orgelbauer repariert eine Orgel.

"Die Orgel ist Dienerin der Liturgie, aber bei weitem nicht nur ein sakrales Musikinstrument", betont Philipp Klais. Der 46-Jährige steht mit seinem Namen und der Familiengeschichte für mehr als 120 Jahre deutschen Orgelbau. Sein Urgroßvater Johannes Klais gründete 1882 eine Orgelbauwerkstatt in Bonn, die heute als eine der führenden weltweit gilt. "Wir haben keine Nachwuchsprobleme", sagt Klais. Jedes Jahr stelle er drei neue Auszubildende ein.

Deutsche Orgeln sind international gefragt

Vor 12 Jahren hat der gelernte Orgelbauer die Firma von seinem Vater übernommen, in den vergangenen Jahren hat er mit seinen 65 meist langjährigen Mitarbeitern Bauprojekte weltweit betreut: Deutsche Orgeln sind international gefragt. Der 46-Jährige hat Aufträge in den USA, China, Taiwan und Russland an Land gezogen. Dabei dauert allein die Fertigung in Deutschland neun bis zwölf Monate. Dazu kommen etwa fünf Monate Aufbau an Ort und Stelle. Preislich liegen die Einzelstücke zwischen 40.000 und drei Millionen Euro.

"Die Orgel schafft als Instrument einen einzigartigen warmen und weichen Klangteppich", schwärmt Klais. Dieser sei nicht nur für das Singen in der Kirche wichtig, er lasse auch Zuhörern im Konzertsaal einen Schauer über den Rücken laufen. "Die Orgel ist auch ein wichtiges Orchesterinstrument", sagt Klais. Gerade in den vergangenen Jahren sei zudem die Zahl an Orgel-Solo-Konzerten deutlich gestiegen. "Es gibt zwei Leben der Orgel, eines in der sakralen und eines in der säkularen Welt", ergänzt Klais.

Passend dazu beobachtet Organist Schneider einen Trend zu Konzertsaalorgeln in den arabischen und asiatischen Ländern. Grund sei ein großes Interesse an abendländischer Kultur. Da in diesen Regionen oft keine Kirchen vorhanden seien, müssten neue Orgeln gebaut werden. "Das ist für deutsche Orgelbauer ein lukrativer Markt", so Schneider. Die Musiker gingen dabei oft den entgegengesetzten Weg. "Wir haben viele asiatische Orgelstudenten, die in Deutschland ihre Kenntnisse perfektionieren wollen", erzählt Schneider. Danach gingen sie zurück ins Heimatland, um dort nicht selten auf deutschen Orgeln zu spielen.

Von Anna Mertens (KNA)