Vor 25 Jahren ist die Karmelitin Gemma Hinricher gestorben

Glaube an Orten der Gottesferne

Kardinal Ratzinger und Schwester Gemma Hinricher bei der Verleihung des Romano-Guardini-Preises 1982
Bild: KNA

Die Münchner Erzbischöfe Joseph Ratzinger und sein Vorgänger, Julius Döpfner, hatten sich für die Versöhnungsarbeit der Karmelitinnen eingesetzt. Zwar ging der Wunsch Gemma Hinrichers, auch in Auschwitz einen deutschen Karmel zu gründen, nicht in Erfüllung. Aber die Schwestern konnten einer Einladung von Bischof Joachim Meisner folgen, ein Kloster nahe der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee ins Leben zu rufen. Vor 25 Jahren, am 4. August 1990, ist Gemma Hinricher im Berliner Konvent gestorben.

Ursula Hinricher, so ihr Geburtsname, trat 1959, nach dem Studium der Theologie und Philosophie in ihrer Heimatstadt Münster, in Bonn-Pützchen dem Karmel bei. Erfüllt vom Reformgeist der karmelitischen Heiligen - Teresa von Avila und Johannes vom Kreuz - und der Konzilsbewegung hat sie ihren Ordensnamen vereinfacht: Aus Gemma vom Gehorsam Jesu wurde Gemma Hinricher. Ein Leben in der radikalen Nachfolge Christi schien ihr wichtiger als Namen der Tradition, die außerhalb der Klostermauern kaum verstanden wurden. Ihr Ideal war, "einen Raum der Stille und des Gebetes zu schaffen, in den bedrängte, vereinsamte, suchende Menschen eintreten können."

Karmelitinnenkloster beim KZ Dachau
Bild: © KNA

Das Konvent der Karmelitinnen beim KZ Dachau.

Die junge Karmelitin arbeitete sehr eng mit Maria-Theresia Vorbach zusammen, ihrer Priorin. Die Münchnerin war vor ihrer Ordensberufung Lehrerin gewesen, hatte sich dem Kreis des Jesuitenpaters Alfred Delp zugehörig gefühlt. Beide Schwestern bedauerten die Neigung im Wirtschaftswunderland, die NS-Vergangenheit zu verdrängen. Als endlich die letzten Flüchtlinge ihre Behausungen auf dem Gelände des früheren KZ Dachau räumen konnten, wandte sich die Priorin an Kardinal Döpfner mit der Bitte, einen KZ-Karmel der "stellvertretenden Sühne" zu gründen: "Ein Ort, wo so gefrevelt wurde, wo so viele Menschen Unsagbares gelitten haben, dürfte nicht zu einer neutralen Gedenkstätte oder gar zu einem Besichtigungsort erniedrigt werden", schrieb sie.

Das KZ Dachau als Touristenattraktion, als Gruselkabinett wie The London Dungeon - für die beiden Karmelitinnen war das ein Horror. Endlich konnten sie 1964 den Konvent in Dachau gründen und ihren Kritikern beweisen, dass sie offen waren für alle Menschen, Überlebende wie Angehörige von Tätern. Die Täter selbst fanden kaum den Weg von Schuld und Sühne - so die Erfahrung der Schwestern und der Strafverfolgung.

Die Gemeinschaft als Ort des Gebets

Der Reformkonvent revolutionierte die Ordenstradition: Gemma ließ, als sie 1970 der früh verstorbenen Klostergründerin im Priorat folgte, das Sprechgitter niederreißen, das die Schwestern von ihren Besuchern getrennt hatte. Wer durch das Tor eines vormaligen KZ-Wachturms das Kloster betritt, kann die Reste der Verankerung eines schweren Eisengitters bestaunen.

Für Gemma war ihre Gemeinschaft ein Ort der Gebetsstille und Begegnung. Die studierte Theologin verteidigte den Fall des Gitters und andere Neuerungen; sie verwies auf die Ordensheilige: "Teresa verstand ihr Leben, ihre Berufung als Beitrag zur Erneuerung der Kirche." Aber sie zog auch die Grenzen eines Aggiornamento für die "karmelitische Existenz", die letztlich ein nur der gläubigen Seele zugängliches Mysterium bleibe.

Vielleicht ist es wirklich so, dass wir von Gott nichts so stark erleben als sein Schweigen. Wir wissen, daß er allmächtig und barmherzig ist, aber wir erfahren sein Schweigen, sein Nicht-Eingreifen.

— Gemma Hinricher

Immer wieder - ob auf Katholiken- oder Evangelischen Kirchentagen - sprach die Karmelitin, seit 1982 Stiftungspriorin des Berliner Karmel Regina Martyrium, über die Frage, wie Gott das unfassbare Leid der Konzentrationslager zulassen konnte: "Vielleicht ist es wirklich so, dass wir von Gott nichts so stark erleben als sein Schweigen. Wir wissen, daß er allmächtig und barmherzig ist, aber wir erfahren sein Schweigen, sein Nicht-Eingreifen."

"Warum ließen die Menschen Auschwitz zu?"

Da war die Erfahrung tröstlich, dass eine "Präsenz von Glauben und Liebe gerade an Orten der scheinbaren Gottesferne" aufschimmern kann. Wie der jüdische Denker Martin Buber stellte Gemma die Frage: "Warum ließen die Menschen Auschwitz zu?" Im Streit um den Karmel mit polnischen Nonnen in Auschwitz hatte Priorin Gemma Hinricher Verständnis für den jüdischen Protest wegen der Lage des Klosters, das nach jahrelangem Ringen an den Lagerrand verlegt wurde.

Jesus als der jüdische Reformrabbi war ihr eine feste Größe. Sie begrüßte die neue Gedächtniskultur für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft. Schmerzlich ertrug sie mit ihren Schwestern die fehlende eucharistische Tischgemeinschaft, wenn sie das Jahrgedächtnis mit den Familien der Opfer des misslungenen Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 feierten - war doch das gemeinsame Schicksal der christlichen Martyrer ein starker Impuls der Ökumene gewesen. (KNA)

Anselm Verbeek (KNA)