Die syrische Flüchtlingsfamilie Ayan in Bonn-Bad-Godesberg.
Syrische Bürgerkriegsflüchtlinge haben in Bonn Zuflucht gefunden

Nach dem Trauma

Flüchtlinge - Aus den Fenstern der alten Kaplanei gleich unterhalb der Kirche Sankt Martin fällt warmes Licht. Über der Türklingel am grün-weiß gestreiften Hauseingang klebt ein handbeschriebener Zettel: "Family 1, Family 2, Family 3". Darunter viele arabische Namen. Zwölf Menschen sind im Oktober hier eingezogen, nur wenige Wochen nachdem katholisch.de über das Flüchtlingshaus in Bonn-Bad Godesberg berichtet hatte (siehe Textbox).

Bonn - 29.03.2015

Von vielen fleißigen Helfern des örtlichen Seelsorgebereichs liebevoll eingerichtet und auf Hochglanz gebracht, wartete das Haus damals auf neue Bewohner. Niemand wusste, woher sie kommen würden - nur, dass sie vermutlich schwerer an ihren Erlebnissen tragen würden, als an ihrem Gepäck.

Heute ist das Haus mit Leben gefüllt. Drei Generationen wohnen hier, von Großmutter Afnan* bis zum kleinsten Enkel Abdulla. Die Familie stammt aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens, nahe der türkischen Grenze. Wo vor wenigen Jahren noch das Leben pulsierte, hat der Bürgerkrieg alles zerstört. "Andere haben Urlaubsbilder auf ihren Handys. Die Fotos von Familie Ayan erinnerten dagegen an Berlin 1945. Die Straßen ihrer Heimatstadt liegen in Schutt und Asche", erzählt Angela Kirsch, die die Familie zusammen mit Brigitte Nölken betreut.

Der Familie Ayan, die zur verfolgten alawitischen Minderheit in Syrien gehört, hat der Krieg jegliche Perspektive genommen. "Das Leben in Syrien ist hart. Es gibt wenig zu essen, 99 Prozent der Schulen sind geschlossen und es ist gefährlich, nach draußen zu gehen. Wenn du das Haus verlässt, weißt du nie, ob du noch einmal zurückkehren wirst", malt Aadil ein eindringliches Bild der Situation vor Ort.

Samira und Aadil Ayan saind dankbar für die Hilfe, die sie in Bad Godesberg bekommen.

Samira und Aadil Ayan saind dankbar für die Hilfe, die sie in Bad Godesberg bekommen.

Bürokratische Abgründe

Aadil ist der älteste Sohn von Afnan und damit das Familienoberhaupt. Neben seiner Familie leben noch zwei Schwestern mit im Haus, eine davon ledig, eine mit ihrer eigenen Familie. Wenn Brigitte Nölken oder Angela Kirsch zu Besuch kommen, ist das Wohnzimmer voll. Beide Helferinnen waren schon von Beginn an beim Einrichten des Hauses dabei. Nun regelt Kirsch vor allem schulische Belange, Nölken hilft der Familie im Umgang mit den Behörden.

"In den letzten Monaten habe ich völlig neue Seiten unseres Landes kennen gelernt", sagt sie kopfschüttelnd, "da haben sich wirklich Abgründe aufgetan". Es geht um Arbeitslosengeld, um die Aufnahme in die Krankenkasse, die Eröffnung eines Girokontos, Schul- und Kita-Geld, Deutschkurse, Bus-Tickets und vieles mehr. "Ich habe keine Ahnung, wie eine Flüchtlingsfamilie, die kein Deutsch spricht, ohne Unterstützung damit klar kommen soll", sagt Nölken. "Und selbst wenn man die Sprache kann, ist es unglaublich schwierig, etwas zu erreichen."

Nölken sitzt mit der 18-jährigen Lamia auf dem Sofa und jongliert mit verschiedenen Schreiben: Die Bank möchte nach "eingehender Prüfung" lieber keine Geschäftsbeziehung mit Herrn Ayan eingehen und lehnt die Eröffnung eines Girokontos ab. Die Krankenkasse weist darauf hin, dass sie gesetzlich nicht verpflichtet ist, eine alte kranke Frau wie Großmutter Afnan aufzunehmen. Die 70-jährige Afnan wirkt zerbrechlich und eingesunken. Nach einem Oberschenkelhalsbruch hat sie starke Schmerzen, ihre Hände sind zu Fäusten geballt, weil sie die Finger nicht mehr strecken kann. Einen Arzt kann sie nicht aufsuchen.

Ein weiteres Problem ist derzeit das Arbeitslosengeld, das immer noch nicht bewilligt wurde. Ein Besuch beim zuständigen Jobcenter brachte auch keine Aufklärung. Scheinbar sind die nötigen Unterlagen verschwunden. "Für die Familie Ayan bedeutet das einen weiteren Monat ohne finanzielle Mittel", sagt Nölken aufgebracht. Sie habe jetzt einen Brief geschrieben. Flüchtlinge wie die Ayans können keine Briefe auf Deutsch schreiben. Sie können die Schreiben der Ämter ohne Hilfe auch nicht lesen. Übersetzungen gibt es jedoch nicht und auch keine Bereitschaft, Englisch zu sprechen.

Geld fehlt derzeit an allen Ecken und Enden. Außer Großmutter Afnan, die eine Grundsicherung erhält und ihrer Tochter Saavik, die sie pflegt und dafür Pflegegeld bekommt, erhält die Familie momentan keine finanzielle Hilfe vom Staat. "Manchmal springt die Kirchengemeinde ein, zum Beispiel, um Geld für den Besuch der Offenen Ganztagsschule für die 8-jährige Rabea zu zahlen", sagt Kirsch. "Wir hoffen auf das Geld vom Erzbistum Köln." Kardinal Rainer Maria Woelki hat zwölf Millionen Euro Flüchtlingshilfe für das Erzbistum zugesagt hat.

Die Familie Ayan steht unterdessen in den Startlöchern, um Deutschkurse zu belegen. Die älteren Familienmitglieder müssen zunächst lateinische Schriftzeichen lernen, die Jüngeren steigen gleich ein. "Das Wichtigste für uns ist Bildung und die Sprache zu lernen", versichert Aadil, der in Syrien als Elektroingenieur gearbeitet hat. Seine Frau ist Chemikerin, seine Schwester Grundschullehrerin. Der älteste Sohn Rafik hat in Aleppo englische Literatur studiert, Tochter Lamia hat Abitur und absolviert nun ein Kita-Praktikum in Bad Godesberg.

Brigitte Nölken betreut Familie Ayan seit deren Ankunft in Bad Godesberg.

Brigitte Nölken betreut Familie Ayan seit deren Ankunft in Bad Godesberg.

"Ein Danke pro Woche reicht!"

Ihr jüngerer Bruder Ali geht auf das Godesberger Jesuiten-Gymnasium Aloisiuskolleg. "In Mathe und Englisch ist er sehr gut", freut sich Brigitte Nölken und während die anderen Schüler Geschichte oder Französischunterricht haben, lernt Ali Deutsch. Gerade war er mit seiner Klasse in Österreich auf der Schulskiwoche. "Seine Reise ist komplett durch die Schule finanziert worden", sagt Angela Kirsch. Als Dankeschön der Ayans gab es Pralinen für die Lehrerin und einen persönlichen Brief an den Rektor.

Abseits aller Bürokratie sind es die vielen Gesten und guten Gaben, die der Familie das Gefühl geben, willkommen zu sein. "Als wir in Syrien aufbrachen, erwarteten wir in Deutschland ein Camp", erinnert sich Lamia und blickt sich lächelnd im gemütlichen Wohnzimmer der Kaplanei um. "Wir sind so dankbar für alles", bekräftigt ihr Vater Aadil und Brigitte Nölken schmunzelt. "Am Anfang haben sich alle ständig bei uns bedankt, bis wir ihnen gesagt haben: Ein Danke pro Woche reicht!"

Überhaupt sei die Familie von Beginn an offen und herzlich gewesen. "Natürlich hatten wir zuerst Berührungsängste", erzählt Angela Kirsch. Aber die seien sofort verflogen, als sie die Familie kennen gelernt hätten. "An unserem ersten gemeinsamen Abend wurden wir mit Kaffee und Süßigkeiten bewirtet, Aadil spielte auf der Laute. Wir haben uns gleich wohl gefühlt." Auch jetzt herrscht eine angenehme und freundliche Stimmung im Wohnzimmer der Ayans. Trotz aller Schwierigkeiten fühlt es sich an, als sei die Familie wirklich in Deutschland angekommen. "Vor kurzem gab es in Bad Godesberg eine Lichterkette und Schweigeminuten im Gedenken an die Terror-Anschläge von Paris", erzählt Kirsch. "Als ich mich umschaute, sah ich die gesamte Familie Ayan neben uns stehen. Ein gutes und wichtiges Zeichen."

*) Namen der Familie von der Redaktion geändert

Von Janina Mogendorf