Die palästinensischen Christen erleben einen unsicheren Advent

Warten auf Frieden

Palästinensische Christen bei einem Weihnachtsgottesdienst.
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"Wir sind inzwischen Experten, wir können den Typ der abgeschossenen Rakete am Geräusch unterscheiden", sagen die Schwestern der Ordensgemeinschaft "Verbo Incarnato". Sie sind für die Seelsorge in der katholischen Pfarrei "Heilige Familie" zuständig und geben Religionsunterricht an den Schulen des Patriarchats. Genau einen Monat ist es her, dass die jüngste Runde in der Gewalteskalation zwischen Israel und dem Gazastreifen den Alltag der rund 1,5 Millionen Bewohner einmal mehr zum Erliegen brachte.

Vor allem die Kinder sind von dem anhaltenden Beschuss traumatisiert. Mit Mal- und Theaterprogrammen versuchen die Lehrer an der kirchlichen Schule den Kindern beim Verarbeiten des Erlebten zu helfen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Ängsten und Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Weihnachten während der Waffenruhe

Auch wenn die Kampfhandlungen nur wenige Tage dauerten, die Mehrheit der Bewohner von Gaza sind sich einig: "Dieser Krieg war schlimmer als der vor drei Jahren." Vor den neuen Waffen gab es "keinen sicheren Ort", sagen sie. "Wie ein Wunder" sei ihnen die Waffenruhe nach einer Woche vorgekommen, sagen auch die Ordensschwestern. "Noch am Abend vorher haben wir nicht daran geglaubt."

Eine Frau im Irak betet in einer Kirche.
Bild: © KNA

Eine Christin im Irak betet in einer Kirche.

Inzwischen ist so etwas wie Alltag zurückgekehrt im Gazastreifen, die äußeren Schäden sind zum Großteil behoben, zerborstene Fensterscheiben durch neue ersetzt. Die kleine katholische Minderheit bereitet sich auf Weihnachten vor. "Fest ist Fest, und das wird gefeiert", erklärt Patriarch Fouad Twal, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche im Heiligen Land. Die am härtesten geprüften Mitglieder seiner Diözese sind dankbar, dass er sie persönlich besucht und ihnen Mut zuspricht: "Wir haben euch nicht vergessen."

Die Kirche in der Altstadt von Gaza ist gut gefüllt, als der Patriarch kommt. Aber es sind weniger als im Vorjahr. Der Exodus der Christen hält an, erklärt Pfarrer Jorge Hernandez. Vor drei Jahren, als er die Gemeinde übernahm, gab es im Gazastreifen etwa 3.000 Christen, davon 206 Katholiken. Heute schätzt der Argentinier die Zahl auf knapp 1.600. Zu Hernandez' katholischer Pfarrei gehören 185.

Politisch zerrissener Landstrich

Nicht nur der andauernde Konflikt, auch das generelle Klima in der Region stellt die christliche Minderheit vor große Herausforderungen. Vor allem für die jungen, gut ausgebildeten Christen ist es nahezu unmöglich, eine Arbeit zu finden. Eine Familie zu gründen, ist für viele von ihnen unter diesen Umständen ein weit entfernter Traum. Wer kann, wandert aus.

Von Christenverfolgung spricht in Gaza niemand, die Kontakte zu den Behörden und der Dialog zwischen Christen und Muslimen seien gut. Aber der kleine Landstrich ist politisch zerrissen, längst hat die Hamas nicht mehr in allen Bereichen die Oberhand. Andere Kräfte mit stärker islamistischen Tendenzen drängen in alle Bereiche der Gesellschaft.

"Wir haben hier eine schlimme Vergangenheit und eine sehr schwierige Gegenwart, die Zukunft sieht nicht besser aus", sagt Patriarch Twal über die Lage der Christen im Nahen Osten und speziell in Gaza. Gerechtigkeit und Frieden müssten "für alle Bewohner des Heiligen Landes" gelten. "Sonst bleiben wir in der Gewaltspirale gefangen." Dafür fordert der Patriarch Bewegungs- und Religionsfreiheit sowie ein Recht auf Bildung; andernfalls spiele man extremistischen Kräften in die Hände. Doch die, so hofft der Kirchenmann noch immer, sollen nicht das letzte Wort behalten.

Von Andrea Krogmann