"The Rapture" fiel aus

Wenn die Wiederkunft Christi vorausgesagt wird – und nicht eintritt

Wenn die Wiederkunft Christi vorausgesagt wird – und nicht eintritt
Bild: Adobe-Stock/Andrii

Menschen verkaufen ihre Autos und Häuser, lassen Geld und Nahrung für Zurückbleibende da – denn ihre Zeit auf Erden neigt sich dem Ende zu. Auf dem Kurzvideo-Portal Tiktok sind dieser Tage Tausende Beiträge von US-Amerikanern zu sehen, die sich bereit machen für "The Rapture", also die "Entrückung": Jesus kommt auf die Erde zurück und ruft alle seine treuen Anhänger zu sich, die zu ihm in den Himmel kommen. Wer nicht gläubig genug ist, bleibt auf der Erde und sieht sich einer dunklen Zeit gegenüber. Diese Entrückung war recht konkret für den 23. oder 24. September terminiert. Passiert ist: nichts – mal wieder. Doch so skurril die Ausdrucksformen dieser Glaubensvariante sind, zeigen sie doch die Wirkkraft einer noch recht jungen theologischen Tradition.

Der Glaube an die Entrückung ist vor allem im US-Evangelikalismus zu finden. Grundlage dafür sind zwei Stellen in der Bibel: Der Apostel Paulus schreibt etwa in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessalonich: "Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen; dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt zur Begegnung mit dem Herrn. Dann werden wir immer beim Herrn sein." (Thess 4, 16f.) Die Gemeinde ist zu diesem Zeitpunkt noch jung, Paulus festigt die von ihm begründete Gemeinschaft in diesem Brief auch dadurch, dass er die lebenden Mitglieder darin versichert, dass sie am Ende der Zeit genauso wie die Verstorbenen zu Gott kommen werden. Die frühe Kirche lebte in dem Glauben, dass nach der Himmelfahrt Christi dessen zweite Wiederkunft nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. In diesem Zusammenhang steht wohl die Äußerung des Paulus. Inhaltlich lehnt er sich an eine Passage des Matthäusevangeliums an, in der Jesus eine apokalyptische Vision entwirft, nachdem er von seinen Jüngern auf den Tempel in Jerusalem angesprochen wird.

Er sagt daraufhin: "Seht ihr das alles? Amen, ich sage euch: Kein Stein wird hier auf dem andern bleiben, der nicht niedergerissen wird." (Mt 24,2) Daraufhin spricht er über das Ende der Welt: Es werde sich durch das Auftreten von Irrlehrern ankündigen, Kriege und Kriegsgerüchten. Völker würden sich gegeneinander erheben, Hungersnöte und Erdbeben werde es geben. Und das sei erst der Anfang: "Dann wird man euch der Not ausliefern und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst." (Mt 24,9) Und: "Weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden." (Mt 24,12f.)

Sonne, Mond und Sterne verdunkelt

Dann werde es "eine große Drangsal" wie noch nie zuvor geben. Manch falscher Prophet oder Christus werde versuchen, die Menschen zu verwirren. Danach würden Sonne und Mond nicht mehr scheinen und die Sterne vom Himmel fallen. "Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde wehklagen und man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit. Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, von einem Ende des Himmels bis zum andern." (Mt 24,30)

Diese Bibelstelle gibt Gläubigen wie Exegeten bis heute Rätsel auf und gibt Stoff für Predigten und Interpretationen. Weit verbreitet ist der Ansatz, den Text vor allem mit Blick auf das Schicksal des Tempels von Jerusalem zu lesen, von dessen Zerstörung durch die Römer 70 n. Chr. Matthäus wohl gewusst hat, wie es auch der Einleitungstext zum Matthäusevangelium in der Einheitsübersetzung festhält. Für die jüdische Gemeinschaft – unter römischer Fremdherrschaft bedrängt und nicht selbstbestimmt – passt das Bild in die Zeit seiner Entstehung.

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Sagt Jesus in der Bibel die Zukunft voraus?

Eine andere Tradition entstand im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts: Der Dispenationalismus vor allem in der Nachfolge John Nelson Darbys aus der Brüderbewegung geht davon aus, dass die diversen Endzeitbeschreibungen der Bibel inklusive der tausendjährigen Christusherrschaft der Offenbarung des Johannes als reale Zeitalter (Dispensationen) zu verstehen sind. Das heißt: Das Zeitalter der Drangsal wie die Christusherrschaft sind künftige Zeitabschnitte, die eintreten werden. Diese Tradition steht also in der evangelikalen Tradition wörtlicher Bibelauslegung und sieht die Bibelbeschreibungen als Voraussagen für die Weltgeschichte an. Spannenderweise werden Wiederkunft Christi und das Ende der Welt hier nicht am gleichen Zeitpunkt verortet, sondern an zwei unterschiedlichen. Es gibt mehrere Denkschulen, die sich darin unterscheiden, ob das Kommen Jesu vor dem Zeitalter der Drangsal stattfindet, danach oder mitten darin. Erstere ist die heute beherrschende Sichtweise.

Der Ablauf wäre also folgender: Zuerst kündige sich das Kommen Jesu durch diverse Zeichen wie bei Matthäus beschrieben an, dann komme Jesus wieder und ziehe mit den Rechtgläubigen in den Himmel. Auf die Zurückgelassenen wartet die Drangsal, also die Herrschaft des Antichristen (hier wird vor allem auf Aussagen aus dem Buch Daniel 9,24-27 zurückgegriffen). Dann kommt Jesus ein weiteres Mal wieder, dieses Mal gemeinsam mit den Rechtgläubigen und errichtet seine tausendjährige Herrschaft. An deren Ende wird er noch einmal vom Antichristen herausgefordert, gewinnt diesen Kampf und das Endgericht steht an.  

Späte Karriere einer Idee

Der Glaube an die Entrückung entwickelte bei seiner Entstehung durch Darby zunächst wenig Durchschlagskraft. Bis heute ist er etwa in der katholischen Kirche nicht verbreitet. Kritiker weisen darauf hin, dass das Konzept nicht nur elitistische, sondern durch seinen Verweis auf die Endzeit auch eskapistische Tendenzen habe. Erst ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Glaube an eine Entrückung vor allem bei Evangelikalen und Fundamentalisten in den USA populär. Genauen zeitlichen Bestimmungen der verschiedenen Phasen und Ereignisse enthielt sich Darby. Denn nicht zuletzt betonen Paulus wie Matthäus: "Doch jenen Tag und jene Stunde kennt niemand, auch nicht die Engel im Himmel, nicht einmal der Sohn, sondern nur der Vater." (Mt 24,36)

Nichtsdestoweniger hat es immer wieder Voraussagen für eine angebliche Entrückung gegeben. Die neuesten Daten stammen von dem Südafrikanischer Joshua Mhlakela. Dieser behauptete im Juni, Jesus Christus sei ihm 2018 im Traum erschienen und habe ihm die Daten für seine Wiederkunft genannt. Zunächst weitgehend unbeachtet, machten die Daten vor allem bei Tiktok die Runde. Während einige ihre Vorbereitungen für das Datum zeigten, ernteten sie von anderen Spott. Wieder andere wiesen auf die doch recht eigenwillige Interpretation der Bibel hinter dem ganzen Konzept hin. Es ist nicht das erste Mal, dass Daten für die Wiederkunft Christi kursieren.

Der US-Prediger Harold Camping tippte auf den 21. Mai 2011, William Miller setzte auf die Jahre 1843 oder 1844. Die koreanische "Mission for the Coming Days" war vom 28. Oktober 1992 überzeugt. Der Glaube an das nahe Ende der Welt hat einige Bewegungen losgetreten oder verfestigt, darunter etwa die Siebenter-Tags-Adventisten oder die Zeugen Jehowas. Passiert ist letztlich nie etwas. Das hat dem Glauben an die Berechnung der Entrückung aber anscheinend nichts von seiner Attraktivität genommen.

Christoph Paul Hartmann

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