Andrii Vytivskyi ist katholisch und verheiratet

Priester: Vater zu sein, erfüllt mich sehr

Priester: Vater zu sein, erfüllt mich sehr
Bild: Andrii Vytivskyi

Andrii Vytivskyi ist in der Ukraine geboren und lebt seit 2018 in Deutschland. Der Sohn eines Priesters der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche lebt mit Frau und Kind in München. Der Geistliche war erst Seelsorger für Ukrainer im Bistum Münster und ist seit kurzem bei der Erzdiözese München und Freising angestellt, bezieht von dort sein Gehalt. Als Kaplan arbeitet er in der Kathedrale des Ukrainischen Exarchats in München, zu der Gemeinden in Deutschland und Skandinavien gehören. Für Pfarrer Vytivskyi ist es nicht ungewöhnlich, dass ein katholischer Priester auch verheiratet sein kann. Ein Interview.

Frage: Herr Vytivskyi, Sie sind katholischer Priester und verheiratet. Wie blicken Sie auf den Zölibat Ihrer Amtskollegen?   

Vytivskyi: Ein Priester, der ehelos lebt, gibt ein starkes Zeugnis für seinen Glauben. Der Zölibat hat eine lange Tradition und einen tiefen geistlichen Wert in der katholischen Kirche. Ich selbst lebe nach dem byzantinischen Ritus. Das bedeutet, dass in meiner mit Rom unierten Ostkirche der Zölibat freiwillig ist und sowohl der ehelose als auch der verheiratete Weg zum Priestertum möglich sind. Ich empfinde es als bereichernd, dass diese Wahlmöglichkeit in unserer Tradition besteht. Ich selbst komme aus einer Priesterfamilie. Mein Vater ist Priester und meine beiden Brüder bereiten sich darauf vor, als verheiratete Männer Priester zu werden. Für uns ist es daher nichts Ungewöhnliches, dass ein Priester verheiratet ist. Gleichzeitig habe ich während meiner Ausbildung zum Priester Männer kennengelernt, die ihren Weg zum Priestertum wegen der geltenden Zölibatsregelung nicht weitergehen konnten.

Frage: Wann mussten Sie sich entscheiden, ob Sie als Priester mit Familie oder mit Zölibat leben wollen?  

Vytivskyi: Ein Priesteramtskandidat muss sich bei uns vor der Diakonenweihe entscheiden, ob er heiraten möchte oder im Zölibat leben möchte. Ich habe zum Beispiel etwa drei Jahre vor der Diakonenweihe meine Frau geheiratet. Dann war ich nur wenige Monate Diakon und wurde bald daraufhin zum Priester geweiht, damit ich möglichst schnell in meinen ersten Dienst im Bistum Münster übernommen werden konnte. Das ist bei jedem Weihekandidaten anders. Deshalb werden Weihen bei uns oft nicht Jahre im Voraus geplant. Unsere Kirche berücksichtigt die persönlichen Lebensumstände und den individuellen geistlichen Weg jedes Kandidaten.

Frage: Wie kam es, dass Sie und Ihre beiden Brüder Priester werden wollten? 

Vytivskyi: Ich glaube, dass eine Berufung von Gott kommt und sich unserem Einfluss entzieht. Wichtig ist jedoch, dass es gute Vorbilder von Geistlichen gibt. Für meine Brüder und mich ist mein Vater ein solches Vorbild, bis heute. Mein Vater ist Priester in der Ukraine und dort sehr engagiert. Er ist über 60 Jahre alt und könnte daher ausreisen und nach Deutschland kommen. Aber das möchte er nicht, weil er lieber bei seiner Gemeinde sein möchte. Früher war er viel unterwegs, weil unsere Kirche nach der politischen Verfolgung in der ehemaligen Sowjetunion verboten war. Als sie wieder erlaubt war, half mein Vater beim Wiederaufbau mit. Dann war er Dekan und betreute viele Gemeinden als Seelsorger. Er war viel unterwegs und nicht immer zu Hause für uns Kinder da. Dennoch war er für uns immer ein Vorbild wegen seiner Glaubensstärke und Liebe zu Jesus. Meine Mutter hat sich nie darüber beklagt, dass mein Vater wegen der Gemeinde viel unterwegs war. Sie hat immer die Bedeutung seines Dienstes hervorgehoben, die er für die Kirche, für die Menschen und zugleich für unsere Familie übernommen hat. 

Bild: © Andrii Vytivski

Andrii Vytivskyi bei seiner Priesterweihe in der Ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde in München gemeinsam mit seinem Vater und seinen beiden Brüdern. Sein Vater ist Priester und seine beiden Brüder bereiten sich ebenso darauf vor, als verheiratete Männer Priester zu werden.

Frage: Wollten Sie eine eigene Familie, weil Sie das bei Ihrem Vater so erlebt hatten?   

Vytivskyi: Ich denke, die Entscheidung für eine Familie ist genauso eine Berufung wie die für ein Leben im Zölibat. Ich wusste, als ich meine Frau kennen gelernt hatte, dass ich mit ihr meine priesterliche Berufung leben möchte. Meine Frau und ich haben uns in der Schule in der Ukraine kennengelernt. Also wir kennen uns schon sehr lange. Dennoch musste ich lange warten, bis ich sie heiraten durfte. Während meiner Zeit im Priesterseminar in der Ukraine und als ich im Kollegium in Rom war, ging das nicht. Erst nach dieser Vorbereitungszeit auf den Priesterberuf und als ich schon in Deutschland lebte, nach meinem Sprachkurs in Eichstätt, konnten wir beide dann heiraten. Meine Frau ist damals ebenso nach Deutschland gekommen.

Frage: Warum konnten Sie nicht schon früher heiraten, während ihrer Ausbildung im Priesterseminar?  

Vytivskyi: Im Priesterseminar sind die Regeln sehr streng. Nur einmal im Monat darf man zum Beispiel nach Hause zu seiner Familie fahren oder an Feiertagen. Im Seminar hatte ich nur eine Stunde am Tag frei oder drei Stunden am Wochenende, um mich zu erholen und spazieren zu gehen. Im Seminar gibt es ähnlich wie in einem Kloster einen streng geregelten Tagesablauf. Es passt nicht, wenn man in dieser Zeit schon verheiratet wäre. Die Zeit im Seminar soll eine Zeit sein, um Entscheidung und Berufung bewusst zu prüfen. Nicht ohne Grund spricht man hier nicht einfach von einer Ausbildung oder einem Studium, sondern von einer "Formation". Für mich war klar, dass ich als Priester mit Familie leben möchte und nicht im Zölibat.

Frage: Als verheirateter Priester können Sie nun aber nicht mehr Bischof werden … 

Vytivskyi: Das ist richtig. Nur als Mönch oder als Priester, der den Zölibat lebt, kann man nach unserer ostkirchlichen, griechisch-katholischen Tradition Bischof werden. Also ein verheirateter Priester kann nicht Bischof werden. Ich habe keine Chance mehr Bischof zu werden. Doch das macht mich nicht unglücklich. Ein Bischof und ein Priester haben zwar unterschiedliche, aber gleich wichtige Aufgaben im Dienst an der Kirche und den Menschen. So kann ich meinen Dienst in der Kirche ausüben und zugleich dankbar sein, für meine eigene Familie da sein zu dürfen. Meine Frau und ich sind seit kurzem Eltern eines Sohnes geworden. Vater sein zu können erfüllt mich sehr. 

Bild: © privat

Pfarrer Andrii Vytivskyi und seine Familie in München. Auch seine Frau kommt aus der Ukraine. Die beiden haben sich während ihrer Schulzeit in der Westukraine in der Kleinstadt Sambir an der polnischen Grenze kennen gelernt. In seiner Kirche in Untergiesing in München feiert der Priester mit der Gemeinde Gottesdienste, hört die Beichte und kümmert sich um die Jugend- und Ministrantenarbeit sowie die Ausbildung von ehrenamtlichen Katecheten.

Frage: Ist es schwer für Sie als Priester für die Kirchengemeinde und für Familie gleichzeitig da sein zu müssen? 

Vytivskyi: Nein, meine Familie teilt mein Herz als Priester nicht, sondern sie bereichert mich. So habe ich es auch bei meinen Eltern erlebt. Meine Mutter war Katechetin, mein Vater war der Pfarrer und wir Kinder waren immer in der Gemeinde engagiert und sind durch die beiden in den Glauben hineingewachsen. Bei vielen verheirateten Priestern in unseren Gemeinden ist es so, dass ihre Familien Teil der Gemeinde sind. Die Frauen singen im Chor, helfen bei Veranstaltungen mit, die Kinder sind Ministranten und bringen sich in die Jugendarbeit hinein. Darüber hinaus genießen Ehefrauen der Priester häufig ein besonderes Vertrauen in der Gemeinde. Gerade bei Themen, die vor allem Frauen betreffen und über die man mit einem Priester nicht so leicht spricht, sind sie für viele eine wichtige Ansprechpartnerin. Wenn man bedenkt, meine Eltern hatten drei Söhne und wir waren alle drei im Priesterseminar. Das ist schon beachtlich. Auch mein kleiner Sohn ist jeden Sonntag mit in der Kirche, er fühlt sich dort zu Hause. Er sagt immer von sich aus, dass er mit in die Kirche will. Meine Familie ist immer mit dabei. Das freut mich. Meiner Meinung nach bedeutet Familie nicht weniger Hingabe an die Kirche. Oft bedeutet sie eine andere Form von Verantwortung, mehr Geduld und konkret gelebte Liebe im Alltag.

Frage: Es dürfte nur schwer werden, wenn Sie sich als Priester eines Tages scheiden ließen …

Vytivskyi: Eine Scheidung ist in der katholischen Tradition für kein Ehepaar vorgesehen. Aber als verheirateter Priester ist das tatsächlich nochmals schwieriger. Ich kenne verheiratete Priester in meiner Kirche, die leider getrennt von ihren Frauen leben. Das ist schwer für die gesamte Familie und die Gemeinde. Diese Priester dürfen kein zweites Mal heiraten, auch wenn ihre Frau zum Beispiel gestorben ist.

Frage: Gibt es in der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche einen Priestermangel?  

Vytivskyi: Bislang kennen wir in der Ukrainischen griechisch-katholischen Kirche keinen ausgeprägten Priestermangel. Allerdings könnte sich das in den kommenden Jahren ändern. Die gesellschaftlichen Entwicklungen betreffen schließlich alle Kirchen. Ich glaube jedoch nicht, dass die entscheidende Frage lautet, ob ein Priester verheiratet oder zölibatär lebt. Wichtiger ist, dass er geistlich reif ist, Gott und den Menschen dient und seinen Glauben glaubwürdig lebt. Gleichzeitig sollten wir uns als Kirche fragen, wie wir Berufungen heute fördern und junge Menschen ansprechen können. Vielleicht kann gerade die Vielfalt der katholischen Traditionen dazu beitragen, voneinander zu lernen und sich gegenseitig zu bereichern. Letztlich wächst jede echte Berufung aus der lebendigen Beziehung zu Gott und aus der Bereitschaft, den Menschen zu dienen.

Madeleine Spendier