Heute glaubt keiner mehr an Wunder – oder doch? "Kap Verde gelingt das große WM-Wunder", schrieb Focus Online, als der kleine Inselstaat bei der Fußball-WM in diesem Jahr durch ein Remis gegen Saudi-Arabien sensationell in die K.-o.-Runde einzog. Im Fußball ist immer wieder von Wundern die Rede, wenn etwas völlig Unerwartetes geschieht.
Wie etwa das Wunder von Bern – der Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen die als unschlagbar geltenden Ungarn im Finale der Fußball-WM 1954 im Berner Wankdorfstadion. Ob Jürgen Klopp für Fußball-Deutschland ein neues WM-Wunder schaffen kann, wird sich zeigen.
Geht nicht, gibt's nicht – auch bei Klopp?
"Kloppo" scheint jedenfalls den Slogan "Nichts ist unmöglich" verinnerlicht zu haben, mit dem der japanische Autohersteller Toyota erstmals 1985 auf dem deutschen Markt warb. Auch die Baumarktkette Praktiker gab sich überzeugt: "Geht nicht, gibt's nicht."
Dass man die Welt mit dieser Haltung sehen könne, habe vielleicht auch mit den Wundergeschichten der Bibel zu tun, schreibt die Theologin Bettina Wellmann im neuen Heft des Katholischen Bibelwerks mit dem Titel "Wunder(t Euch!)".
Ein historisches Foto zeigt das Ergebnis des Endspiels Deutschland gegen Ungarn im Jahr 1954 und erinnert damit an das "Wunder von Bern", am 9. Juni 2024 vor dem Stadion Wankdorf in Bern (Schweiz).
Seit Kindertagen hätten sich schließlich die biblischen Bilder tief eingeprägt, so Wellmann: "Von Wasser, das das Böse verschlingt und die Verfolgten rettet; von Essen, das trotz Mangels alle satt macht; von Toten, für die der Tod nicht die letzte Grenze bleibt."
Wundererzählungen hätten über Jahrzehnte viele Erklärungsversuche in der Forschung hervorgebracht. "Man versuchte, die erzählten Wunder durch rationalistische Erklärungen plausibel zu machen, zum Beispiel die Teilung des Schilfmeeres als mögliches Naturphänomen". Es sei auch versucht worden, Jesus als "geschickten Arzt" darzustellen.
Rettungswunder, Strafwunder, Alltagswunder
Heute definiere man Wunder als "Ereignisse, die Naturgesetze brechen". Die Verfasser der biblischen Schriften hätten jedoch keine einheitliche Sicht auf Wunder und beabsichtigten keine Definition des Begriffs, so Theologin Wellmann. Biblische Wundergeschichten seien vielmehr eine Erzählversion des in der Bibel mehrfach auftauchenden Satzes "Für Gott ist nichts unmöglich" (Genesis 18,14; Jeremia 32,17; Lukas 1,37).
In der Bibel, so die Expertin, gebe es mehrere Arten von Wundern: von Heilungen oder Totenerweckungen bis hin zu "Rettungswundern" oder "Strafwundern", etwa als Paulus den Zauberer Barjesus Elymas zeitweise erblinden lässt (Apostelgeschichte 13,6-12).
Außerdem gebe es in der Heiligen Schrift "Geschenkwunder" über verwandelte und vermehrte Lebensmittel bis hin zu "verrückten Alltagswundern". Ein Beispiel dafür: Um die fällige Tempelsteuer zu bezahlen, lasse Jesus Petrus einen Fisch angeln, der das passende Vierdrachmenstück im Maul trägt (Matthäus, 17, 24-27).
Eine Bibel und ein Notizbuch liegen auf dem Tisch, im Hintergrund Studierende, bei einer Vorlesung am 10. Juni 2026 an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt.
Bemerkenswert sei auch, welche hebräischen Begriffe in der Bibel für das verwendet würden, was wir mit "Wunder" übersetzen. Im Alten Testament seien dies nipla'ot (erstaunliche Dinge) oder otot (Zeichen) sowie geburot (Machttaten).
Im Neuen Testament lauteten die griechischen Begriffe dynamis (Machttat, Kraft), semeion (Zeichen) und teras (außerordentliche Erscheinung oder göttliches Vorzeichen). Und Jesus vollbringe ein ergon (Werk), heißt es in dem 36-seitigen Heft des in Stuttgart ansässigen Katholischen Bibelwerks.
Gegen manipulative Heilungsgottesdienste
Die Bibelexperten beziehen bewusst auch Position gegen Heilungsversprechen und "manipulative Praktiken" unserer Zeit. Diese lägen dann vor, wenn fundamentalistische Bewegungen Heilungsgottesdienste veranstalteten, in denen Menschen angeblich von Krankheiten wie Krebs, Depressionen und von Querschnittslähmung befreit werden könnten.
Die neue Ausgabe der Reihe "Bibel heute" zeichnet auch nach, wie Wunder in der Antike verstanden wurden. "Das Außergewöhnliche verwunderte viel weniger als heute. Nach antiker Vorstellung können Gottheiten jederzeit Wunder vollbringen", schreibt der Theologe Heinz Blatz.
Wer staunen kann, erkennt die Wirklichkeit
Der Theologe Christian Wetz betont, Staunen gehöre zum Kern biblischer Wundererzählungen ("So etwas haben wir noch nie gesehen!"). Tatsächlich tauchten "sich wundern" oder "staunen" (griechisch: thaumázein) im Neuen Testament 43 Mal auf. Das sei kein Zufall: "Wer staunt, erkennt plötzlich: Die Wirklichkeit könnte größer sein, als ich dachte; es gibt etwas jenseits dessen, das ich mit meinen fünf Sinnen wahrnehme."
Georg Steins, Professor für Biblische Theologie, erläutert, Wunder seien in der Bibel "keine Kunststückchen, die einfachhin überzeugend sind, erst recht keine Beweise". Ohne den Glauben fehle der Horizont, in dem ein Wunder als Einladung Gottes gelesen werden könne. Steins zitiert den Philosophen Zygmunt Bauman: "Wunder geschehen jenen, die an Wunder glauben." Im Fußball würden sicher viele dieser Aussage zustimmen.