Durch neuen Trend essen junge Leute Pudding unkonventionell

Die sündhafte Gabel: Vom verdammten zum gefeierten Besteck

Die sündhafte Gabel: Vom verdammten zum gefeierten Besteck
Bild: picture alliance/Hauke-Christian Dittrich

Der Trend hat im August auf TikTok begonnen, mit dem Post eines Flyers aus Karlsruhe. Darauf die Aufforderung: "Komm zu unserem 'wir-essen-pudding-mit-einer-gabel-treffen'". Der Urheber des Flyers ist unbekannt, eine Meme-Seite hat den Flyer gefunden und kurzerhand ein Bild davon verbreitet. Seitdem treffen sich eine Vielzahl junger Menschen an verschiedenen Orten wie Bonn, Mainz oder München, um etwa in Parks gemeinsam einen Pudding ihrer Wahl mit einer Gabel zu essen.

Petrus Damiani hätte diesem Trend wohl eher nicht seinen Segen gegeben. Der im Jahr 1007 geborene Benediktiner gehörte zu den einflussreichsten Kirchenlehrern seiner Zeit und hat seinen Unmut gerne kundgetan. In seiner Korrespondenz mit den Päpsten und dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Heinrich III., kritisierte er die Ausschweifungen der Geistlichen und die Nichteinhaltung des Zölibats. Auch gegen Homosexualität im Klerus und den Handel mit Kirchenämtern schrieb er an. Bei der Synode im Lateran im Jahr 1059 war es sein Einfluss, der neue Regeln für die Wahl von Päpsten, Chorherren und Priestern bestimmte.

Derselbe Petrus Damiani war es auch, der die Gabel Mitte des 11. Jahrhunderts als "sündhafte Verweichlichung" bezeichnet hat. Der Grund: Ein Eklat auf der Hochzeit zwischen dem Dogen von Venedig, Giovanni Orseolo, und der byzantischen Prinzessin Maria Argyropoulina. Das Problem: Eine Gabel. Um sich die Finger nicht schmutzig zu machen, hatte die Prinzessin Gabeln aus ihrer Heimat mitgenommen und so die Nahrung aufgenommen.

Selbstverständlichkeit und Skandal

Zwar war Petrus Damiani bei der Hochzeit nicht anwesend, doch seine Kritik an der Gabel der Prinzessin war scharf. "Speisen berührte sie nicht mit den Händen, sondern sie wurden von ihren Eunuchen in kleine Bissen geschnitten, die sie dann mit einer goldenen zweispitzigen Gabel zum Munde führte", heißt es in einer seiner Schriften. Was für die Prinzessin selbstverständlich war, war für die anwesenden Gäste aus Venetien ein Skandal, galten die Hände und Nahrung doch als von Gott gegeben und zueinander gehörend. Der frühe Tod der Prinzessin an der Pest hat Damiani als gerechte Strafe Gottes für ihre Dekadenz gewertet.

Warum so viel Hass auf ein Besteck? Dabei könnten zwei Faktoren eine Rolle gespielt haben. Zum einen handelte es sich bei dieser Heirat in erster Linie um ein wirtschaftliches Bündnis – bei durchaus ungleichen Verhältnissen. Die Prinzessin war die Nichte des byzantischen Kaisers Basileios II. – und Byzanz, das bedeutete Macht und Reichtum. Der zog auch Neid mit sich, vor allem im Westen. Denn für Petrus Damiani war das Dekadenz – auch die kleine Gabel.

Zum anderen steckt ein kultureller Unterschied dahinter. Denn die Gabel ist das Besteckstück mit der kürzesten Geschichte in der westlichen Welt. Fleisch und Gemüse mussten schon in der Steinzeit zerlegt werden. Zunächst nahm man dafür Faustkeile, daraus wurde das Messer. Aus Blättern und Muscheln zum Schöpfen wurde der Löffel. Die Gabel war lange ein Fremdkörper. In der Bibel kommt sie nur im Tempel als kultisches Gerät im Buch Samuel vor. In Europa war sie lange ein Gerät in der Landwirtschaft oder in der Küche – am Tisch hatte sie keine Tradition. Wie die alten Römer genussvoll mit den Händen aßen, ließ es sich auch etwa der französische Sonnenkönig Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert nicht nehmen, mit den Fingern zu essen. Dementsprechend hatte die Gabel auch lange nach der Zeit von Petrus Damiani ein schlechtes Image. Hildegard von Bingen soll Gabeln aus ihren Klöstern mit den Worten: "Gabeln sind gottlos" verbannt haben. Martin Luther soll gebetet haben: "Gott behüte mich vor dem Gäbelchen". In italienischen Manierenbüchern wurde noch zu Anfang des 17. Jahrhunderts die Besteckgabel mit der Heugabel verglichen: "Unsere Mitglieder mögen von ihrem Tisch Gabeln verbannen. Hat uns die Natur nicht fünf Finger an jeder Hand geschenkt? Warum wollen wir sie mit jenen dummen Instrumenten beleidigen, die eher dazu geschaffen sind, Heu aufzuladen als das Essen?"

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Der Wandel hin zur Akzeptanz der Gabel kam langsam – und sie kam aus dem Adel.

Der Wandel hin zur Akzeptanz der Gabel kam langsam – und sie kam aus dem Adel. Der französische König Karl V. (1338-1380) hatte wohl keine Lust, sich beim Maulbeeren-Essen die Finger mit dem süßen, aber auch klebrigen und äußerst gut färbenden dunkelblauen Saft zu versauen. Deshalb hatte er kleine Gabeln aus Gold und Silber, um das zu verhindern. Mit der vermehrten Einfuhr von Zucker ab dem 15. Jahrhundert wurden kandierte Früchte in Italien beliebt. Die hatten wegen der Zuckerlasur aber ein enormes “Malheur-Potenzial”. Deshalb hielten sie die Adligen mit kleinen Gabeln mit zwei Zinken. Nach und nach wurde die Gabel so in der besseren Gesellschaft schick: Bei ihrer Hochzeit mit Heinrich II. von Frankreich im 16. Jahrhundert brachte Katharina von Medici etwa ihre Gabel aus Italien mit und bestand darauf, sie bei Festbanketten zu benutzen.

Waren die Gabeln beim Adel noch gern aus Edelmetall, wurden sie durch die Industrialisierung auch für breitere Bevölkerungsgruppen verfügbar. Aus günstigeren Materialien wie Eisen oder Messing gefertigt und mit mehr Zinken, traten sie ihren Siegeszug an. Das hatte auch mit einem sich verändernden Speisezettel zu tun: Lange Zeit hatten die Menschen nur Brot und Brei gegessen, da reichten Messer und Löffel. Doch durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der Landwirtschaft und neuen Entwicklungen im Transportwesen waren jetzt auch etwa Erbsen oder Kartoffel erschwinglich. Die Gabel bekam drei oder vier Zinken – und schon waren auch die kulinarischen Neuzugänge zu Tisch kein Problem mehr.

Gegessen wird überall anders

Nicht überall auf der Welt ist die Gabel heute ein derart wichtiger Bestandteil am Esstisch wie in Europa. In asiatischen Ländern wie Japan oder China essen die Menschen zum Beispiel seit dem 5. Jahrhundert mit Stäbchen. Der die Region mit seinen Verhaltensregeln prägende Philosoph Konfuzius soll spitzen Gegenständen wie Messern abgeneigt gewesen sein. Er wollte keine Gegenstände, die zum Töten benutzt werden, am Esstisch haben. Eine Alternative fand er in Stäbchen, mit denen das kleingeschnittene Essen leicht aufgenommen werden konnte. In vielen anderen Teilen der Welt ist bis heute die Hand die gängige Alternative zur Gabel. In Indien zum Beispiel glaubt man, so eine tiefere Verbindung zum Essen herstellen zu können.

Dennoch: Die Gabel scheint ihre diabolischen Qualitäten nicht völlig eingebüßt zu haben: Denn der Pudding-Gabel-Trend sorgt für Aufsehen. Auch, weil er bei der älteren Generation für Unmut sorgt, á la: Haben die keine anderen Probleme? Doch genau darin liegt der Schlüssel: Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des TikTok Trends geht es bei ihrer Aktion vor allem um die Möglichkeit, die politischen und privaten Dauerkrisen des Alltags hinter sich zu lassen und neue Leute kennenzulernen. „Find es eine lustige Idee um einfach andere Menschen mit dem gleichen Humor zu treffen ohne ein echtes Thema zu haben. Ganz im Ernst, es fehlen einfach dritte Orte um Leute kennenzulernen. Und ist doch geil, wenn man einfach ungezwungen mit Gabel und Pudding sich zu anderen mit gleichem Equipment setzen kann und einfach ins Gespräch kommt“, schreibt ein Nutzer auf der Plattform reddit. Auch wenn Petrus Damiani sich dem Unmut der älteren Generation anschließen würde, eine erneute Verbannung der Gabel würde er wohl eher nicht erreichen.

Ayleen Over