Wenn an einem Sommerabend die Sonne über dem Main versinkt und die Weinberge in goldenes Licht taucht, führt der Weg vieler Würzburger hinauf auf den Nikolausberg. Stufe um Stufe steigt der Besucher an einem imposanten Kreuzweg entlang den Hang hinauf. Zwischen den mächtigen Platanen öffnen sich immer wieder Blicke auf die Altstadt, auf den Main und die Festung Marienberg. Oben angekommen erhebt sich das Käppele mit seinen charakteristischen Zwiebeltürmen über der Stadt.
Doch bald wird sich die Kulisse auf dem Würzburger Hausberg merklich ändern. Ab dem 20. September schließt die Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung für knapp zweieinhalb Jahre ihre Türen. Bis Ende 2028 soll das Innere des berühmtesten Wallfahrtsortes im Bistum Würzburg umfassend saniert werden. Für viele Gläubige, Pilger und Touristen bedeutet das einen Abschied auf Zeit von einem der bekanntesten Wahrzeichen Frankens.
Die Jahrhunderte haben ihre Spuren hinterlassen
Wer das Käppele heute betritt, merkt schnell, wie sehr die Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen haben. Kerzenruß, Staub und frühere Restaurierungen haben die ursprüngliche Farbigkeit des Kirchenraums zunehmend überdeckt. Was einst hell, leicht und festlich wirkte, erscheint heute deutlich dunkler. Genau das soll sich nun ändern. Mithilfe moderner Restaurierungstechniken wollen Fachleute die ursprüngliche Gestaltung aus der Entstehungszeit wieder sichtbar machen. Anders als bei der letzten großen Innenrenovierung in den 1970er Jahren können heute selbst hartnäckige Überzüge und Verfärbungen schonend entfernt werden. Das Ziel ist ehrgeizig: Die Kirche soll wieder so erscheinen, wie sie ihre Schöpfer im 18. Jahrhundert gedacht haben.
Kerzenruß, Staub und frühere Restaurierungen haben die ursprüngliche Farbigkeit des Käppele-Inneren zunehmend überdeckt.
Die Sanierung wird ein Kraftakt. Altäre, Skulpturen und Ausstattungsstücke werden gereinigt und restauriert. Heizung und Elektrik werden erneuert. Für die Arbeiten müssen sowohl die Wallfahrtskirche als auch die Gnadenkapelle vollständig eingerüstet werden. Insgesamt sind Kosten von rund 5,8 Millionen Euro veranschlagt. Bund, Land, Kommune, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Bistum Würzburg beteiligen sich an der Finanzierung. Dennoch bleibt für die Kirchenstiftung ein erheblicher Eigenanteil, der nur mit weiterer Unterstützung zu stemmen sein wird.
Dass sich dieser Aufwand lohnt, erschließt sich bereits beim Blick auf die Geschichte des Ortes. Sie beginnt mitten im Elend des Dreißigjährigen Krieges. Der Überlieferung zufolge stellte ein Mainfischer im Jahr 1640 in den Weinbergen oberhalb Würzburgs einen Bildstock mit einer Pietà auf – einer Darstellung der schmerzhaften Mutter Gottes mit dem toten Jesus auf ihrem Schoß. In einer Zeit von Krieg, Hunger und Krankheit fanden viele Menschen Trost bei der Schmerzensmutter. Bald wurde von Heilungen und besonderen Gebetserhörungen berichtet. Aus dem Bildstock entwickelte sich zunächst eine kleine Kapelle, dann ein immer stärker besuchter Wallfahrtsort. Als wiederholt von geheimnisvollen nächtlichen Lichterscheinungen berichtet wurde, nahm die Wallfahrt weiter zu. Die kleine Gnadenkapelle musste mehrfach erweitert werden. Schließlich entstand der Wunsch nach einem größeren Gotteshaus.
Einer der berühmtesten Baumeister des deutschen Barock
Hier betritt einer der berühmtesten Baumeister des deutschen Barock die Bühne: Balthasar Neumann. Seine Pläne für eine repräsentative Wallfahrtskirche reichen bis in die 1730er Jahre zurück. Ab 1748 wurde der Neubau verwirklicht. Quer vor die bestehende Gnadenkapelle setzte Neumann eine Kirche mit zwei markanten Fassadentürmen, deren geschwungene Formen bis heute das Panorama um Würzburg prägen. Die eigentliche Gnadenkapelle blieb zunächst bestehen und wurde später in den Gesamtbau integriert.
Entstanden ist ein Ensemble, das Architekturhistoriker bis heute fasziniert. Das Käppele verbindet die Leichtigkeit des Rokoko mit den klareren Formen des frühen Klassizismus. Zugleich fügt sich der Bau auf einzigartige Weise in die umgebende Weinbergslandschaft ein. Kirche, Treppenanlage und Kreuzweg bilden eine Einheit, die weit über Franken hinaus ihresgleichen sucht.
Das Käppele ist eine der wenigen Kirchen Würzburgs, die den Bombenangriff vom 16. März 1945 ohne größere Schäden überstanden haben.
Besonders eindrucksvoll ist der Weg hinauf zur Kirche. Der monumentale Stationsweg entstand zwischen 1761 und 1769. Über mehrere Terrassen führen mehr als 250 Stufen den Berg hinauf. Die 14 Kreuzwegstationen mit ihren lebensgroßen Sandsteinfiguren stammen von den Würzburger Bildhauer Johann Peter Wagner. Sie zeigen die Leidensgeschichte Jesu in eindringlichen Bildern.
Bis heute gehört das "Beten der Stufen" für viele Pilger selbstverständlich zum Besuch des Käppele. Schritt für Schritt gehen sie den Kreuzweg hinauf, verweilen an den Stationen und tragen ihre Sorgen und Anliegen vor Gott. Wer den Aufstieg vollendet hat, erreicht nicht nur eine Kirche mit beeindruckender Aussicht, sondern einen Ort, an dem sich seit Jahrhunderten menschliche Leidensgeschichten mit der christlichen Hoffnung verbinden.
Die Schmerzensmutter steht im Zentrum
Im Zentrum steht dabei die Schmerzensmutter. Die ursprüngliche Pietà aus der Zeit um 1640 befindet sich noch immer in der Gnadenkapelle. Generationen von Pilgern haben vor ihr gebetet, Kerzen entzündet und ihre Bitten vorgetragen. Zahlreiche Votivgaben erinnern an erfahrene Hilfe und an Dankbarkeit für überstandene Krisen. Das Käppele war deshalb nie nur ein architektonisches Schmuckstück. Es ist vor allem ein Ort gelebter Frömmigkeit geblieben.
Diese spirituelle Kontinuität hat auch schwere Zeiten überstanden. Als Würzburg am 16. März 1945 in einem verheerenden Bombenangriff großflächig zerstört wurde, blieb das Käppele weitgehend verschont. Zwar trafen mehrere Brandbomben die Anlage, doch die entstandenen Feuer konnten gelöscht werden. Zweieinhalb Wochen später entging die Kirche dann der geplanten Zerstörung durch deutsche Truppen: Einem Befehl der SS, das Käppele durch umfunktionierte Flakgeschütze vorsorglich zu zerstören, verweigerte sich der Gefreite Ludwig Herrmann hartnäckig und täuschte einen Munitionsmangel vor. So blieb einer der wenigen bedeutenden historischen Sakralräume Würzburgs nahezu vollständig erhalten.
Der Blick vom Käppele auf die Festung Marienberg und darunter liegende Weinberge.
Über mehr als 260 Jahre hinweg wurde die Wallfahrt von den Kapuzinern betreut. Erst 2014 verließen die Ordensleute das Kloster auf dem Nikolausberg. Seitdem haben andere Seelsorger die Betreuung übernommen. Nun soll auch das ehemalige Kloster neues Leben erhalten. Nach den Plänen des Bistums könnte dort ab 2030 wieder eine Ordensgemeinschaft einziehen: Drei Brüder aus Indien sollen dann die Tradition des religiösen Lebens am Käppele fortführen.
Der Beginn eines neuen Kapitels
Die aktuelle Sanierung blickt deshalb nicht nur zurück, sondern auch nach vorn. Neben den Restaurierungsarbeiten sind neue Nutzungen vorgesehen. Geplant sind ein barrierefreier Zugang sowie eine Gaststätte mit Panoramaterrasse. Das Käppele soll künftig noch stärker als geistlicher, kultureller und touristischer Anziehungspunkt wahrgenommen werden. Ganz verschwinden wird die Wallfahrt während der Bauzeit dennoch nicht. Das Gnadenbild der Schmerzensmutter zieht vorübergehend in die Kirche Sankt Burkard am Mainufer um. Dort können Gläubige weiterhin beten und Kerzen entzünden. Die Wallfahrt selbst wird also nicht unterbrochen – sie verlegt lediglich ihren Ort.
Wenn die Gerüste voraussichtlich Ende 2028 wieder verschwinden, soll das Käppele in neuem Glanz erstrahlen. Dann werden die Besucher erneut die Stufen hinaufsteigen, die Tür der Wallfahrtskirche öffnen und vielleicht überrascht sein, wie hell und freundlich der Raum einst gedacht war. Die Schließung markiert deshalb nicht nur das Ende eines Abschnitts, sondern den Beginn eines neuen Kapitels in der fast 400-jährigen Geschichte eines Ortes, der für viele Menschen weit mehr ist als ein Wahrzeichen über dem Main.