Am Ende seiner Rede bat der neue Träger des Buchhandel-Friedenspreises, Navid Kermani, in der Frankfurter Paulskirche um Gebet statt um Applaus: Gebet für die in Syrien von den Schergen des "Islamischen Staates" entführten und verschleppten Christen. Um die Befreiung aller Geiseln, um die Freiheit Syriens und des Iraks.
Kermani erinnerte in seiner Rede an Pater Jacques Mourad, dessen Orden sich der Begegnung mit dem Islam und der Liebe zu den Muslimen verschrieben hat. Pater Mourad wurde von den Schergen des "Islamischen Staates" verschleppt. Zahlreiche Muslime haben ihr Leben dafür eingesetzt, dass er letzte Woche wieder freikam. Entführt ist nach wie vor der Gründer der Gemeinschaft, der italienische Jesuitenpater Paolo Dall'Doglio, der die syrische Regierung offen und scharf kritisierte, aber auch die Verhärtung in der eigenen, christlichen Gemeinde. Und der den IS als Entstellung des Islam bezeichnete. Kermani spricht wie von Heiligen: Ein Christ, der von Andersgläubigen bedroht wird an Leib und Leben und dennoch deren Glauben rechtfertigt, diese Liebe beeindruckt ihn tief.
Die Liebe zum Eigenen, so der Muslim Kermani, müsse hingegen anders sein, eine "hadernde, zweifelnde, stets fragende", und sie erweise sich in der Selbstkritik. Und so nimmt Kermani den heutigen Islam schonungslos auseinander, nicht nach Manier der erbarmungslosen Religionskritiker, der platten Hasser oder der wohlfeilen Modernisierungsforderer, sondern als einer, der das Gute und Schöne im Islam ebenso bewundert und liebt wie Goethe, Proust, Lessing und Joyce es getan haben, die ja auch keine Verrückten gewesen seien.
Die Rede ist es wert, Wort für Wort gelesen, bedacht und rezipiert zu werden in einer Zeit der Polarisierungen, des Hasses, der Verharmlosung und der Angst. Der wahre Mut, so zitiert Kermani Pater Mourad, liege in einem "Dialog der Barmherzigkeit". Er bange nicht um seinen Glauben, sondern um die Welt. Dass ein Moslem das selbstvergessene "christliche Abendland" dazu anhält, sich endlich der Glaubensgeschwister in der Verfolgung zu erinnern, ja, mit ihm für sie zu beten, dürfte einmalig sein.
Die Autorin
Monika Metternich ist Religionspädagogin, Schriftstellerin und Journalistin.
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