Krisenstimmung herrscht bei der Berichterstattung über das Theologiestudium in Deutschland vor. Priestermangel ist dabei nur eine Facette, die immer wieder zu hören ist. Denn auch die Zahl der Pastoral- und Gemeindereferenten bereitet den Hochschulen seit einiger Zeit Sorgen. Mit einem neuen Konzept will die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt diesem Phänomen entgegenwirken. Seit zwei Jahren gibt es hier den berufsbegleitenden Bachelorstudiengang "Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft", der über die klassische Zielgruppe der Gemeindereferenten hinausgeht. Hier soll vom Gemeindemitglied bis zum Verwaltungsangestellten des Bistums wirklich jeder theologisch Interessierte eine passende Ausbildung erwerben können. Während die ersten Studierenden nach drei Jahren auf ihren Abschluss zusteuern, hat katholisch.de mit dem Konzeptvater Thomas Meckel und dem Studiengangskoordinator Franz-Jakob Quirin über eine erste Bilanz gesprochen.
Frage: Herr Meckel, Sie haben diesen Studiengang, damals als Rektor, konzipiert. Warum waren Sie der Meinung, es brauche einen zusätzlichen theologischen Studiengang?
Meckel: Sankt Georgen ist in Trägerschaft von Diözesen, die hier zuallererst Priester und Pastoralreferenten ausbilden. Und diese Trägerdiözesen habe ich damals gefragt: "Was braucht ihr noch für das Personal der Zukunft?" Die entscheidende Rückmeldung war, dass vermehrt Nicht-Theologinnen und Theologen in den Bistümern arbeiten, die theologische Qualifikationen erwerben sollen. Besonders in der Diaspora ist die theologische Sprachfähigkeit aber dringend gefragt. Der Studiengang ist auf diese Realität der Pastoral ausgerichtet. Da ist die Zusammenarbeit von Nicht-Theologen und -Theologinnen Alltag und prägt das kirchliche Leben. Daher auch der Titel: "Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft".
Symbolträchtiges Bild einer Vorlesung aus Sankt Georgen: Wie lässt sich eine klassische theologische Ausbildung mit den wandelnden Anforderungen an das Theologiestudium verbinden?
Frage: Auch andere Hochschulen und Universitäten bieten ähnliche Studiengänge an. Was unterscheidet Sankt Georgen von ihnen?
Meckel: Die Hochschule Sankt Georgen bildet jetzt alle pastoralen Berufsgruppen aus. Der Studiengang ist von Anfang an interdisziplinär konzipiert und Theorie und Praxis werden schon in der Studienphase miteinander verbunden. Jede Lehrveranstaltung wird extra für diesen Studiengang angeboten und nicht aus anderen Studiengängen gespeist. Außerdem sind die Mischung aus Präsenzphasen am Anfang und Ende des Semesters auf dem Campus und die digitalen Kontaktzeiten eine große Stärke. Damit ist niemand alleine dem Eigenstudium überlassen, sondern es ist ein begleitetes Fernstudium.
Frage: Der Studiengang wollte gleich drei Zielgruppen ansprechen. Wer studiert denn jetzt gerade hier tatsächlich?
Meckel: Es ist fast genau gedrittelt nach den drei gewünschten Zielgruppen des Studiengangs. Ein Drittel der Studierenden möchte klassisch Gemeindereferentin oder Gemeindereferent werden. Ein weiteres Drittel ist schon oder bald im kirchlichen Dienst, hat aber bisher keine theologische Ausbildung erhalten. Das sind Menschen aus dem sozialen Bereich, aber auch aus der Verwaltung oder dem Rechtsbereich. Und das letzte Drittel sind theologisch Interessierte, die z.B. ehrenamtlich in ihrer Pfarrei tätig sind.
Frage: Üblicherweise besteht ein Studiengang zwar aus inhaltlich zusammenhängenden Blöcken, aber den Abschluss gibt es erst am Ende. Warum haben Sie sich für ein anderes Modell entschieden?
Meckel: Für die verschiedenen inhaltlichen Dimensionen des Studiengangs können die Studierenden ein Zertifikat ausstellen lassen. So kann man jederzeit aufhören oder unterbrechen. Die Zertifikate können außerdem in unterschiedlicher Reihenfolge gemacht werden. Das ermöglicht auch die Flexibilität, dass – obwohl der Bachelor berufsbegleitend akkreditiert ist – man ihn natürlich in Vollzeit schneller absolvieren kann.
Verschiedene Ausbildungshintergründe ihrer Mitarbeitenden stellen die Bistümer vor neue Herausforderungen. Sankt Georgen will den Einstieg in ein Theologiestudium erleichtern.
Frage: Also wäre es auch möglich, nur ein Zertifikat zu machen. Ist das schon vorgekommen?
Quirin: Ja. Die Zertifikat-Option verringert die Hürde für einen Einstieg bei denen, die nicht sicher sind, ob sie sich ein Studium zutrauen.
Frage: Und welche Themen werden häufig gewählt, wenn sich Studierende für den Einstieg mit ein oder zwei Modulen entscheiden?
Quirin: Im Moment macht ein Großteil dieser Studierenden den theologischen Grundkurs, der auf ein Jahr angelegt ist. Das macht es zeitlich überschaubar und am Ende hat man mit dem "Theologicum" ein Zertifikat absolviert. Das ist auch die Qualifikation, die viele Diözesen als theologische Weiterbildung für ihre Mitarbeitenden suchen. Im Verwaltungsbereich kann es danach sinnvoll sein, ein Modul wie "Kirchenentwicklung" zu belegen. Hier wird der Blick auf den eigenen Beruf z.B. um die ekklesiologische und dogmatische Perspektive des Wesens von Kirche geweitet.
Frage: Der Studiengang läuft jetzt so lang, dass die ersten Studierenden kurz vorm Abschluss stehen. Wie blicken Sie zurück auf diese Zeit?
Meckel: Besonders interessant für uns ist, dass unter den Studierenden ein großer Zusammenhalt herrscht. Obwohl digitale Kontaktzeiten überwiegen, erleben wir einen großen Austausch untereinander, semester- und berufsübergreifend. Das bildet auch die spätere Realität ab, in solchen Teams zu arbeiten, mit sehr unterschiedlichen Personen, unterschiedlichen Herkünften und Qualifikationen.
Seminaristen und Theologiestudenten bei einer morgendlichen Andacht in der Kapelle von Sankt Georgen.
Frage: Und welche Aspekte des Studiengangs können Sie noch verbessern?
Quirin: Ich bin seit Oktober Studiengangskoordinator und für mich war es überraschend, wie wichtig die digitalen Austauschzeiten sind. Da haben die Studierenden abseits von Lehrveranstaltungen im Semester Zeit für Fragen. Das sind unterschiedlichste Dinge, also Fragen der Organisation, aber auch größere Fragen, wie die Bitte um Unterstützung bei den Praktika. Da wollen wir künftig mehr helfen, was das Finden von Praktikumsstellen angeht.
Frage: Die hohe Flexibilität macht es für Interessierte vielleicht schwierig, das Richtige für sich zu finden. Was empfehlen Sie da?
Quirin: Wir führen immer erst einmal individuelle Gespräche und sprechen ab, was die persönlichen Hintergründe sind und ob man andere Leistungen anerkennen kann. Es gibt Studierende, die bereits in einem Anstellungsverhältnis mit einem Bistum oder einer anderen kirchlichen Einrichtung stehen. Da können sich Synergieeffekte ergeben, weil wir eng mit den Trägerbistümern zusammenarbeiten. Genauso beraten wir aber auch individuell alle anderen und überlegen auch, was persönliche Interessen sind, wenn jemand mehr zum Vergnügen studiert.
Info
Der Bachelorstudiengang "Kirchliche Praxis in säkularer Gesellschaft" an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a.M. ist ein auf acht Semester angelegtes berufsbegleitendes Studium. Neben angehenden Gemeindereferentinnen und Gemeindereferenten adressiert der Studiengang auch "kirchliche Mitarbeitende ohne theologische Qualifikation, Nichttheologinnen und -theologen im kirchlichen Dienst und theologisch Interessierte".
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