Herrgottskinder – Die Elternkolumne

Wie erkläre ich meinem Kind den Tod? Pumuckl hilft

Pumuckl Stickerei auf einer Baseballkappe
Bild: katholisch.de/Christoph Brüwer

Smalltalk im katholisch.de-Großraumbüro, ein Kollege sitzt an seinem Platz, neben sich seine Baseballkappe. Darauf: ein rothaariger Kobold, der grinst. Pumuckl. Was ich in diesem Moment nicht ahne: Dieses Gespräch bringt mich bald dazu, mit meiner Tochter über den Tod zu sprechen. Es stellt sich heraus, dass es eine Neuauflage der Pumuckl-Serie gibt, die mir komplett entgangen ist. Ein weiterer Kollege erzählt von einer Folge, die es in sich habe: Meister Eders Neffe Florian, der die Werkstatt jetzt weiterführt, geht mit Pumuckl an das Grab seines Onkels – und die Folge erkläre kindgerecht und, wie der Kollege findet, "fast schon kirchlich", was Sterben bedeutet.

Abends beim gemeinsamen Familienessen auf der Terrasse kündige ich an, die Serie in den Sommerferien zum Abendritual zu machen: "Mama hat diese Serie früher auch mit Oma und Opa gesehen." Meine Tochter setzt sich sofort aufrecht hin. "Sind das mehrere Filme?", fragt sie gebannt – schon mit der Aussicht, auf dem Sofa zu liegen, zu kuscheln und sich einfach berieseln zu lassen. Die ersten beiden Folgen laufen wie erwartet: Chaos in der Werkstatt, ein Streich, viel Klebstoff, viel Lachen. "Pumuckl ist ganz schön frech, Mama, aber lustig", sagt sie mit strahlenden Augen neben mir. Ich frage mich kurz, ob das wohl Auswirkungen auf unseren Alltag haben wird – und ob ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

"Ist Opa auch unsichtbar?"

Dann folgt am dritten Tag Folge drei. Pumuckl findet die Brille des alten Meister Eders und will wissen, wo der jetzt sei. Florian druckst herum, spricht von einem "schönen Fleckerl auf dem Friedhof" – Pumuckl will natürlich sofort hin. Am Grab angekommen, versteht der Kobold nicht, was das alles soll. Erst als beide gemeinsam eine Kerze anzünden, findet Meister Eders Neffe Florian die richtigen Worte. Und am Ende der Folge findet Pumuckl seine eigene Erklärung: Meister Eder ist jetzt einfach auch unsichtbar geworden – so wie er selbst sich auch unsichtbar machen kann. Das beruhigt ihn sichtlich.

Neben mir auf dem Sofa wird es still. Meine Tochter schaut auf ihre Hände, dann zu mir. "Ist Opa auch unsichtbar?", fragt sie. 

Nahaufnahme der gestickten Pumuckl-Figur auf einer Kappe
Bild: © katholisch.de/Christoph Brüwer

Der freche Kobold in Stickerei-Form – kaum zu übersehen.

Ich weiß in diesem Moment nicht genau, was ich antworten soll. Also erzähle ich, was ich selbst glaube und worüber wir schon öfter gesprochen haben: dass Opa nicht mehr da ist, so wie er mal da war, aber trotzdem irgendwie bei uns bleibt. Sie nickt. 

Meine Tochter kennt ihren Opa eigentlich nur von Fotos. Sie war zwei, als er starb. Und doch redet sie ständig von ihm, ganz selbstverständlich, so als wäre er die ganze Zeit dabei gewesen. "Ich mal ein Bild für dich, Papa, Oma und Opa", sagt sie zum Beispiel, wenn sie am Küchentisch sitzt und Buntstifte auspackt – und rechnet ihn dabei so mühelos zur Familie, als hätte sie ihn gestern noch gesehen. Oder: "Ich gieße Opas Blumen im Garten, dann freut er sich."

Das Konzept des "Unsichtbaren"

Mir wird erst jetzt bewusst, dass meine Tochter dieses Konzept des "Unsichtbaren" schon lange verinnerlicht hat. Für sie ist mein Vater immer präsent, auch wenn er körperlich nicht mehr sichtbar ist. Am nächsten Wochenende sind wir in der Kirche, und sie fragt, ob sie eine Kerze anzünden darf. Für Opa. Ich sage ja. Sie hält die Kerze sehr ernst in der Hand, stellt sie ab und schaut sie eine Weile an, bevor wir weitergehen. 

Ich denke an Pumuckl, der am Grab seines Meisters seine eigene, kindliche Erklärung findet, wie das mit dem Unsichtbarsein funktioniert. Das ist gar nicht so weit weg von dem, was die Kirche mit der Gemeinschaft der Heiligen meint: dass die Verstorbenen nicht einfach weg sind, sondern auf andere Art bei uns bleiben. Ob meine Tochter das jemals in diesen Worten fassen wird, weiß ich nicht. Aber wenn sie ihr Bild malt und Opa ganz selbstverständlich dazuzählt, dann lebt sie das schon lange, bevor sie es erklären könnte. 

Stefanie Heinrichs