Wenn junge Leute bei "klassischen Anbietern" keine Antworten auf ihre Fragen nach Sinn bekommen, laufen sie laut Klaus Zierer Gefahr, in Sozialen Medien "falschen Propheten" aufzusitzen. Der Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg sagte am Donnerstag in einem "Tagespost"-Interview: "Hier müssten bei den Kirchen Alarmglocken klingeln. Sie sollten sich fragen, ob sie sich nicht auch wieder auf diesen Kern konzentrieren sollten."
Dabei helfe es nicht weiter, christliche Influencer zu verteufeln, "weil sie angeblich zu radikale Positionen zum Christentum vertreten". Laut Zierer zeigt sich hier nur: "Die Suche nach Sinn, auch die Suche nach Sinn durch den Glauben, ist auch bei jungen Leuten durchaus vorhanden."
Kindern eine Heimat geben
Die eigene Identität zu bestimmen, werde für junge Leute immer schwieriger. Erziehungsstrukturen zwischen Familie, Schule und Vereinen seien heute weggebrochen. Doch die Frage nach Sinn und Orientierung bleibe. Deshalb werde guter Religionsunterricht heute noch nötiger gebraucht als früher. "Aber in der Unterrichtsrealität wird das nicht aufgegriffen", stellt Zierer fest.
Guter Religionsunterricht müsse Kindern an erster Stelle eine Heimat geben, sagt der Pädagoge: "Erst einmal muss ich wissen, wer ich bin und woher ich komme. Ich muss mich mit meinem eigenen Glauben beschäftigen. Erst in einem zweiten Schritt kann ich dann den Blick öffnen." Wenn man sich vor diesen Grundlagen drücke und nicht richtig Position beziehen wolle, laufe das an der Orientierungssuche der Kinder vorbei. Doch nach seiner Erfahrung seien nur die wenigsten Religionslehrer bereit für diese Art des Unterrichts.
Laut Zierer macht die Kompetenz, bei Kindern und Jugendlichen Debatten zu erkennen und zu führen, einen guten Lehrer aus. Aber dafür sei kein Platz. Stattdessen würden Lehrer "zu Fachidioten gemacht". Zierer empfiehlt, Religionslehrer sollten sich die Frage stellen: "Was ist meine Aufgabe und was macht guten Religionsunterricht wirklich aus?" (KNA)