Es brauche mehr Engagement, um für Nachkriegskirchen Perspektiven zu entwickeln

Experte: Zeit nach 1945 war hochbedeutend für Kirchenbau-Entwicklung

Veröffentlicht am 29.11.2025 um 00:01 Uhr – Von Steffen Zimmermann – Lesedauer: 

Münster ‐ Der Kirchenbau in Deutschland erlebte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Blüte – heute aber sind viele Kirchen dieser Zeit bedroht. Denkmalpfleger Michael Huyer erklärt im Interview, was Nachkriegskirchen auszeichnet, warum sie teilweise so wenig geschätzt werden und wie ihre Zukunft aussieht.

  • Teilen:

Sie entstanden in einer Zeit des Aufbruchs: Unzählige neue Kirchen wurden nach 1945 in Deutschland gebaut – mal traditionell, mal experimentell, oft mit großem Mut zu neuen Formen. Heute kämpfen viele dieser Gotteshäuser jedoch ums Überleben. Im katholisch.de-Interview spricht Michael Huyer, Leiter des Referats Inventarisation und Bauforschung beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), über die Vielfalt des Nachkriegskirchenbaus, über Vorurteile gegenüber diesen Kirchen und über die Frage, welche Zukunft sie heute noch haben können.

Frage: Herr Huyer, das Denkmalfachamt des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe hat vor einiger Zeit ein Projekt zum Kirchenbau nach 1945 durchgeführt. Was war der Anlass – und welche zentralen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Huyer: Anlass war die absehbare Schließung und Aufgabe zahlreicher Kirchenbauten. Dies bewog das zuständige Ministerium in NRW, eine groß angelegte wissenschaftliche Erfassung der Kirchen aus der Zeit von 1945 bis 1990 zu fördern und die Landschaftsverbände mit der Umsetzung zu betrauen. Eine unserer wichtigsten Erkenntnisse war dann, wie außerordentlich vielfältig der Kirchenbau dieser Jahrzehnte war: Er reicht von ausgesprochen traditionellen Bauten bis zu experimentellen Entwürfen, von klaren Längsgrundrissen bis zu variantenreichen konzentrischen Raumideen, von handwerklicher Mitarbeit der Gemeindemitglieder bis zu konstruktiver Innovation, von bewährten Materialien bis zu völlig neuen Lösungen. In der Forschung war die sehr große Bandbreite zuvor wenig bekannt, da man sich eher auf wenige bereits publizierte "Leuchtturmbauten" konzentriert hatte. Wir konnten jedoch den gesamten Bestand von über 1.300 evangelischen und katholischen Kirchen in Westfalen-Lippe auswerten. Dabei zeigte sich: Anders als häufig dargestellt, gab es keine lineare Entwicklung vom "konservativen" zum "modernen" Kirchenbau, sondern ein komplexes Neben- und Miteinander. Dieser neue Blick auf den Kirchenbau ist wichtig, um entsprechend unseres gesetzlichen Auftrags das jeweilige Bauschaffen der Zeit im Denkmalbestand angemessen abzubilden.

Frage: Als wie bedeutsam würden Sie die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg für den Kirchenbau in Deutschland einschätzen?

Huyer: Sowohl in quantitativer Hinsicht als auch bei qualitativer Betrachtung waren die Jahre von etwa 1950 bis um 1975 hochbedeutend für die Entwicklung des Kirchenbaus. In dieser Zeit entstand gerade in Westfalen-Lippe eine enorme Zahl neuer Gotteshäuser – und mit ihnen ein bemerkenswertes Spektrum architektonischer Ideen.

„Wir beobachten, dass die Qualitäten der Kirchenbauten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend erkannt werden. Traditionsbauten der 1950er-Jahre erfahren bereits Wertschätzung, die "Betonburgen" der 1960er-Jahre sind in der Fachwelt anerkannt.“

—  Zitat: Michael Huyer

Frage: Welche Leitideen prägten denn den Kirchenbau nach 1945?

Huyer: Wenn man angesichts der komplexen Entwicklung holzschnittartig zusammenfassen will, ist in architektonisch-gestalterischer Hinsicht eine parallele Entwicklung zur profanen Architektur in Westfalen-Lippe erkennbar. Es überwiegen zunächst traditionsbestimmte Konzepte und Materialien, die häufig an die Architektur der 1920/1930er-Jahre anknüpfen. Radikal "neue" Bauten sind eher die Ausnahme. In den 1960/1970er-Jahren setzte eine Phase des Experimentierens ein – mit neuen Materialien, unkonventionellen Raumformen und einem bewussten Bruch mit dem traditionellen Kirchenbild. In der funktionalen Ordnung tritt die konzentrisch versammelte Gemeinde zunehmend in den Vordergrund, was sich in konzentrisch um den Altar angeordneten Gestühlen ausdrückt und auch dem Abrücken des Altars von der Wand in Richtung der Gemeinde. Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils ist hier von entscheidender Bedeutung. Manche Bauten spiegeln auch Versuche wider, Gottesdienste freier zu gestalten, etwa durch flexible Räume mit mobilen Wänden, Stühlen und teils sogar verschiebbaren Altären. In den 1980er-Jahren kam in Teilen eine Rückbesinnung auf traditionelle Formen, Farbigkeit und Ornamente, teils im Geist der Postmoderne. Die wenigen Kirchenbauten der späten 1990er- und frühen 2000er-Jahre sind wiederum durch größere Schlichtheit geprägt. Die hier nur kurz angedeutete Vielfalt zeigen wir demnächst in einer neuen Buchpublikation mit dem Titel "Kirchen nach 1945 – Entwicklungen und Bestand in Westfalen-Lippe", die voraussichtlich Anfang 2026 erscheinen wird.

Frage: Viele Nachkriegskirchen haben heute keinen guten Leumund. Gerade im Vergleich mit gotischen oder barocken Gotteshäusern gelten moderne Kirchen oft als "hässlich" oder "seelenlos". Warum tun sich viele Menschen mit modern gestalteten Kirchen so schwer?

Huyer: Das Phänomen mangelnder Beliebtheit von Architektur bestimmter Zeitepochen betrifft ja nicht nur Kirchen, sondern ist allgemein zu beobachten. Aktuelle Architektur und sehr alte Epochen werden meist geschätzt, während Gebäude der "mittleren Vergangenheit" oft auf Ablehnung stoßen. Doch das ändert sich: Wir beobachten, dass die Qualitäten der Kirchenbauten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend erkannt werden. Traditionsbauten der 1950er-Jahre erfahren bereits Wertschätzung, die "Betonburgen" der 1960er-Jahre sind in der Fachwelt anerkannt. Nur die multifunktionalen Gemeindezentren der 1970er-Jahre warten noch auf ihre Entdeckung. Leider sind viele dieser Bauten in den vergangenen Jahren bereits verändert, umgenutzt oder abgerissen worden, bevor dieser Wandel in der Wahrnehmung einsetzen konnte.

Bild: ©LWL/Arendt

Michael Huyer leitet das Referat Inventarisation und Bauforschung bei der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen.

Frage: Durch den Rückgang der Zahl der Gläubigen und geringer werdender Finanzmittel sind die Kirchen in Deutschland tatsächlich zunehmend gezwungen, Kirchengebäude aufzugeben. Häufig sind dabei Nachkriegskirchen von Profanierung und Abriss betroffen. Wie ist das zu erklären? Liegt das auch an einer geringeren Wertschätzung dieser Bauwerke?

Huyer: Dies spielt sicherlich eine Rolle. Ein zweiter Grund kommt jedoch hinzu: Viele Kirchen entstanden in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg in neu gegründeten Wohnsiedlungen außerhalb der Stadtzentren. Dort war die Bindung an die Gemeinde oft weniger stark als in den historischen Ortskernen, wo die älteren Kirchen stehen. Diese älteren Bauten genießen zudem höhere Identifikation und wurden meist kontinuierlich gepflegt. Bei vielen Kirchen aus den 1950er- bis 1970er-Jahren stehen dagegen jetzt die ersten großen Sanierungen an – häufig mit erheblichem Kostenaufwand. Das mag die Frage nach dem Weiterbestand aufwerfen.

Frage: Sind Ihnen Zahlen bekannt, wie viele Nachkriegskirchen in Westfalen-Lippe oder sogar in ganz Nordrhein-Westfalen in den vergangenen Jahren bereits aufgegeben oder abgerissen wurden?

Huyer: Leider nicht. Wir führen keine eigenen Statistiken. Mit dem Online-Magazin "moderneREGIONAL" gibt es aber ein bürgerschaftliches Projekt, das solche Informationen sammelt und öffentlich zugänglich macht. Unter den niedergelegten Kirchen in Westfalen-Lippe befinden sich bedeutende Bauten, so Herz Jesu in Hamm-Uentrop, gebaut 1958/1959 nach Plänen von Architekt Otto Weicken oder St. Arnoldus in Neuenkirchen von Max Clemens von Hausen und Ortwin Rave.

Frage: Nach welchen Kriterien entscheidet eigentlich der Denkmalschutz, ob eine Nachkriegskirche schützenswert ist?

Huyer: Maßgeblich sind die Kriterien des nordrhein-westfälischen Denkmalschutzgesetzes. Einerseits sind geschichtliche Tatbestände für den Denkmalwert eines Gebäudes namhaft zu machen, andererseits muss durch die hinreichend authentische Erhaltung eines Gebäudes auch ein materieller Zeugniswert benannt werden können. Beide Aspekte müssen überzeugend begründet werden und im Fall einer juristischen Auseinandersetzung auch gerichtlicher Überprüfung standhalten. Die Hürden für eine Unterschutzstellung sind insgesamt sehr hoch, so dass selbst bei prägnant im Stadtbild auftretenden Kirchen nur ein Teil die Voraussetzungen erfüllt.

„Umnutzungen sind in historischer Perspektive bei vielen älteren Gebäuden eher die Regel als die Ausnahme – denken Sie an das barocke Schloss in Münster, das heute Hauptgebäude der Universität ist.“

—  Zitat: Michael Huyer

Frage: Wie versuchen Sie, Gemeinden und Öffentlichkeit von der Bedeutung dieser Kirchen zu überzeugen?

Huyer: Wir betreiben entsprechend unserem gesetzlichen Auftrag intensive Öffentlichkeitsarbeit – mit Publikationen, Veranstaltungen und in den sozialen Medien. In all diesen Formaten geht es immer wieder um den Kirchenbau nach 1945. Außerdem führen wir viele Gespräche mit Eigentümervertretern sowie Bistümern, Landeskirchen und Denkmalbehörden – häufig auch direkt vor Ort.

Frage: Was wünschen Sie sich von den Kirchen, der Politik und der Öffentlichkeit, um die Epoche des Kirchenbaus nach 1945 zu bewahren?

Huyer: Zunächst eine zügige Eintragung der schützenswerten Bauten in die Denkmallisten. Und darüber hinaus mehr Engagement, um für nicht mehr gottesdienstlich genutzte Kirchen neue, tragfähige Perspektiven zu entwickeln. Es gibt mittlerweile viele gelungene Beispiele für Umnutzungen, an denen man anknüpfen kann.

Frage: Sie sagen es: Einige aufgegebene Kirchen dienen heute zum Beispiel als Bibliothek, Kolumbarium oder sogar als Kletterhalle. Sind solche Umnutzungen die einzige Chance für den Erhalt der Gebäude?

Huyer: Sicher nicht die einzige, aber eine wichtige. Der Denkmalschutz bewahrt schließlich nicht die ursprüngliche Funktion, sondern das Bauwerk als historisches Zeugnis. Umnutzungen sind in historischer Perspektive bei vielen älteren Gebäuden zudem eher die Regel als die Ausnahme – denken Sie an das barocke Schloss in Münster, das heute Hauptgebäude der Universität ist. Natürlich bedeutet jede Umnutzung einen gewissen Verlust, aber sie ist oft die einzige Überlebenschance für ein Gebäude. Wichtig ist, dass die neue Nutzung so schonend wie möglich erfolgt und die historische Substanz weitgehend erhalten bleibt.

Von Steffen Zimmermann