Die Bochumer Religionswissenschaftlerin Anna Neumaier hat vor einer Überschätzung des Einflusses religiöser Influencer in Sozialen Netzwerken gewarnt. "Konsumentinnen und Konsumenten suchen sich online weitgehend die Meinungen, von denen sie ohnehin überzeugt sind", schreibt sie in einem Beitrag für die "Herder-Korrespondenz" (August-Ausgabe). Zwar tendierten Plattformen wie Tiktok dazu, extreme Positionen sichtbarer zu machen. "Es stellt aber nicht den Regelfall dar, dass sich vollständige Kehrtwendungen, Konversionen oder Ähnliches vollziehen."
"Digitale Angebote mit ihrer Vielfalt, ihren Interaktionsmöglichkeiten und ihrer translokalen Erreichbarkeit ermöglichen – und erfordern – eine zunehmende Selbstermächtigung religiöser Subjekte", so Neumaier mit Verweis auf die Folgen der Corona-Beschränkungen weiter. Die Nutzenden entschieden selbstständig, wem sie folgten und wie sie ihre digitale Glaubenspraxis gestalteten. "Sie begeben sich eben nicht mehr in ein stärker moderiertes Setting religiöser Kommunikation wie dem Gottesdienst oder dem Gesprächskreis in der Gemeinde vor Ort." Es stehe noch nicht fest, ob der digitale Raum die Abnahme von Religiosität ausgleichen könnte.
Ersatz oder Ergänzung
Generell beobachtet Neumaier verschiedene Motive der Menschen, sich christlichen Influencern zuzuwenden. "Nutzerinnen und Nutzer konsumieren christliche Inhalte in den Sozialen Medien entweder als Ersatz oder als Ergänzung zu einer Einbindung in eine Gemeinde vor Ort”, meint die Religionswissenschaftlerin Sie wollten online "ihren Horizont erweitern, Neues über ihren Glauben lernen, intime Fragen thematisiert sehen, die sie anderswo nicht stellen mögen, oder sich als Teil einer großen christlichen Gemeinschaft fühlen, die sie in ihrer säkularen Umwelt sonst nicht erleben."
Auffällig sei dabei, dass die konfessionelle Zugehörigkeit kaum relevant sei. Wem gern gefolgt werde, mache sich an anderen Faktoren fest: Wo sich jemand gesellschaftspolitisch verorte, welche Haltung man zu queeren Menschen, der Rolle der Frau in Kirche, Partnerschaft und Kindererziehung, zu Abtreibung, Migration, und gesellschaftlicher Pluralität einnehme. "Offensichtlich strahlen politische Diskurse auf religiöse Identitäten aus – wenn es nicht in der Religionsgeschichte schon immer so war."
Neumaier leitet das Forschungsprojekt "Redicon" (Religion – Digitality – Confessionality), in dem durch qualitative Interviews mit Nutzenden von Sozialen Medien die Zusammenhänge zwischen religiösem Influencing auf sozialen Medien im deutschsprachigen Raum und christlicher Konfessionalität erforscht werden. (cph)