Standpunkt

Gegen eine Theologie der Tech-Milliardäre

US-Tech-Milliardär Peter Thiel spricht bei einem Vortrag in ein Mikrofon
Bild: IMAGO / Newscom World

Als Ordensschwester gehören Milliardäre nicht zu meinen typischen Gesprächsthemen. Das liegt vor allem daran, dass mir das Evangelium jeden Tag die unbequeme Frage stellt: Auf wessen Seite steht Gott? Die biblische Antwort ist eindeutig: Gott steht besonders an der Seite der Armen und Ausgegrenzten. Die Option für die Armen ist keine sozialromantische Fußnote katholischer Soziallehre, sondern Kern der biblischen Offenbarung.

Umso befremdlicher wirkt es, wenn sich ausgerechnet ein Tech-Milliardär wie Peter Thiel zum endzeitlichen Propheten aufschwingt: Den Einsatz von Papst Franziskus für Frieden und interreligiösen Dialog deutet er als Zeichen des Antichristen; Papst Leo XIV. greift er an, weil dieser ethische Leitplanken für Künstliche Intelligenz fordert. Als Theologin reibt man sich verwundert die Augen: Seit wann gilt christliche Friedensethik als Merkmal des Antichristen?

Dahinter steht ein reaktionäres Religionsverständnis, das den christlichen Glauben nicht als Ruf zur Umkehr begreift, sondern als Waffe im selbst inszenierten Kulturkampf. In dieser "Silicon-Valley-Theologie" (Florian Baab) erhalten Technologie und wirtschaftliche Macht beinahe heilsgeschichtlichen Rang. Christliches, ja apokalyptisches Vokabular dient dazu, politische und ökonomische Interessen religiös aufzuladen. Ähnliche Muster zeigen sich auch hierzulande. Christliche Werte werden beschworen, solange sie den eigenen Zielen dienen, ansonsten spielen sie plötzlich keine Rolle mehr.

Die Johannesapokalypse ist kein Handbuch für Drohgebärden und Feindbilder, vielmehr will sie bedrängte Gemeinden und Menschen, die in Angst und Hoffnungslosigkeit leben, trösten. Die Hoffnung des letzten Buches der Bibel gründet nicht auf der Selbstermächtigung der Starken, sondern auf einem Gott, der sich gerade den "Losern", den Kleinen und Verwundbaren zuwendet.

Darum bleibt die Aufgabe der Kirche unbequem. Darum werde ich als Ordensschwester mit vielen anderen nicht aufhören zu fragen: Wo bleiben Menschen auf der Strecke? Wer bezahlt den Preis unseres Fortschritts? Gott lässt sich nicht für die Interessen derer vereinnahmen, die ohnehin schon alles haben. Eine Theologie der Milliardäre sucht man in der Bibel vergeblich, wohl aber eine Botschaft der Hoffnung für alle. 

Schwester Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Gabriela Zinkl SMCB ist Ordensschwester bei den Borromäerinnen, promovierte Theologin (Kirchenrecht) und in der Ordensleitung in Kloster Grafschaft tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.