Gedenkstein für den ermorderten Mehmet Kubasek.
Barbara John fordert Schreiben der Bischöfe an die NSU-Opfer

Alleingelassen mit dem Schmerz

NSU-Terror - Rund ein Jahr nach Bekanntwerden des rechtsextremistischen Hintergrunds der "NSU-Morde" an Migranten fordert die Ombudsfrau der Bundesregierung, Barbara John, mehr gesellschaftliche Anteilnahme für die Opfer und Angehörigen. Auch die Bischöfe der beiden großen Kirchen könnten sich in einem Brief an sie wenden und damit ein positives Signal setzen, sagte John im Interview. Sie ist auch Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes im Erzbistum Berlin.

Berlin - 06.11.2012

Frage: Frau John, mit wie vielen Betroffenen sind Sie zur Zeit in Kontakt, und was sind deren Hauptanliegen?

John: Ich bin mit etwa 20 Opfern des Kölner Nagelbomben-Attentats in Kontakt, die schwere Verletzungen erlitten haben, zudem mit etwa 50 Hinterbliebenen der Ermordeten. Ihr Hauptwunsch ist natürlich, dass die Hintergründe der Morde aufgeklärt werden. Die Hinterbliebenen schmerzt es immer noch, dass sie nicht nur Angehörige verloren haben, sondern auch beschuldigt wurden, in die Verbrechen verstrickt zu sein. Dadurch wurden sie isoliert. Viele hat das regelrecht aus der Bahn geworfen.

Frage: Wie können Sie helfen?

John: Ich habe mich von Anfang an um ganz konkrete Hilfe bemüht. Da ging es um Aufenthaltssicherung, Pass- und Wohnungsbeschaffung, Kontakt zu Krankenhäusern, Vermittlungen von psychologischen Hilfen, Fragen zu Opferrenten und vieles mehr. Inzwischen haben die Angehörigen ja auch aus dem Fonds der Bundesregierung eine finanzielle Entschädigung erhalten. Zudem wurden Beerdigungskosten erstattet.

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John.

Die Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, Barbara John.

Frage: Sie haben auch das Anbringen von Gedenktafeln unterstützt...

John: Ja, das war ein wichtiges Anliegen. In Dortmund, Kassel und Heilbronn gibt es bereits Gedenktafeln für die Mordopfer. In Hamburg, Rostock, Nürnberg und München werden noch geeignete Plätze für ein Gedenken gesucht oder bereits die Tafeln vorbereitet. Allein in Köln gibt es noch kein konkretes Vorhaben.

Frage: Bei der zentralen Gedenkfeier hat Bundeskanzlerin Angela Merkel den Hinterbliebenen eine vollständige Aufklärung zugesichert. Wie sind diese mit dem bisherigen Stand zufrieden?

John: Für sie ist die bisherige Aufklärung eine Riesenenttäuschung. Dabei waren die Erwartungen sehr hoch. Auch die Angehörigen im Herkunftsland Türkei sind irritiert und fragen die Hinterbliebenen, wie so etwas in seinem so vorbildlichen Rechtsstaat passieren konnte. Ich selbst gehe in den Untersuchungsausschuss. Es ist frustrierend zu hören, dass bei allen Behördenbefragungen eigentlich immer nur dieselben Antworten kommen: 'Tut uns furchtbar leid, aber wir konnten damals nicht anders'.

Frage: Glauben Sie, dass die Überlebende des Mord-Trios, Beate Zschäpe, doch noch aussagt?

John: Wenn sie auch nur eine Faser Herz hätte, dann wüsste sie, was sie den Opfern und Hinterbliebenen schuldig ist, und würde eine Aussage machen, den Hinterbliebenen erklären, warum ihre Familien ausgesucht wurden. Ich fürchte aber, wer zu solchen Taten fähig ist, der wird eine solche Einlassung nicht machen.

Frage: Was wünschen Sie sich für die Hinterbliebenen?

John: Ich wünsche mir etwas mehr gesellschaftliche Anteilnahme an ihrem Schicksal. Wenn etwa die Töchter eines Opfers von dem Mord erzählen und dann die Antwort bekommen: 'Das ist sehr traurig, aber Türken haben auch schon Deutsche ermordet', wirft das ein trauriges Licht auf unsere Gesellschaft. Das richtet wieder neue seelische Qualen an. Ein positives Signal der Anteilnahme könnte auch von den Bischöfen der beiden großen Kirchen kommen, etwa durch ein Schreiben an die Opfer.

Frage: Wie könnten die Bemühungen um Aufklärung langfristig fortgesetzt werden?

John: Die Bundesregierung sollte über die Gründung einer Stiftung nachdenken. Sie kann die neonazistischen Straftaten dokumentieren und Informationen über die Hintergründe aufbereiten. Zudem kann sie dazu beitragen, dass die Sicherheitsbehörden bürgerzugewandter handeln. Dabei sollten dann Opfer und Angehörige miteinbezogen werden.

Das Interview führte Birgit Wilke