Standpunkt

Wo der Widerstand gegen totalitäre Regimes beginnt

Eine Bibel liegt auf einem Notizblock der Partei "Alternative für Deutschland" (AfD) in einer Kirche.
Bild: KNA/Harald Oppitz

Kurz nach meiner Priesterweihe war ich im Sommer 1994 für wenige Monate als Kaplan im unterfränkischen Kirchlauter tätig. In diese Zeit fiel auch der 50. Jahrestag des gescheiterten Anschlags auf Hitler am 20. Juli 1944. In dem Dorf vor den Toren Bambergs lebt bis zum heutigen Tag der jüngste Sohn von Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seiner Familie. Dort erlebte ich auch noch die Witwe Stauffenbergs. Mir hat sich diese kurze Begegnung mit Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg tief eingeprägt. In diesem Moment lag für mich so etwas wie ein Auftrag, niemals wegzuschauen, sollte der Faschismus wieder an Boden gewinnen.

Vorgestern war ich zu einer Taufe in Sachsen-Anhalt, wo der Kabarettist Uwe Steimle bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung mit Blick auf Bundeskanzler Merz die unsägliche Aussage getätigt hat: "Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?" Zu Recht wird gegen Steimle ermittelt.

Als ich nach der Taufe die Kirche verließ, fiel mir im Eingangsbereich die Kampagne "Bewusst wählen!" auf, mit der im Bistum Magdeburg im Vorfeld der Landtagswahl dazu aufgerufen wird, sich für Menschenwürde, Nächstenliebe und Solidarität starkzumachen.

Eine der Lehren aus dem 20. Juli ist: Der Widerstand gegen totalitäre Regime beginnt nicht erst mit dem Tyrannenmord. Der wirksamere Widerstand setzt dort an, wo Menschen rechtzeitig Solidarität zeigen mit allen, die durch die Rechtsextremen konkret bedroht werden. Denn nichts fürchten diese mehr als Mitmenschlichkeit und Solidarität. Diese Haltungen gilt es zu stärken. Die Würde aller Menschen gilt es zu bekräftigen und zu feiern, so wie wir es bei der Taufe getan haben. Denn es gibt keine stabilere "Brandmauer" gegen totalitäres Denken, das andere Menschen programmatisch abwertet, als die Überzeugung, dass alle die gleiche Würde haben.

Als ich gestern nach der Taufe wieder nach Hause fuhr, fühlte ich mich meinem inneren Auftrag, den ich damals zu Beginn meines beruflichen Weges in der Begegnung mit der alten Gräfin Stauffenberg wahrgenommen habe, für einen Augenblick ziemlich nahe.

Burkhard Hose

Der Autor

Burkhard Hose ist Hochschulpfarrer in Würzburg.

Hinweis

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