Die Messerattacke von Solingen vor einem Jahr hat die Stadt nach Worten des dortigen katholischen Pfarrers Michael Mohr "noch nicht verarbeitet". Die Prozesse, das Ereignis zu bewältigen, liefen noch, sagte der Stadtdechant am Freitag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Solingen. Zwar sei die akute Phase der Trauer vorbei, ähnlich wie nach Tod und Beisetzung eines Angehörigen. Aber es gebe immer wieder Momente, in denen das Trauma aufbreche, etwa bei großen Menschen-Ansammlungen: "Dann gibt es dieses Unruhig-Sein."
Bei einem mutmaßlich islamistisch motivierten Terroranschlag hatte ein Mann während des 650-Jahr-Jubiläums der Stadt am 23. August 2024 insgesamt drei Menschen getötet und acht weitere verletzt. Eine Zäsur für die öffentliche Trauer sei vor einem Jahr die große Gedenkfeier mit dem Bundespräsidenten gewesen, so Mohr. In der Zeit danach sei spürbar gewesen, dass die Solinger sich ihre Fröhlichkeit nicht nehmen lassen wollten. Aber wenn dann Nachrichten über den Gerichtsprozess des Täters oder vergleichbare Gewalttaten auftauchten, "dann schwingt das konkret vor Ort Erlebte mit".
Gedenkfeier und Schweigeminute
Die Stadt erinnert am Samstagmittag um 13.00 Uhr mit einer Gedenkfeier vor der evangelischen Stadtkirche am Anschlagsort an die Bluttat. Neben politischer Prominenz sind auch die Kirchen in diese Feier eingebunden. Abends um 21.37 Uhr – zum Zeitpunkt des Anschlags – soll es eine Schweigeminute geben. In der Kirche könnten Kerzen entzündet werden, sagte Mohr. Zudem stünden bis in den späten Abend hinein Notfallseelsorgende als Ansprechpartner bereit, ähnlich wie in den Tagen nach der Messerattacke.
Mohr nannte dieses Gedenken ein Jahr nach dem Ereignis wichtig. Langfristig müsse aber darüber nachgedacht werden, wie ein alljährliches Gedenken in der Stadt ablaufen könne. Solingen erinnere bereits jedes Jahr an den Brandanschlag auf die türkische Familie Genc mit fünf Toten im Jahr 1993. Im März vergangenen Jahres habe überdies ein Mann Feuer in einem Mehrfamilienhaus gelegt, bei dem vier Menschen einer Familie aus Bulgarien zu Tode kamen. Es sei bedenkenswert, aber auch schwierig, dem Gedenken an die Opfer der verschiedenen Gewalttaten einen gemeinsamen Rahmen zu geben, führte Mohr aus. Er ist noch bis Ende des Monats Pfarrer in Solingen und wechselt dann in die benachbarten Kommunen Erkrath, Haan und Hilden. (KNA)