Keine Trendwende in Frankreich

Loffeld: Anstieg von Taufen nicht kirchenpolitisch vereinnahmen

Der Theologe Jan Loffeld bei einem Vortrag im Erzbistum Hamburg
Bild: Erzbistum Hamburg/Marco Heinen

Der Theologe Jan Loffeld sieht in der zunehmenden Zahl von Erwachsenentaufen in Frankreich ein komplexes Phänomen, das nicht vorschnell kirchenpolitisch vereinnahmt werden sollte. Niemand habe bei der Frankreichreise der Jugend- und Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) von einer allgemeinen Rückkehr der Religion "im Sinne früherer Formationen" gesprochen, schreibt Loffeld in einem Beitrag für die "Herder Korrespondenz" (August-Ausgabe). "Umso mehr war den unterschiedlichen Gesprächspartnern eine positive Überraschung anzumerken, als sie von dem deutlichen Anstieg der neu getauften und neu gefirmten Erwachsenen sowie Jugendlichen seit dem Jahr 2022 berichteten beziehungsweise erfuhren."

Schließlich sei der Anstieg weder das Ergebnis pastoraler Strategien noch sonstiger kirchlicher Prozesse, so der Theologe. Als mögliche Gründe für die Hinwendung zum Christentum verweist Loffeld auf aktuelle Erhebungen unter Katechumenen in Frankreich. Zwei von fünf Befragten hätten angegeben, eine schwierige Lebensphase habe bei ihnen die Suche nach Sinn ausgelöst. Rund ein Drittel nenne eine intensive spirituelle Erfahrung als ausschlaggebend, ein Viertel einen prägenden Besuch an einem geistlichen Ort wie einer Kirche oder Abtei. Christliche Influencer hätten dagegen nur für elf Prozent eine wichtige Rolle gespielt. Auch nach der Taufe bleibe das Engagement vieler Neugetaufter hoch, schreibt Loffeld. Nach Umfragen nähmen 49 Prozent jeden Sonntag an der Eucharistiefeier teil, 17 Prozent sogar mehrmals pro Woche und 24 Prozent einmal im Monat. Zudem engagierten sich 82 Prozent in ihren Pfarrgemeinden, etwa in "Gottesdiensten, neuen Katechumenatsgruppen, in Bewegungen oder diakonalen Aktivitäten".

Keine Trendwende

Für Loffeld kann trotz des Anstiegs von Erwachsenentaufen nicht von einer Trendwende in der Säkularisierung gesprochen werden. Er schreibt: "Vielmehr ereignet sich das Neue inmitten und vielfach auch als Alternative zu einer säkularen und multireligiösen Mehrheitsgesellschaft. Es fehlt offenbar manchen Menschen etwas, was immer mehr anderen Menschen nicht fehlt." Als mögliche Auslöser neuer religiöser Suchbewegungen nennt Loffeld unter anderem die Corona-Pandemie. Bei einem internationalen Expertentreffen zu Erwachsenentaufen habe sich gezeigt, dass diese in mehreren europäischen Ländern religiöse Fragen neu angestoßen habe. Auch in Deutschland habe es in den vergangenen Jahrzehnten zeitlich begrenzte Anstiege bei Erwachsenentaufen gegeben, etwa im Zusammenhang mit Spätaussiedlern aus Osteuropa, dem Weltjugendtag 2005 sowie 2015 im Kontext der vielen Geflüchteten vor allem aus dem Nahen Osten.

Mit Blick auf die pastoralen Konsequenzen verweist Loffeld auf die katholischen Diözesen im Großraum Paris. Diese wollten sich in einer Provinzialversammlung 2026/27 mit den Herausforderungen einer wachsenden Zahl von Katechumenen und Neugetauften befassen. Das Ziel dabei ist, "die Erfahrungen, Freuden und Schwierigkeiten mit dem Katechumenat zusammenzutragen, um schließlich die missionarischen und synodalen Herausforderungen zu identifizieren." Für den Theologen zeigt das Beispiel Frankreichs, wie das Christentum „inmitten einer nicht mehr christlichen Mehrheitskultur eine Zukunft hat“.  Diese "nächste Kirche" werde künftig laut Loffeld "umso sichtbarer, je mehr Menschen akzeptieren, dass vorherige kirchliche Präsenzweisen ihre hegemoniale Dominanz verloren haben".

Jan Loffeld ist Professor für Praktische Theologie an der Tilburg University School of Catholic Theology in Utrecht. Im Juni gehörte er der DBK-Delegation an, die nach Frankreich reiste, um sich mit dem Phänomen des Anstiegs der Taufen auseinanderzusetzen. (mtr)