Standpunkt

Joseph Ratzingers Wirken wird erst im Abstand deutlich werden

Joseph Ratzingers Wirken wird erst im Abstand deutlich werden
Bild: picture alliance / Stefano Spaziani

Zeitlicher Abstand ist sinnvoll, um die Verdienste eines Menschen, aber auch seine Fehler angemessen beurteilen zu können. Historiker kennen das: Die Bewertung ändert sich im Laufe der Generationen. Daher ist so mancher Straßenname geändert worden, weil neue Informationen hinzukamen. Und so gilt auch für den verstorbenen früheren Papst Benedikt XVI.: In etlichen Jahren lassen sich seine Verdienste und Schwächen objektiver einschätzen als heute.

Aktuell mischen sich in den Nachrufen Lob und Kritik, von Größe und Grenzen ist die Rede. Joseph Ratzinger wird zu Recht bescheinigt, ein brillanter, bedeutender Theologe gewesen zu sein, der Autor wegweisender Bücher wie der "Einführung in das Christentum" und ein wichtiger Konzilsberater. Auch seine Enzyklika "Deus caritas est" verdient Anerkennung. "Durch ihn wird der Himmel um einen klugen Gesprächspartner reicher", meint der Bremer Propst Bernhard Stecker. Recht hat er.

Gleichzeitig verschweigen viele Nachrufe nicht, dass sich gerade Katholiken in Deutschland oft schwer taten mit Joseph Ratzinger. "Wir sind Papst", lautete 2005 die griffige "Bild"-Schlagzeile, gestimmt hat sie schon damals nicht. Zweifellos stand der Theologe seit den Erfahrungen mit den Studentenprotesten in Tübingen einer konservativen, teils reaktionären Minderheit näher als der Mehrheit der reformorientierten Katholiken hierzulande. Das zeigte sich etwa beim Ringen der Bischöfe um das System der Schwangerenkonfliktberatung. Den kleinen Kongress "Freude am Glauben" besuchte Ratzinger lieber als den Katholikentag. Vieles Weitere führte zu Distanz, auch von manchen Schülern und selbst vom ehemaligen Assistenzen Wolfgang Beinert.

Das sind die zwei Seiten dieser vielschichtigen Persönlichkeit, die lange das Verhältnis der deutschen Katholiken zum Vatikan mitgeprägt hat. Der Rücktritt Benedikts XVI.  als Papst im Februar 2013 war mutig und zugleich ein Bruch mit der Tradition. Vielleicht lag in diesem Schritt sogar der größte Verdienst des Mannes, dem es stets auf die Schönheit des Glaubens ankam.

Christof Haverkamp

Der Autor

Christof Haverkamp ist Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirche in Bremen und Senderbeauftragter der katholischen Kirche bei Radio Bremen.

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