Eine Frau im Irak betet in einer Kirche.
Bild: © KNA
Die Terrorgruppe "Isis" erobert den Irak

Christen fliehen

Lange schien es ruhig zu sein im Zweistromland Irak. Die Welt blickte auf Syrien und die Ukraine – nun werden Politiker in den USA und Europa mit überrannt von der Offensive der Terrorgruppe "ISIS", die einen islamischen Staat im Irak fordert. Stadt für Stadt, Dorf für Dorf nehmen die Milizen ein, während die irakische Armee zerfällt und die Regierung unter Ministerpräsident Nuri Al-Maliki hilflos zusieht. Die Lage gerät außer Kontrolle.

Bonn - 13.06.2014

Vertreter aus Kirche und Gesellschaft fordern ein Eingreifen der internationalen Gemeinschaft. Während US-Präsident Barack Obama noch überlegt, wie das Land auf die neue Eskalation reagiert, hält Caritas international ein Eingreifen der Großmacht für unausweichlich: "Es bleibt ihnen nichts anders übrig", sagte Angela Gärtner, Irak-Referentin des Hilfswerks , am Freitag im Südwestrundfunk (SWR). Die USA hätten in dem Land eine historische Verantwortung. 2003 waren die Vereinigten Staaten zusammen mit einer "Koalition der Willigen" wegen des angeblichen Funds von Massenvernichtungswaffen in das Land einmarschiert und hatten Diktator Saddam Hussein gestürzt. Dass der Staat tatsächlich solche Waffen besitzt, konnte aber nie nachgewiesen werden.

"Mörderisches Treiben"

In dem Radio-Interview betonte Caritas-Mitarbeiterin Gärtner jedoch auch, eine militärische Unterstützung allein könne den Konflikt im Irak nicht lösen. Vielmehr müssten sich alle Parteien zusammensetzen und "ehrliche Gespräche über politische Teilhabe" von Shiiten und Sunniten im Irak führen. Der Streit zwischen diesen beiden Strömungen des Islam ist einer der Grundkonflikte des Landes.

Der Bamberger Erzbischof, Ludwig Schick.

Der Bamberger Erzbischof, Ludwig Schick.

Auch der katholische Weltkirche-Bischof Ludwig Schick ruft die Weltgemeinschaft dazu auf, dem "mörderischen Treiben" der Isis entgegen zu treten. "Sie wollen einen 'Gottesstaat' nach ihrer Facon im ganzen Nahen Osten und dann weltweit errichten", mahnt der Bamberger Erzbischof.

Er zeigte sich besonders besorgt über die Lage der Christen im Irak . Die Gläubigen in der von Islamisten überrannten nordirakischen Stadt Mossul haben Papst Franziskus und die Weltkirche am Freitag um Hilfe gebeten. Zugleich kündigte Erzbischof Emil Shimoun Nona laut einer Mitteilung der vatikanischen Ostkirchenkongregation an, Kirchen, Schulen und sonstigen Einrichtungen für Flüchtlinge aller Religionen offen zu halten. Es seien seit dem Zweiten Irakkrieg bereits viele Christen aus der Stadt geflohen: 2003 hätten noch 35.000 Christen in Mossul gelebt, Anfang 2014 seien es nur noch 3.000 gewesen.

Christen fliehen

Auch die katholische Gemeinschaft Sant'Egidio zeigt sich besorgt über das Schicksal der christlichen Minderheit. "Nach den bruchstückhaften Nachrichten aus Mossul sind wieder einmal die Christen die Opfer des Terrors und des Blutvergießens", erklärte der Gründer der Gemeinschaft, Andrea Riccardi, am Mittwoch in Rom. Die internationale Gemeinschaft und die irakische Regierung müssten "die Spirale der Gewalt unterbrechen".

Derweil hat der Schiiten-Führer Muqtada as-Sadr angekündigt, Schutztruppen für religiöse Stätten im Irak zu mobilisieren. Er plane "Friedenseinheiten, um die heiligen Stätten von Muslimen und Christen in Kooperation mit der Regierung zu verteidigen", erklärte der Geistliche und Politiker laut der englischsprachigen Internetseite des iranischen Senders Al-Alam.

Kein Widerstand von Militär und Polizei

Die Milizen der Gruppe "Islamischer Staat im Irak und Syrien" (ISIS) hatten am Dienstag die nordirakische Stadt Mossul unter ihre Kontrolle gebracht, nachdem sie zuvor schon Falludscha erobert hatten. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration leisteten Militärs und Polizisten den radikalislamischen Milizen keinen Widerstand. Die meisten Christen hätten die Stadt in den vergangenen Tagen verlassen.

Inzwischen ist ISIS weiter in das Land vorgedrungen. Wie der Nachrichtensender Al-Arabija am Freitag meldete, übernahmen die Kämpfer die Stadt Dschalula, rund 125 Kilometer nordöstlich von Bagdad. (gho/KNA/dpa)