Dass an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster künftig vier Professuren gestrichen werden, bedauert Matthias Remenyi. Er ist Professor für Fundamentaltheologie an der Universität in Würzburg und Vorsitzender des Katholisch-Theologischen Fakultätentags. Im katholisch.de-Interview erklärt er, was der Münsteraner Schritt für andere Fakultäten bedeuten kann – und warum die universitäre Theologie gerade heute gebraucht wird.
Frage: Herr Remenyi, in Münster werden vier der 22 Professuren an der Katholisch-Theologischen Fakultät gestrichen. Wie geht es Ihnen mit solchen Nachrichten?
Remenyi: Als Theologe, der mit Herzblut Theologie betreibt, und als Vorsitzender des Katholisch-Theologischen Fakultätentags trifft mich diese Nachricht natürlich. Ich bedauere das und würde mir wünschen, dass es anders ist. Gleichwohl weiß ich, dass dieser Prozess in Münster nicht vom Himmel gefallen ist und dass er zumindest in der operativen Umsetzung in der Fakultät mitgetragen werden konnte. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Zahlen so sind, wie sie sind, und dass die Finanzierung der Hochschulen durch die Landesregierungen enorm unter Druck steht.
Frage: Die Katholisch-Theologische Fakultät in Münster zählt auch weltweit zu den Fakultäten mit den meisten Studierenden. Was bedeutet so ein Schritt für kleinere Fakultäten?
Remenyi: Man hat in Münster sehr genau geprüft, welche Lehreinheiten konkordatär unabkömmlich sind und welche drangegeben werden können, weil sie doppelt besetzt oder anderweitig substituierbar sind. Die Konkordate bieten einen Schutz; sie sollten unbedingt erhalten bleiben und geachtet werden. Dabei geht es um mehr und anderes als nur die Sicherung des status quo. Es ist ein hoher Wert, dass in Deutschland die Ausbildung des kirchlichen Seelsorgepersonals an staatlichen Universitäten stattfindet – und kein Spar- oder Transformationsprozess sollte das gefährden. Das ändert aber nichts daran, dass gerade kleineren Fakultäten durch diese Sparmaßnahmen die Möglichkeit erschwert wird, ein eigenes Profil auszubilden. Die Vielfalt der Theologie droht Schaden zu nehmen.
Frage: Müssen Studierende sich daran gewöhnen, dass sich künftig das Studienangebot ändern wird und es dann vielleicht nur noch eine Professur für Bibelwissenschaften gibt, statt einer für Neues und einer für Altes Testament?
Remenyi: Das haben wir ja schon bei Instituten. Genau deswegen ist es wichtig, dass wir die konkordatären Vorgaben ernstnehmen und sie beachten. Da gibt es unterschiedliche Regeln für Fakultäten und für Institute, die vornehmlich Lehrkräfte ausbilden. Was aber auch an anderen Standorten kommen wird, ist der Druck der Landesregierungen auf die Universitäten und der Universitäten auf die Fakultäten, entsprechende Sparmaßnahmen mitzutragen. Das wird mit Münster nicht aufhören.
"Was aber auch an anderen Standorten kommen wird, ist der Druck der Landesregierungen auf die Universitäten und der Universitäten auf die Fakultäten, entsprechende Sparmaßnahmen mitzutragen", sagt Fundamentaltheologe Matthias Remenyi. "Das wird mit Münster nicht aufhören."
Frage: Sehen Sie als Gegenmaßnahme die Möglichkeit von ökumenischen Kooperationen, wo es mehrere theologische Fakultäten an Universitäten gibt?
Remenyi: Ich begrüße ökumenische Kooperationen und Vernetzungen ausdrücklich. Ich halte nichts davon, dass man aus der Angst heraus, irgendwelche Pfründe zu verlieren, mit aller Macht versucht, das eigene Profil auf Kosten der ökumenischen Zusammenarbeit zu schärfen. Das wäre der falsche Weg. Gleichwohl kann ich auch die Angst verstehen, dass Hochschulleitungen Gespräche über solche Kooperationen als Argument nutzen könnten, dass es künftig – um Ihr Beispiel aufzugreifen – doch nur eine Bibelwissenschaft für beide Fakultäten brauchen könnte. Deshalb müssen die hochschulrechtlichen Rahmenverträge geachtet werden, und da haben wir sehr klare Vorgaben. Unterhalb dieser Schwelle gibt es bereits jetzt zahlreiche erfolgreiche Modelle der Zusammenarbeit – sowohl was ökumenische Kooperationen als auch katholische Verbünde verschiedener Standorte angeht.
Frage: Der Göttinger Staatskirchenrechtler Hans Michael Heinig prognostizierte jüngst, dass sich die Zahl der Standorte theologischer Fakultäten und Institute absehbar halbieren werde. Statt vieler kleiner brauche es aus wissenschaftlicher Sicht einige größere Institute, die sich spezialisieren. Würden Sie da zustimmen?
Remenyi: Wir sollten als Theologien katholischer wie evangelischer Provenienz die Gestaltungsspielräume nutzen, die sich uns bieten. Wir sollten die Räume, die wir gestalten können, auch gestalten. Als universitäre Theologien müssen wir versuchen, in diesen Transformationsprozessen vor die Welle zu kommen. Es wird gewiss auch Leuchtturmbildungen und Zusammenschlüsse geben. Ich würde in diesem Zusammenhang aber gerne an ein anderes Argument erinnern.
Frage: Welches denn?
Remenyi: Mein Kollege Andreas Müller vom Evangelisch-Theologischen Fakultätentag hat zurecht darauf hingewiesen, dass wir bei der Ausbildung von Lehrkräften beobachten können, dass die Studierenden sehr treu gegenüber ihren jeweiligen Standorten sind. Dadurch haben wir viele unterschiedliche Institute und Seminare in der Fläche – und das ist ein Wert, weil Religionslehrkräfte eben auch in der Fläche gebraucht werden und wichtig sind.
Akademisch-universitäre Theologie ist ein Fundamentalismusblocker, ein Reflexionsinstrument und ein Moment der Befriedung des gesellschaftlichen Diskurses.
— Matthias Remenyi
Frage: Die römischen Vorgaben für ein theologisches Vollstudium legen fest, welche Disziplinen es an einer Universität mindestens braucht. Zuerst fallen dann also die Lehrstühle weg, die nicht unbedingt vorgeschrieben sind. Kann man da überhaupt noch innovative oder einmalige Schwerpunkte setzen?
Remenyi: Wie gesagt, es wird schwieriger. Ob es gelingt, hängt vor allem von den handelnden Personen vor Ort ab. Ich denke da beispielsweise an die Fakultät in München und den Wechsel des Kollegen Michael Seewald dorthin. Die Möglichkeiten, dort etwas Neues zu gestalten und aufzubauen, sind bemerkenswert. Oder wenn ich auf meine eigene Fakultät in Würzburg blicke: Da hat meine Kollegin Barbara Schmitz zusammen mit Kollegen Christian Wehr aus der Romanistik ein Käte Hamburger Kolleg für Messianismus-Studien mit einer langen Laufzeit und einer Millionenförderung eingeworben. Selbstredend wird das einen Schwerpunkt setzen. Das sind aber keine Prozesse, die von oben dekretiert werden können, sondern die aus der Dynamik der Fächer und der handelnden Personen entstehen müssen. Und einmal mehr zeigt sich: Entscheidend sind neben wissenschaftlicher Exzellenz die interdisziplinäre Zusammenarbeit und die Vernetzung in die Universität hinein.
Frage: Was bedeuten solche Kürzungen wie die in Münster für den wissenschaftlichen Nachwuchs in der Theologie?
Remenyi: Das wird zur Schwächung des ohnehin schon prekären Status führen. Es wird immer schwieriger, gute Leute für ein Berufsfeld zu gewinnen, das immer unsicherer wird und wo die Chancen immer schlechter werden, weil die Zahl möglicher Stellen immer kleiner wird. Man muss kein Untergangsprophet sein, um sich diesbezüglich Sorgen zu machen – auch, wenn man zum Beispiel auf das Erstarken der AfD blickt und die Einflüsse, die das auf die Hochschulpolitik haben könnte.
Frage: Sie haben die Zahl der Theologie-Studierenden angesprochen, die seit Jahren rückläufig ist. Auch das hat einen Einfluss. Gibt es denn überhaupt einen Weg, diese Kürzungsprozesse aufzuhalten?
Remenyi: Das Bild ist uneinheitlich. Wir haben theologische Studienformate, die sehr gut laufen, digitale Angebote und spezialisierte Master etwa. Gleichwohl werden diese innovativen Formate keine generelle Trendumkehr bewirken können. Gerade deshalb ist mir aber so wichtig, dass wir nicht einfach den Druck der Transformation und der Säkularisierung bei den handelnden Figuren vor Ort abladen, die zuallermeist Hervorragendes leisten. Die theologische Ausbildung in Deutschland ist auf hohem Niveau. Wir haben exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die hervorragende Arbeit machen, aufs Beste vernetzt und erfolgreich in ihren Fächern sind. Ihnen die Schuld für die Entwicklung zu geben, wäre unfair. Entsprechende Klischees – die ja nicht selten aus einer interessierten theologiepolitischen Richtung kommen – lassen sich leicht als falsch entkräften. Kurzum: Die universitäre Theologie ist willens und in der Lage, auf hohem Niveau in den universitären Verbünden mitzuspielen und Wissenschaft zu gestalten. Akademisch-universitäre Theologie ist ein Fundamentalismusblocker, ein Reflexionsinstrument und ein Moment der Befriedung des gesellschaftlichen Diskurses. Sie ist damit unersetzbar für die Kirche und die Gesellschaft gleichermaßen. Und unabhängig von allen Nützlichkeitserwägungen gilt: Sie ist um ihrer selbst willen, als geisteswissenschaftliche Forschungsdisziplin, konstitutiver Teil der universitären Welt.