Himmelklar – Der katholische Podcast

Publizist Püttmann: "David-gegen-Goliath-Gefühl" hat mich geprägt

Publizist Püttmann: "David-gegen-Goliath-Gefühl" hat mich geprägt

Groß geworden in einem "erzkatholischen" Elternhaus hat Andreas Püttmann früh seine doppelte Leidenschaft für Politik und Religion entwickelt. Er war Mitglied der Jungen Union und arbeitete in unterschiedlichsten Funktionen für die Konrad-Adenauer-Stiftung. 2009 trat er aus Protest gegen Positionen der damaligen Kanzlerin Merkel in der Reproduktionsmedizin aus der CDU aus, verfolgte Merkels Kurs im sogenannten Flüchtlingssommer 2015 dagegen mit Sympathie und sieht sich heute als "Christdemokraten im Geiste". Als Forscher an der Schnittstelle zwischen Politik und Kirche wurde er zum gefragten Gesprächspartner für ethische Grundsatzfragen und beschäftigt sich in den letzten Jahren viel mit Rechtsextremismus und Rechtspopulismus. In der neuen Folge von Himmelklar erklärt Andreas Püttmann, warum er weiter auf Brandmauern gegen die AfD setzt, und welche Rückkopplungen eine chronische Krankheit auf sein Leben und seinen Glauben hat.

Frage: Kirche, Glaube und Religion waren in Ihrem Elternhaus etwas völlig Natürliches. Politik und politische Diskussionen auch?

Püttmann: Ja, das war gleichsam tägliches Brot. Bei Familientreffen mit Tanten und Onkels spielte immer die jüngste deutsche Geschichte, besonders die deutsche Katastrophe der Nazizeit, eine Rolle. Die Großeltern – vor allem väterlicherseits ist das überliefert – waren von vornherein Gegner. Die Horrorerfahrungen dieser Jahre der Bedrängnis sind auch der Schlüssel der anthropologischen Skepsis, die in unserer Familie stark ausgeprägt war. Also die Erkenntnis, dass Menschen zum Schlimmsten fähig sind, auch wenn sie eigentlich gut geschaffen wurden. Und dass man deswegen politische und staatliche Strukturen braucht, die bei der inneren und äußeren Sicherheit robust sein müssen. Ich war denn auch in den Achtzigerjahren gegen die pazifistische Bewegung ein Verteidiger der Nachrüstung und in Fragen der inneren Sicherheit immer für einen Rechtsstaat, der konsequent durchgreift. Als mein politisches Bewusstsein erwachte, waren die Achtundsechziger auf dem Marsch durch die Institutionen. In meinem Gymnasium hatte ich überwiegend linke Lehrer, war aber selbst gegen den linken Zeitgeist. Dieses David-kämpft-gegen-Goliath-Gefühl, das ich noch häufiger in meinem Leben haben sollte, hat mich stark geprägt. Das Anti-Rechte kam bei mir erst viel später, weil die Rechte damals so schwach erschien, dass man sich hauptsächlich mit Linken auseinandersetzen konnte.

Frage: In dem Milieu, aus dem Sie stammen, war es normal, mindestens CDU zu wählen, wenn nicht sogar Parteimitglied zu sein; es war normal, konservativ zu sein. Der Geist von 68 hat Sie dann in ein Spannungsfeld gebracht. Mit welcher Konsequenz?

Püttmann: Erst einmal bin ich 1980 in die Junge Union eingetreten – im Jahr, in dem Franz Josef Strauß Kanzlerkandidat wurde. Allerdings ist, so sage ich es immer im Spaß, meine Parteikarriere daran gescheitert, dass ich Mitglied im Orchester meiner Pfarrgemeinde war. Der Pastor hatte einen Instrumentalkreis, der zur gleichen Zeit probte wie die Junge Union sich traf. Deswegen war mit der bald Schluss für mich. Überhaupt habe ich immer zwischen Kirche und Politik geschwankt, auch bei den Überlegungen nach dem Abitur: Sollst du Theologie studieren oder doch Politikwissenschaft? Am Ende war es eine knappe Entscheidung von 51 zu 49 Prozent für Geschichte und Politikwissenschaft mit Nebenfach Theologie, das ich dann noch gegen Staatsrecht ausgetauscht habe.

Frage: Der christliche Kompass einerseits, großes politisches Interesse andererseits prägten Ihre Entwicklung. Warum haben Sie letztlich von der Theologie Abstand genommen?

Püttmann: Man kann es wohl selbst nicht ganz objektiv beurteilen, warum man etwas am Ende nicht machte; das Unterbewusste spielt schließlich auch eine Rolle. Und als der Lehre loyaler Katholik, der ich bin, würde ich zunächst sagen: Vielleicht fehlte tatsächlich die Berufung. Es gibt ja auch die Idee des Priestertums der Gläubigen, also in der Welt als Christus-Zeuge zu leben, auch an Schnittstellen zum Staat. So gesehen macht es eigentlich keinen allzu großen Unterschied, ob ich formal im Dienst der Kirche oder des Staates stehe. Was ich bezeuge, ist ungefähr das Gleiche. Auch die Vorstellung des Zölibats wird eine Rolle gespielt haben, weil ich mir nicht sicher war, ob ich das würde einhalten können. Vielleicht war auch die Leidenschaft für das Politische letzten Endes größer. Zudem war mir bewusst, dass mir als Priester jede Glaubenskrise zur Berufskrise geworden wäre. Und es fehlte wohl ein Quäntchen Sicherheit im Glauben, so dass ich das ganze Leben, auch beruflich, darauf hätte aufbauen können. In der Rückschau auf die letzten Jahrzehnte würde ich aber sagen, dass Glaube und Kirche immer eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben spielten. Das blieb mir auch durch Krisen erhalten und hat sich in gewisser Weise vertieft.

Andreas Püttmann im Porträt
Bild: © KNA (Archivbild)

Andreas Püttmann lebt als Journalist und Publizist in Bonn. Heute ist er eine der wirkmächtigsten konservativen Stimmen gegen den Rechtsextremismus.

Frage: Lassen Sie uns über etwas sehr Persönliches sprechen. Sie leiden seit vielen Jahren an den Folgen einer verschleppten Borreliose, also einer durch Zeckenbisse übertragenen Infektionskrankheit. Sie haben sich dazu auch öffentlich geäußert. Was hatte und was hat das für Rückkopplungen auf Ihr Leben?

Püttmann: Ja, ich hatte sogar mehrfache Borrelieninfektionen mit der typischen Wanderröte, die unbehandelt blieben und sich in Blutbefunden zeigten. Als meine Beschwerden auftraten, war die Krankheit leider noch nicht so bekannt wie heute, auch manchen Ärzten nicht. Und so ist sie bei mir schlicht nicht rechtzeitig diagnostiziert worden. In der Folge litt ich unter einer Fülle von entzündlichen und neurologischen bis hin zu depressiven Beschwerden. Das hat mich schließlich erst einmal aus dem Berufsleben ausgeknockt. Es brauchte eine wahre Odyssee durch verschiedene medizinische Disziplinen, um die Erkrankung in den Griff zu bekommen.

Mein Leben pendelte sich schließlich auf einen Zustand ein, in dem ich zwar nicht dauernd akut krank war, aber auch nie so richtig gesund. Es gab bessere Phasen, es gab schlechtere und regelrechte Schübe. Das hat mich sehr bedrückt und behindert. Es hat dazu geführt, dass ich deutlich weniger und individualisierter arbeiten muss, überwiegend von zu Hause aus und in Zeiten, in denen es mir besser geht. Den Belastungen eines kontinuierlichen Berufslebens konnte ich mich nicht mehr unterziehen.

Frage: Hat Sie diese Erfahrung der chronischen Krankheit, die Erfahrung, kein gesunder Mensch mehr zu sein, auch etwas gelehrt?

Püttmann: Ja, das sensibilisiert zunächst einmal für die Zerbrechlichkeit des Lebens an sich. Es ging mir zeitweise auch so schlecht, dass ich dachte: "Also, wenn es jetzt zu Ende ginge, wäre es auch gut." Die Erfahrung, dass es eben nicht selbstverständlich ist, einfach da zu sein und zu leben, ist radikal. Sie hat mich auch im Glauben herausgefordert. Solange im Leben alles gut und glatt läuft, ist es einfach, an einen Schön-Wetter-lieben-Gott zu glauben. Wenn man sich aber plötzlich im Kinderzimmer bei den Eltern wiederfindet, ein Drittel seiner Freunde und seinen Job verloren hat und unter den Anbrandungen immer neuer Beschwerden leidet, fragt man natürlich auch: "Warum? Warum tust du mir das an? Welchen Sinn hat das alles?" Glücklicherweise habe ich in dieser Zeit aber auch Menschen getroffen, die mir spirituellen Trost vermittelten, die mir halfen, einen Sinn in dieser Krise zu finden. Ich habe damals als Buchgeschenk eines Freundes Thomas von Kempens "Nachfolge Christi" gelesen, was mich sehr berührt hat. Ich ging durch eine Zeit intensiver religiöser Reflexion. Die Kommunikationswissenschaftlerin und Gründerin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Elisabeth Noelle-Neumann, sagte einmal sinngemäß: "Glücklich wird der Mensch nicht durch die Abwesenheit von Schwierigkeiten, sondern durch ihre Bewältigung." Die chronische Krankheit war tatsächlich die größte Schwierigkeit in meinem Leben. Natürlich gab es auch belastende Konflikte, nicht zuletzt solche, die sich aus meinen politischen Stellungnahmen ergaben. Ich war schließlich ständig exponiert und habe auch bösartigste Drohungen bis hin zu Morddrohungen erlebt. Das gehört zu den dunkleren Seiten eines öffentlichen Berufs. Die Krankheit war aber eindeutig die schwerste Last.

Frage: Aus dem, was Sie sagen, höre ich heraus, dass die Erfahrung der Krankheit Ihren Glauben noch einmal in eine andere Dimension gehoben und vertieft hat?

Püttmann: Ja, vor allen Dingen in einer christologischen Sicht. Wir Christen glauben eben nicht nur an einen allmächtigen, herrlichen und strahlenden Gott. Sondern der Gott des Christentums ist hinabgestiegen in das Reich des Todes, wie es im Credo heißt. Am Kreuz hat er gelitten wie wir Menschen, er ist verraten und gequält worden. Diese leidende Kreatur steht tatsächlich im Mittelpunkt der christlichen Religion. Indem man selbst leidet, hat man die Chance, die Ambivalenz des Leidens zu erkennen. Es kann auch in eine Freiheit und Sinnerfahrung führen. Wobei man das Leiden nicht suchen sollte, meine ich. Mir blieb immer eine religiöse Praxis fremd, die Leiden künstlich erzeugt oder zu sehr überhöht. Es gibt ein Gedicht von Ottokar Kernstock: "Wenn sich dereinst des Lebens Rätsel lösen,/ wirst du es sehn, geschärften Blicks,/ dass manches Glück nur Leid gewesen,/ und manches Leid die Quelle reinsten Glücks." Das ist mir zur Trostformel geworden, die ich in gewissem Umfang bestätigen kann.

Frage: Wer selbst leidet, kann vielleicht das Leiden anderer besser verstehen und auffangen?

Püttmann: Ja. Ich habe damals auch nicht als Selbstzweck öffentlich über die Krankheit gesprochen und darüber publiziert. Mit vielen anderen Betroffenen habe ich Telefongespräche geführt, in der Borreliose-Selbsthilfe mitgearbeitet. So konnte ich Erfahrungen teilen und meine eigene Belastung auch ein Stück weit relativieren. "Geteiltes Leid ist halbes Leid", sagt der Volksmund, und die Bibel: "Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen" (Gal 6,2).

Hilde Regeniter