Inhalte müssen mit Lebenswelt verbunden werden

Theologe: Bei Katechese mehr als vermeintlich klare Antworten nötig

 Erstkommunionvorbereitung
Bild: KNA/Harald Oppitz

Für manche Katholiken scheint die Piusbruderschaft auch deshalb anziehend zu sein, weil bei ihnen vermeintlich noch eine Katechese betrieben werde, die den Namen katholisch verdiene – während etwa die Kirche in Deutschland auf diesem Gebiet angeblich schon seit längerem die Segel gestrichen habe. Dogmatische Klarheit also als entscheidendes Kriterium für gute Glaubensunterweisung? Das kann auch ins Gefährliche abrutschen, sagt der Grazer Pastoraltheologe Bernd Hillebrand. Er erklärt, warum gute Glaubensunterweisung durchaus die Vermittlung zentraler Glaubensinhalte, aber vor allem den Dialog mit den Erfahrungen der Menschen braucht. Außerdem sagt er, wo er im deutschsprachigen Raum trotz aller Bemühungen strukturelle Schwächen sieht und woran man problematische Angebote erkennen kann.

Frage: Herr Hillebrand, manche Anhänger der Piusbruderschaft sagen, ein Grund für ihren "Wechsel" ist, dass es dort noch eine anständige katholische Katechese für Kinder gebe – anders als in normalen Pfarreien, wo man nur in die Hände klatsche und Bilder male. Wie bewerten Sie eine solche Aussage?

Hillebrand: Hinter dieser Kritik steckt eine grundlegend andere Auffassung davon, was Vermittlung, Wahrheit und Offenbarung bedeuten. Wer Wahrheit als etwas versteht, das ewig und unveränderlich feststeht, wird Glaubensinhalte eher direktiv vermitteln. Wer dagegen davon überzeugt ist, dass sich Dogmen in der Geschichte entfaltet haben und – wie es das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) ausdrückt – das Ziel der Offenbarung Gottes jeder Mensch ist, wird Glaubensvermittlung immer mit den Erfahrungen der Menschen ins Gespräch bringen und auf ein dialogisches Geschehen setzen. Diese zwei unterschiedlichen Sichtweisen gibt es auch in den Pfarreien. Da sagen auch manche Gläubige, man sollte wieder mehr direktiv und weniger kreativ sein.

Frage: Ist das ein berechtigtes Anliegen?

Hillebrand: Ich kann das schon nachvollziehen. Wir leben in einer säkularen Gesellschaft. Viele Kinder und Eltern verfügen heute nicht mehr über grundlegende religiöse Kenntnisse. Jan Loffeld, mein Kollege in der Pastoraltheologie, spricht von fehlenden "religiösen Codes". Dieses Grundwissen muss zunächst – direktiv – vermittelt werden. Das wird aber nicht reichen. Entscheidend ist der zweite Schritt: Die Glaubensinhalte müssen mit den Erfahrungen und Lebensgeschichten der Menschen verbunden werden.

Frage: Hin und wieder taucht der Vorwurf auf, die Kirche in Deutschland habe das Feld der Glaubensunterweisung teilweise von selbst geräumt. Wie beurteilen Sie die Situation der Katechese in unseren Breiten?

Hillebrand: Diese Kritik kann ich nicht teilen. Ich erlebe etwa in der Erstkommunion- und in Firmvorbereitung, dass sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche mit einem hohen Engagement dabei sind. Da werden jährlich Konzepte überarbeitet und angepasst. Wir haben dazu eine weltweite Sonderform. Auch wenn das sicher nicht lückenlos ist: Es gibt kaum andere Länder, wo Kinder tendenziell schon im Kindergarten etwas von Religion erfahren. Dann in der Schule, und dann in einer Extra-Begleitung in den Gemeinden.

Bernd Hillebrand
Bild: © Privat (Archivbild)

Bernd Hillebrand ist Professor für Pastoraltheologie und Pastoralpsychologie an der Universität Graz.

Frage: Wo sehen Sie dennoch Schwachstellen?

Hillebrand: Leider sind diese Ebenen oft nicht miteinander vernetzt. Das größere Problem ist aber, dass wir Gelegenheiten in der Katechese oft nicht nutzen, weil Pastoral in großen Räumen passiert und deshalb das Gefühl da ist, wir haben keine Zeit. Daher müssen vielfach erst noch Strukturen aufgebaut werden, damit Ehrenamtliche gut begleitet Katechese machen können. Die knappen personellen Ressourcen verführen Hauptamtliche nicht selten dazu, dass sie sagen, sie hätten keine Zeit. Dann gestaltet sich Katechese sehr funktional. Das heißt, man macht etwa im Vorfeld der Erstkommunion Elternabende als Informationsveranstaltungen. Aber eine richtige Begleitung findet nicht statt.

Frage: Was macht aus Ihrer Sicht eine gute katholische Katechese aus?

Hillebrand: Gute Katechese beginnt mit Begegnung und Beziehung. Ich muss zunächst die Menschen kennenlernen: Welche Fragen bringen sie mit? Welche Hoffnungen, welche Ängste? Dabei kann man heraushören, wie religiös sie geschult sind. Wenn sie das nicht sind, setzt zunächst die Vermittlung der religiösen Codes an, nach denen sie auch oft fragen. Diese müssen aber dann mit Lebensgeschichten, Lebenswirklichkeiten, Ritualen in Verbindung kommen.

Frage: Braucht gute Katechese einen festen "Kanon" an Glaubensinhalten?

Hillebrand: Es braucht sicher die zentralen Inhalte. Aber es liegt nicht in jedem Thema sofort die gleiche Notwendigkeit. Es geht darum, sich mit entsprechendem Zeitaufwand in die Begleitung von Menschen zu begeben. Wenn ich das ernstnehme, werde ich auch auf die Fragen des Glaubensbekenntnisses kommen.

Frage: Manche Gläubige wünschen sich – wie eingangs erwähnt – vor allem mehr dogmatische Klarheit. Wie soll man darauf reagieren?

Hillebrand: Es gibt verbindliche Lehrmeinungen, und vielleicht ist es tatsächlich angesagt, diese klarer zu platzieren. Beispiel Eucharistie: Viele Leute wollen wissen, was dieses Brot ist. In der Pfarrei, in der ich mitarbeite, gibt es solche, die mir dann vom Vierten Laterankonzil erzählen, weil es da um die Transsubstantiationslehre ging. Das darf seinen Platz haben. Dennoch ist es Aufgabe, die Menschen in der Katechese in eine bewusste Reflexion zu führen über das, was sie gehört haben. Im Austausch kann ich die Leute nicht davor bewahren, dass es nicht nur eine Antwort gibt, und diese auch immer abhängig von Kultur und Kontext ist.

Eine Katechetin spricht mit Kindern. Auf dem Tisch steht ein Glas mit Ähren und eine Kerze.
Bild: © KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

Stärkend ist Katechese, wenn sie in ihrer Wirkung offenbleibt, sagt Bernd Hillebrand. "Das heißt, ich begebe mich in die Verantwortung, die Zeichen der Zeit mit diesen Menschen, die sich auf diesem Weg befinden, zu suchen."

Frage: Wann wird Katechese belanglos?

Hillebrand: Es gibt zwei Gefahren: Die eine besteht darin, dass Katechese zu funktional wird beziehungsweise sie nur über eine kreativ-spielerische Seite vermittelt wird. Andererseits ist es aber genauso problematisch, dass sie zu eindeutig oder gar autokratisch ist: dass sie Menschen in ihrer Freiheit und Entscheidungsfähigkeit nicht ernstnimmt.

Frage: Wann wird Katechese problematisch oder gar extremistisch?

Hillebrand: Der Soziologe Zygmunt Bauman hat darauf hingewiesen, dass der Anspruch auf absolute Eindeutigkeit immer auch die Gefahr totalitärer Denkweisen birgt. Solange es eine Akzeptanz einer Pluralität gibt, ist es noch nicht ideologisch. Man darf traditionell sein, auch sehr traditionell sein. Das ist kein katechetisches Problem. Das wird es erst, wenn andere ideologisch in ihrer Existenz exkludiert werden. Dann wird es radikal – und auch sektenhaft.

Frage: Wenn wir nochmal auf den Bereich der Kinderkatechese schauen: Woran können Eltern erkennen, ob eine Katechese ihre Kinder im Glauben stärkt oder eher ideologisch prägt?

Hillebrand: Wenn sie in ihrer Wirkung offenbleibt. Das heißt, ich begebe mich in die Verantwortung, die Zeichen der Zeit mit diesen Menschen, die sich auf diesem Weg befinden, zu suchen. Das mache ich im Licht des Evangeliums und im Licht der Erfahrung der Menschen. Die Frage, ob das dann am Ende wirksam ist, braucht ein gnadentheologisches Vertrauen. Das ist für mich der entscheidende Punkt, ob es dieses offene Vertrauen in der Katechese gibt. Oder man versucht, alles zu kontrollieren. Gute Katechese vertraut darauf, dass Gott selbst wirkt. Sie eröffnet Räume, in denen Menschen Glauben entdecken können.

Frage: Frankreich scheint aktuell ein großes Laboratorium zu sein, was das Thema Katechese angeht, weil sich dort immer mehr junge Menschen für den Glauben interessieren. Sie waren kürzlich Teil einer Delegation der Deutschen Bischofskonferenz, die sich dort über die Situation informiert hat. Was haben Sie mitgenommen?

Hillebrand: Auch in Frankreich ist es so, dass die Themen zunächst vermittelt werden – die Taufbewerber kommen dann mit ihren ehrenamtlichen Begleitern, die selbst begleitet werden, über diese ins Gespräch. Ein Ansatz könnte sein: Vielleicht sollten wir Kirchengemeinden viel mehr als katechumenalen Weg sehen. Ein ständiger Weg, der Leben und Glauben ins Gespräch bringt. Man müsste dazu verstärkt Leute ausbilden, die bereit sind, andere zu begleiten. Begleitung ist also das große Schlagwort.

Matthias Altmann

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