Offenere Diskussionen nötig

Theologe Seewald: Kritik an Kirchenlehre ist kein Angriff

Dogmatiker Michael Seewald
Bild: Maurice Weiss

Der Münchner Dogmatiker Michael Seewald fordert offenere Diskussionen über die Kirchenlehre. Derzeit herrsche allerdings eine "Ängstlichkeit", durch die Kritik an der kirchlichen Lehre häufig als Angriff auf den Glauben verstanden werde, sagte Seewald am Freitag bei der diesjährigen Libori-Lecture an der Theologischen Fakultät in Paderborn.

Dogmen seien dagegen geschichtlich entstandene und kritisierbare Formen kirchlicher Lehre. Die verbreitete "Ängstlichkeit" verhindere deshalb eine notwendige theologische Auseinandersetzung. Zugleich kritisierte der Theologe eine amtliche "Gewissensrhetorik" des dogmatischen Lehrens. Sie vermittle den Eindruck, über endgültige Gewissheiten zu verfügen. Dogmen dürften nicht mit der Lehre der Kirche insgesamt gleichgesetzt werden, betonte Seewald. Sie entstünden erst, wenn die Kirche eine bestimmte Deutung der Offenbarung verbindlich festlege. Gott offenbare keine Dogmen, sondern einen mehrdeutigen Willen. Dieser sei zwar nicht beliebig, lasse aber unterschiedliche Deutungen zu. Erst die Kirche gebe diesen Deutungen die Form eines Dogmas.

Kritik keine Ablehnung der Lehre

Dies aber sei zeitbedingt und grundsätzlich kritisierbar. Kritik dürfe daher nicht mit einer Ablehnung der kirchlichen Lehre verwechselt werden, so Seewald. Sie könne vielmehr "mit überzeugter Kirchlichkeit einhergehen". Die Kirche bedürfe, so der Dogmatiker weiter, "eines Glaubens, der so groß ist, dass er zur radikalen Selbstkritik fähig wird. Aus dieser Selbstkritik heraus kann wiederum eine Vitalität entspringen, die belebend auf geläuterte Formen des Christseins zurückwirkt."

Seewald hat seit Sommer 2026 den neu eingerichteten Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. Zuvor lehrte er zehn Jahre an der Universität Münster. 2025 wurde er mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis ausgezeichnet. (mtr)