Wenn man heute in die Schottenkirche geht, sieht man einen großen offenen Raum mit viel Platz. Eine klare Raumaufteilung, nennt das Dekan Michael Neudert. Auch die Inneneinrichtung ist eher spärlich ausgestattet. Doch das könnte sich bald ändern. Die Kirche soll nämlich umgenutzt werden. Was genau mit dem Bauwerk in der Erfurter Innenstadt geschehen könnte, darüber haben sich Architekturstudierende ein Semester lang Gedanken gemacht. Doch der Weg bis zur Umsetzung der Ideen ist noch lang.
In der Thüringer Landeshauptstadt stehen sieben katholische Kirchen. Zu viele, das hat der Kirchenvorstand beschlossen. Drei Gotteshäuser würden für die Gottesdienste ausreichen. Die anderen vier sollen umgenutzt werden, denn ein Verkauf seine Option, erklärt Dekan Neudert. Ideen stehen auch schon einige im Raum. Man könnte vielleicht ein Begegnungszentrum, eine Taufkirche, einen innerstädtischen Begräbnisplatz oder auch ein Pilgerprojekt aufbauen. Was aber mit der Schottenkirche geschehen soll, war lange nicht klar. "Bis es dann diesen Kairos gab", erzählt Neudert. Kairos ist ein Begriff aus dem Altgriechischen und bedeutet für den Priester einen Augenblick, der nicht so schnell wiederkommt.
Dieser "günstige Moment" entsteht bei einem Treffen zwischen katholischen und evangelischen Vertretern der Stadtregion. Bei der ökumenischen Runde aus Dekanat und Kirchenkreis sind neben den Leitungspersonen auch die Jugendreferenten beider Konfessionen dabei. "Jemand äußerte dann die entscheidende Idee: Können wir die Schottenkirche nicht zu einem Jugendprojekt machen?", erinnert sich Neudert. Der Plan entsteht, diesen vorhandenen Raum für die ökumenische Jugendarbeit zu nutzen, "was auch immer das bedeutet", so der Priester.
Fachbereich Architektur kommt zur Unterstützung
Doch die Kirche ist mit ihren hohen Wänden, dem steinernen Boden und den niedrigen Temperaturen nicht gerade der passendste Ort für Jugendliche. "Stellen Sie sich zwei Jugendgruppen darin vor, die verlaufen sich", scherzt er. Es war klar, dass man die Kirche umgestalten müsse. Doch wie? Jemand aus der Runde hatte die nächste Blitzidee: Man könnte doch mal bei der Fachhochschule im Bereich Architektur um Hilfe bitten. Neudert fand den Vorschlag super – dachte aber, es würde Jahre dauern, bis so etwas umgesetzt wird. Er sollte sich irren: Architekturprofessor Philipp Krebs ist direkt von der Zusammenarbeit überzeugt. Gleich im nächsten Semester schreibt er das Projekt aus.
Der Arbeitsauftrag lautet: die Schottenkirche so umzugestalten, dass sie ein geeigneter Begegnungsort für junge Menschen wird. Der Architekturstudent Carlo Twiste ist motiviert, mitzumachen: "Ich habe mich für das Projekt entschieden, weil es Bauen im Bestand, Denkmalpflege und die Zusammenarbeit mit Bauingenieuren umfasst." Studentin Maria Beier findet es vor allem spannend, mit einem Sakralbau zu arbeiten.
Für die Gruppe an Studierenden geht also die Arbeit los – mit dem Ausmessen der teils schiefen Kirche. Mithilfe der Bauingenieurstudierenden erstellen sie einen 3-D-Klon der Kirche. Dann kann die konkrete Planung beginnen. Marie Beier und Julia Hohmann haben direkt die Vision, das besondere Raumgefühl der Kirche beizubehalten. "Der Bestand soll weiterhin lesbar sein", sagt Beier. Mit so wenigen baulichen Veränderungen wollen sie die Kirche so verändern, dass der Raum anpassungsfähiger und multifunktionaler wird.
Auf drei Ebenen kann man in diesem Modell die Schottenkirche erleben.
Das Ergebnis der beiden Studierenden trägt den Namen "Dritte Ebene". Über Treppen sind im hinteren Teil der Kirche verschiedene Ebenen miteinander verbunden. Es gibt eine Gemeinschaftsküche, einen Seminarraum und in der dritten Ebene eine Lounge. Um die Kirche gemütlicher zu gestalten, gehören viele Pflanzen, warme Farben, viele Teppiche und Textilien zu ihrem Konzept. Im vorderen Teil entsteht ein Raum der Stille. Der Vorteil ihres Modells, so sagen die beiden, ist die Flexibilität. Wie Bauklötze lassen sich die einzelnen Elemente aufeinanderstecken. So muss nur minimal in den Bestand eingegriffen werden.
Ein weiteres Modell kommt von Carlo Twiste und Arefeh Shokrollahi. Sie wollen mit ihrem Entwurf den "Church Vibe", wie es die beiden nennen, erhalten: Mit einem Klettergerüst in der Kirche soll diese besondere Stimmung erfahrbar werden. Man kann das Gewölbe und die hohe Decke schließlich viel besser aus der Nähe betrachten. In den Seitenschiffen haben sie Seminarräume in die oberen Etagen gesetzt. Da könne man dann wie in einer Höhle sitzen, erklärt Twiste. Darunter gibt es ein Café, das zum Beispiel von den Jugendlichen selbst betrieben werden könnte. In der Kirche können aber weiterhin größere Veranstaltungen stattfinden, sodass es Platz für über 100 Personen im vorderen Teil gibt.
Während des Planungsprozesses haben die Studierenden erlebt, wie viel Feingefühl es bei der Umgestaltung einer Kirche braucht. Immer wieder standen sie im Austausch mit den Jugendlichen und Gemeindemitgliedern. Beier und Hohmann beschreiben, dass es nicht ganz einfach war, die verschiedenen Vorstellungen aller zusammenzubringen. "Man muss eben auch darauf achten, nicht alles in die Kirche hineinzuzwängen, sondern eben nur so viel, wie der Kirche guttut", sagt Hohmann. Auch wenn das bedeutet, den Musikraum kleiner als gewünscht zu planen.
Für mich ist deutlich geworden, dass es bei einem Gebäude mit solchen emotionalen Verbindungen eine starke Partizipation der Kirchengemeinde braucht.
— Carlo Twiste
Twiste haben die konkreten Wünsche der Jugendlichen überrascht. Ihnen war es beispielsweise sehr wichtig, einen eigenen Rückzugsraum und einen klar erkennbaren Bereich für ihren Glauben zu haben. "Für mich ist deutlich geworden, dass es bei einem Gebäude mit solchen emotionalen Verbindungen eine starke Partizipation der Kirchengemeinde braucht", sagt der Student.
Am Ende des Semesters haben die Studierenden ihre verschiedenen Modelle den evangelischen und katholischen Kirchenvertretern vorgestellt. Neudert ist von den Ideen der Studierenden vollkommen überrascht. "Ich bin begeistert, mit was für einer Intensität und mit welchem architektonischen Know-how gearbeitet wurde", so der Priester. Bei allen habe man gemerkt, wie sehr sie die Ideen inspiriert haben. Die Jugendlichen waren beispielsweise davon angetan, ein eigenes Café zu leiten, über das etwa auch Außenstehende in die Kirche kommen könnten. Doch egal wie gut die Vorschläge sind, Geld einen konkreten Umbau jetzt umsetzen gibt es nicht.
Das passiert nun mit den Ideen für die Schottenkirche
Dekan Neudert sieht das aber gelassen. "Wir müssen die Inspiration wirken lassen, uns nicht unter Druck setzen und angstfrei weiterarbeiten", so der Erfurter. Die Zusammenarbeit mit den Studierenden ist für ihn den Startschuss für einen weiteren Planungsprozess. Er habe gemerkt, wie wertvoll es ist, Menschen mit verschiedenen Kompetenzen auch von außerhalb der Kirchengemeinde an den Tisch zu holen. In der neugegründeten Ideengemeinschaft Begegnungszentrum Schotten arbeitet beispielsweise jetzt auch ein Projektmanager mit. "Je synodaler wir das machen, desto tragfähiger sind solche Projekte", sagt Neudert.
Die Studierenden rechnen nicht damit, dass ihre Pläne eins zu eins umgesetzt werden. Twiste hält einen phasenweisen Umbau für realistisch. Er würde damit anfangen, eine Fußbodenheizung einzubauen und die Kirche neu zu dämmen. "Damit man erstmal die Aufenthaltsqualität erhöht", sagt der Student.
Die Ideengemeinschaft plant weitere Vernetzungstreffen. Sie suchen Kontakt zum Jugendtheater, zur Volkshochschule, zu Kulturschaffenden und Sozialarbeitern der Stadt – in der Hoffnung, Synergien mit dem neuen Bauprojekt zu schaffen. Finanziert werden könnte das Projekt über Fördermittel, Stiftungen oder Privatinitiativen. Dafür laden sie jetzt Politiker und Personen aus der Wirtschaft ein, um sie von ihrem Kirchenumbau zu überzeugen. Dekan Neudert will weiter an dem Langzeitprojekt mitarbeiten. Auch wenn noch viel Überzeugungsarbeit geleistet werden muss, ist er sicher, dass sich genügend Menschen für das Begegnungszentrum begeistern lassen. Warum? "Erstens gibt es den lieben Gott und zweitens gibt es Zufälle. Man kann nie wissen, was noch kommt", sagt der Priester zuversichtlich.