Beeindruckend der Roman von Colum McCann, Apeirogon, von 2020. Er bezieht sich auf eine reale Begebenheit: Rami ist Israeli; durch einen Selbstmord-Anschlag radikaler Palästinenser verlor er seine 14jährige Tochter Smadar. Bassam ist Palästinenser im Westjordanland; seine 10jährige Tochter Abir wurde von einem jugendlichen israelischen Soldaten völlig grundlos erschossen. Beide Männer trauern unendlich. Beide überwinden den Hass, lernen sich kennen, werden Freunde, engagieren sich gemeinsam gegen alle Widerstände für Frieden. Der Roman schildert das absurde und unsägliche Leid der Menschen. Friede kann nur werden durch gegenseitiges Kennenlernen, miteinander Reden, einander Wertschätzen… Naturbeobachtungen, geschichtliche Szenen, kulturelles Kolorit, militärische Technik und vieles andere erweitern das Panorama des Romans und betten die Geschichte der beiden Männer in reales Leben ein. Ein immer wiederkehrendes Mantra des Buches ist: Die Besatzung muss enden – sie ist der Schlüssel für Demütigung, Gewalt, Krieg.
Seit dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 ist alles noch viel grausamer geworden. Brutal wurden Israeli ermordet, brutal wird Gaza bombardiert und werden Menschen ausgehungert. Israel ist bis heute durch den Holocaust traumatisiert – kann man sagen, dass es durch die Gewalt der Hamas retraumatisiert wurde und nun so zurückschlägt, wie es einst selbst geschlagen wurde? Der Israel-Palästina-Konflikt erscheint schon seit Jahrzehnten aussichtslos, jetzt ist er noch viel hoffnungsloser geworden. Warum finden die Menschen nicht, wie von McCann nicht nur fiktional, sondern real erzählt, Wege zum Frieden? Warum nicht mehr Humanität, Respekt, Versöhnung, Miteinander? "Der Held macht seinen Feind zum Freund" (Apeirogon, 318). Warum immer mehr Gewalt und Leid in diesem von Religion und Kultur durchtränkten Land? Warum können die Regierenden – vor Ort und international – nicht Frieden machen? Warum – diese Frage geht auch nach ganz oben – das Leid so vieler?
Der Autor
Pater Stefan Kiechle SJ ist seit 2018 Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit". Zuvor leitete er sieben Jahre die Deutsche Provinz des Jesuitenordens.
Hinweis
Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.