Erzbischof von Chicago im Gespräch mit katholisch.de

Kardinal Cupich: Die Kirche ist kein exklusiver Club

Kardinal Blase Cupich, der Erzbischof von Chicago
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Mit Blick auf das Meer in Lovran, das sich in der Nähe der kroatischen Hafenstadt Rijeka befindet, fanden kürzlich die ökumenischen und interreligiösen Mediterranen Theologischen Begegnungen unter der Leitung des Erzbischofs von Rijeka, Mate Uzinić, statt. In diesem Jahr nahmen mit dem Erzbischof von Chicago, Kardinal Blase Cupich, und dem Belgrader Erzbischof, Kardinal Ladislav Német, zwei hochrangige Kirchenvertreter an der einwöchigen Tagung teil. Cupich warnte etwa vor Kräften, die bewusst Spaltungen schürten und Menschen das Gefühl vermittelten, die Gruppe, der sie angehörten, sei bedroht. Besonders eindrücklich war Cupichs Analyse der Kulturkämpfe, die sich in den vergangenen Jahren aus dem gesellschaftlichen und religiösen Leben der USA zunehmend nach Europa verlagert hätten. Der Kardinal warnte zudem davor, Christsein mit der Zugehörigkeit zu einem exklusiven Club gleichzusetzen. Im Gespräch mit katholisch.de sprach Cupich schließlich auch über innerkirchliche Fragen – über die synodale Kirche, Mitverantwortung der Gläubigen, die Rolle der Bischofskonferenzen sowie die Prioritäten der Kirche in einer von Krieg, Klimakrise und gesellschaftlichen Spaltungen geprägten Welt.

Frage: Herr Kardinal Cupich, Sie gelten weithin als einer der führenden Befürworter einer synodalen und dialogorientierten Kirche. Wo sehen Sie den größten Widerstand gegen die von Papst Franziskus (2013–2025) angestoßenen Reformen?

Cupich: Ich denke, dass es eine gewisse Angst gibt, dass wir uns von der Vergangenheit und der Tradition abschneiden, wenn wir die Fragen der heutigen Zeit in den Dialog einbringen. Ich kann das verstehen. Und dennoch müssen wir darauf vertrauen, dass der Geist Christi im Leben der Kirche wirkt. Und dass die Gläubigen, das Volk Gottes, die Getauften, einen sensus fidelium haben. Sie wissen, was die Kirche lehrt, und sie haben den Sinn dafür, ihr treu und loyal zu bleiben. Deshalb glaube ich, dass wir auf diese Angst mit einem tieferen Glauben antworten müssen – mit dem Glauben, dass der Geist Christi heute im Leben der Menschen wirkt. Jesus wird uns nicht verlassen. Aber es gibt so viel zu gewinnen, wenn wir diesen Dialog führen.

Frage: Zum Beispiel?

Cupich: Er schafft ein Gefühl der Mitverantwortung innerhalb der Kirche. Wir helfen den Menschen zu verstehen, dass sie Mitverantwortung für das Leben der Kirche tragen. Wenn alles nur von einer Gruppe von Menschen abhängt, von der Hierarchie oder einer bestimmten Schicht innerhalb der Kirche, dann werden wir die Chance verpassen, echte Mitverantwortung im Leben der Kirche zu schaffen.

Frage: Vor diesem Hintergrund: Welche konkreten Veränderungen können und sollten aus dieser Synodalität, aus dem gemeinsamen Unterwegssein, schließlich hervorgehen?

Cupich: Die wichtigste Veränderung besteht darin, dass wir in allen Gläubigen nicht nur ein Gefühl der Zugehörigkeit, sondern auch des Eigentums und der Mitverantwortung für die Kirche wecken. In meinem Heimatland, den Vereinigten Staaten, haben wir Katholiken, die sehr gläubig sind. Sie kommen zur Messe, sie spenden, sie unterstützen vieles. Aber es fehlt oft das Gefühl, wirklich Mitverantwortung für die Zukunft zu tragen.

Frage: Inwiefern?

Cupich: Wenn es um die Planung einer besseren Katechese oder Evangelisierung geht, möchten manche das einfach dem Priester oder dem Bischof überlassen. Wenn wir ihnen aber helfen zu verstehen, dass sie selbst an der Zukunftsplanung beteiligt sein müssen, dass sie Teil des Weges sein müssen, das Evangelium zur nächsten Generation zu bringen, dann weckt das in ihnen eine echte Dringlichkeit. Sie gehen dann über das bloße Spenden oder den Messbesuch hinaus. Ich denke, das lohnt sich. Das ist etwas, das sich im Leben der Kirche verändern kann und große Auswirkungen auf ihre Zukunft haben wird.

Kardinal Blase Cupich im Interview mit katholisch.de
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Kardinal Blase Cupich im Interview mit katholisch.de.

Frage: In Deutschland werden Laien bei der Suche nach einem Kandidaten für das Bischofsamt beteiligt. Könnte so etwas in der ganzen Kirche zur Praxis werden?

Cupich: Eigentlich sollte das bereits so sein. Wenn ein Nuntius in einem Land Nachforschungen anstellt, um eine vakante Bischofsstelle zu besetzen, wird ihm vom Heiligen Stuhl aufgetragen, nicht nur Kleriker, Bischöfe und Priester zu befragen, sondern auch das Volk Gottes sowie Ordensfrauen und Ordensmänner. Das geschieht also bereits.

Frage: Aber wäre es in naher Zukunft möglich, dass Laien auf Diözesanebene ausgewählt und viel stärker beteiligt werden?

Cupich: Nun, ich denke, wenn es einen Weg gibt, sicherzustellen, dass es sich dabei wirklich um einen geistlichen Unterscheidungsprozess und nicht um einen politischen Prozess handelt, dann wäre das wichtig. Wir müssen sehr darauf achten, dies nicht auf einen politischen Vorgang zu reduzieren. Ich möchte aber auch sagen, dass im Dikasterium für die Bischöfe, wo diese Entscheidungen beraten werden, bevor sie dem Heiligen Vater vorgelegt werden, bereits Laien mitwirken. Dort gibt es Ordensfrauen und weibliche Laien, die ebenfalls ihre Stimme haben. Wenn es also einen weiteren Weg gäbe, eine breitere Konsultation sicherzustellen, damit die Laien das Gefühl haben, dass ihre Sichtweise vertreten wird, dann hielte ich das für angemessen. Ich möchte jedoch betonen, dass Laien bereits jetzt im Auswahlprozess konsultiert werden.

Frage: Kommen wir noch einmal auf die kirchliche Hierarchie zurück: Sollten die Bischofskonferenzen gegenüber Rom mehr Entscheidungskompetenzen erhalten?

Cupich: Ja, ich denke, Papst Franziskus hat im Hinblick auf die Dezentralisierung bereits viel getan, etwa mit den Grundsatzdokumenten. Das Entscheidende in diesen Fragen ist jedoch, dass wir das Prinzip der Subsidiarität respektieren. Das bedeutet: Entscheidungen sollen auf der niedrigstmöglichen Ebene getroffen werden, bevor Rom oder eine höhere Instanz eingreift. Diese Subsidiarität muss jedoch mit der Solidarität gegenüber der gesamten Kirche in Einklang gebracht werden. Denn die Einheit ist das erste Kennzeichen der Kirche. Wir müssen darauf achten, in dieser Zeit geeint zu bleiben und keine Situation entstehen zu lassen, in der eine Bischofskonferenz einen Weg einschlägt, der die Einheit der ganzen Kirche verletzt.

Entscheidungen sollen auf der niedrigstmöglichen Ebene getroffen werden, bevor Rom oder eine höhere Instanz eingreift. Diese Subsidiarität muss jedoch mit der Solidarität gegenüber der gesamten Kirche in Einklang gebracht werden.

— Kardinal Cupich

Frage: Und wenn einige Bischofskonferenzen etwas weiter sind als die Weltkirche ?

Cupich: Nun, ich denke, dann liegt es in der Verantwortung eines Bischofs oder einer Bischofskonferenz in einem bestimmten Land, sich die Frage zu stellen: Sind wir dem ersten Kennzeichen der Kirche, nämlich der Einheit, treu? Einheit bedeutet allerdings nicht Gleichförmigkeit, also dass jeder exakt dasselbe tun muss. Das sehen wir beispielsweise bei der Liturgiereform. Die Messe wird in verschiedenen Sprachen gefeiert. Es gibt unterschiedliche kulturelle Ausdrucksformen und Inkulturationen in der Liturgie – eine wunderbare Vielfalt, die die Kirche bereichert. Aber ich denke, die entscheidende Frage muss immer an jeden gerichtet werden, der etwas möchte, das von der übrigen Kirche abweicht: Schadet das der Einheit oder dient es ihr? Das ist die zentrale Frage.

Frage: Wenn Sie die drei höchsten Prioritäten der Kirche für das kommende Jahrzehnt benennen müssten – welche wären das und warum?

Cupich: Ich denke, an erster Stelle steht die Fortsetzung des Erneuerungsweges, zu dem das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) aufgerufen hat. Das ist sehr wichtig. Außerdem muss die Kirche eine Stimme sein – etwas, das wir bereits in früheren Pontifikaten gesehen haben –, wenn es um den Schutz der Umwelt geht. Wir erleben derzeit eine Krise. Wir sehen sie in diesen Tagen an der globalen Erwärmung, am Anstieg des Meeresspiegels und an den Stürmen. Deshalb muss die Kirche, besonders durch Laudato si', die Enzyklika über die Umwelt, diese prophetische Stimme für die Zukunft sein. Und als Drittes denke ich an etwas, das Papst Leo sehr deutlich betont hat: den Weltfrieden. Wie er am 9. Januar sagte, scheint der Krieg wieder in Mode zu sein. Wir greifen heute zum Krieg, bevor wir andere Wege prüfen, Frieden durch Dialog zu schaffen, obwohl wir mit verschiedenen Konflikten konfrontiert sind.

Frage: Stichwort Krieg … Wie schauen Sie auf die Lehre vom gerechten Krieg, die immer wieder in den vergangenen Wochen zur Debatte stand?

Cupich: Besonders problematisch ist der Missbrauch der Lehre vom gerechten Krieg. Diese Lehre war immer als Einschränkung gedacht. Heute wird sie wie ein Freibrief benutzt. Staaten greifen militärisch ein und versuchen anschließend zu sagen: Nun, wir können das mit der Lehre vom gerechten Krieg rechtfertigen. So funktioniert das nicht. Man beginnt nicht mit dem Krieg. Man beginnt mit dem Frieden als erster Option. Darum geht es auf dieser Konferenz. Wie können wir sicherstellen, dass der erste Schritt in einem Konflikt darin besteht, dass Menschen sich zusammensetzen und miteinander sprechen? Dass sie eine friedliche Lösung suchen, anstatt den Krieg zum ersten Schritt zu machen? Krieg sollte immer nur als allerletzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden – erst dann, wenn wirklich jeder denkbare Weg des Dialogs ausgeschöpft wurde.

Frage: Klimakrise, Krieg und Frieden sind viel wichtiger als unsere innerkirchlichen Debatten. Auch diese sind wichtig, aber Diskussionen über die Liturgie, die sogenannte "Alte Messe" und Ähnliches sind angesichts einer solchen Weltkrise wohl eher zweitrangig.

Cupich: Ja, das stimmt. Ich würde aber auch sagen, dass Kräfte innerhalb der Kirche, die weiterhin die Einheit der Kirche zerreißen, Auswirkungen auf die Stimme der Kirche in diesen anderen Fragen haben werden. Die Kirche ist nämlich kein exklusiver Club. Denn die Menschen werden zu uns sagen: "Warum sollten wir euch Aufmerksamkeit schenken, wenn in eurem eigenen Haus so viel Zwietracht und Spaltung herrscht?" Das müssen wir im Blick behalten. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese inneren Auseinandersetzungen so öffentlich und so ausgeprägt werden, dass sie die Wirkung unserer Stimme in diesen anderen Fragen schwächen.

Mario Trifunovic